Wir waren gefangen, also sahen wir uns in unserem Gefängnis um in der Hoffnung, noch irgendwo eine verborgene Tür oder etwas Hilfreiches zu finden – vergebens. Unter der Treppe standen einige alte Umzugskartons mit allerlei Krempel darin und tatsächlich ein Blumentopf mit einer staubtrockenen Zimmerpalme.
„Was machen wir jetzt?“ flüsterte sie, ließ sich auf die unterste Treppenstufe sinken und schaltete das Licht vorsorglich aus, während wir nachgrübelten; auch ihr Akku würde nicht mehr ewig halten. „Ob eine der anderen Türen oben sich öffnen lässt?“
„Uns würde nur die hier im Erdgeschoss etwas nützen“, antwortete ich und wünschte, den Mund gehalten zu haben. Warum das Unübersehbare noch tiefer reindrücken? Wir saßen hier im Treppenhaus fest, was mir angesichts meiner charmanten und wunderschönen Begleiterin jedoch nicht als das Schlechteste auf der Welt erschien. So hatten wir Zeit, uns näher kennenzulernen – notfalls bis Montag, wenn die Angestellten wieder zur Arbeit kamen. Von mir aus konnte es bis dahin auch noch Jahre dauern – allerdings würden wir dafür etwas zu essen und zu trinken benötigen und auch eine Toilette würde bei Zeiten nicht zu verachten sein.
Sie seufzte leise im Dunkeln und schien ihren schmerzenden Knöchel zu massieren. Ich überlegte fieberhaft. Dann bat ich sie um Licht und begann, in den Umzugskartons herum zu wühlen. Ich war dem Himmel unendlich dankbar, als ich drei kleine Kerzenstummel mit eingesunkenem Docht fand und dazu auch einen angelaufenen niedrigen Kerzenhalter aus Messing.
„Rauchen Sie?“ fragte ich, erhielt aber ein Kopfschütteln als Antwort. Dann schien sie zu begreifen und kramte in ihrer Handtasche.
„Aber“, grinste sie und zog ein Streichholzbriefchen hervor, auf dem ich die Golden Gate Bridge erkannte, „ich habe letzte Woche in San Francisco in einem Hotel gewohnt, wo sie diese hübschen Streichholzbriefchen mit Stadtansichten hatten.“
Nun hatten wir wenigstens Licht in unserem Gefängnis, das ich mithilfe der Umzugskartons und einem Teppichrest in eine einigermaßen weiche Sitzgelegenheit verwandelte. Meine wunderschöne Begleiterin lächelte mich an und ließ sich zu dem improvisierten Lager herüber helfen.
Ich zog mein Jackett aus und hängte es ihr über die nackten Schultern. Dabei rutschte einer der Träger ihres roten Kleides ein wenig zur Seite, sodass ihr Ausschnitt für einen Moment tiefer wurde und unverhofft den Blick auf den Rand ihres weißen Spitzen-BHs gestattete. Schnell drehte ich mich zur Wand und zwang mich, an meine Zahlenkolonnen für die Berechnung des Projektbudgets zu denken; doch die Ablenkung wollte mir nicht so recht gelingen.
„Darf ich mich anlehnen?“ fragte sie leise und machte meine Lage damit nicht unbedingt besser. „Die Jacke tut gut, aber mir ist trotzdem kalt.“
Ich nickte stumm, denn ich war noch zu sehr damit beschäftigt, die sanft aufragenden Hügel ihrer Brüste unter dem dünnen Stoff des Kleides auszublenden. Es gelang mir jedoch nicht, denn – um ehrlich zu sein – ich wollte sie ansehen, alles an ihr, jeden Zentimeter ihrer blassen Haut, die im Kerzenschein wie Seide schimmerte. Noch mehr aber wünschte ich mir, sie zu berühren, zu küssen und erforschen zu dürfen.
Innerlich mahnte ich mich zur Zurückhaltung, was angesichts dieser Frau eine schwere Aufgabe war. Aber ich hatte gelernt, dass es sicherer ist, die Initiative an die Partnerin abzugeben – zumindest vor dem ersten Mal.
So schalt ich mich innerlich – und hörte mich dabei an wie meine Tante Ada, während eine andere Stimme mir wie das sprichwörtliche kleine Teufelchen in der Stimmlage meines besten Freundes John antwortete.
„Benimm dich, Sam“, sagte Tante Ada alias das Engelchen streng.
„Ach was“, widersprach John mit einem lüsternen Grinsen. „Sie will es doch auch. Nimm sie dir!“
„So habe ich dich aber nicht erzogen, Sam!“ rief Tante Ada dazwischen.
„Hör nicht auf die!“ knurrte das Teufelchen. „Was weiß die denn schon. Da hast du die schönste Frau der Welt getroffen und ihr seid alleine!“
„Bitte, Sam! Beherrsche dich!“ flehte das Engelchen.
„Sie kann dir nicht entkommen, Sam“, gab das Teufelchen zu bedenken. „Und außerdem flirtet sie doch schon mit dir. Los jetzt!“
Tante Ada wollte etwas Engelhaftes erwidern, aber da machte die Frau im Treppenhaus ihr einen Strich durch die Rechnung – und ließ Teufelchen John in siegesgewisses Lachen ausbrechen. Ich war sehr bemüht, mir die Vorfreude und Erregung nicht ansehen zu lassen und schloss für einen Moment die Augen.
Die Frau im Treppenhaus ließ sich davon nicht irritieren. Sie setzte sich mit ausgestrecktem rechtem Bein neben mich und lehnte die Wange an meine Schulter. Ich spürte die Wärme, die durch mein Polohemd von ihr auf mich überging und beinah zu knistern schien.
Wir unterhielten uns noch eine Weile, dann wurden wir ruhiger und müde. Ich bettete sie sorgsam auf unser Lager und breitete mein Jackett über sie; dann legte ich mich neben sie – mit fünf Zentimetern Sicherheitsabstand. Sie aber rutschte näher und kuschelte sich in meine Arme, sodass meine Wange an ihrer Schläfe zu liegen kam. Ich spürte, dass sie ein paar Tränen vergoss und ein leichtes Zittern ihren Körper erbeben ließ. Ob sie Angst hatte? Vielleicht war ihr auch viel kälter als sie gesagt hatte. Ich schloss meine Arme fester um sie und spürte, wie sie ruhiger wurde. Wir wärmten uns gegenseitig und lauschten eine Zeitlang nur dem Atem des Anderen; dann aber drehte sie ihr Gesicht zu mir, hob das Kinn und stupste mit ihrer Nasenspitze an mein Kinn. Ich spürte, wie mein Herzschlag augenblicklich in Galopp ausbrach. Mir wurde heiß und kalt, dann blieb mir der Atem weg, als ihre vollen roten Lippen meinen Kiefernbogen streiften.
Ihr Atem war warm und ging flach, als sie sich mit einem Lächeln auf den Lippen noch näher an mich kuschelte. Im nächsten Moment fand mein Mund den ihren, erst vorsichtig, dann immer gieriger. Sie zögerte, aber nur Sekundenbruchteile, bevor sie meinen Kuss erwiderte. Auch sie forderte mehr und schickte ihre Zunge zuerst auf Erkundung.
An dieser Stelle möchte ich betonen, dass es sonst nicht meine Art ist, eine Frau, die ich weniger als vierundzwanzig Stunden kenne, bei der ersten Gelegenheit zu überwältigen. Wobei – in diesem Fall war ich überwältigt und sehr froh darüber. Ganz gleich, wohin das mit uns führen würde, ich wollte es erleben.
Ich bin niemand für eine Nacht. Aber diese Nacht mit ihr in diesem, nur vom Kerzenschein erhellten Treppenhaus war die großartigste Nacht, die ich je erlebt habe. Wie oft wir eng umschlungen über unser Lager aus den alten Umzugskartons rollten, vermag ich bis heute nicht zu sagen; es können Millionen und Abermillionen gewesen sein. Das Einzige, das ich mit Bestimmtheit sagen kann, ist, dass ich irgendwann vor Erschöpfung glückselig eingeschlafen bin.
Die Kerzen waren heruntergebrannt, als ich zitternd erwachte. Ein merkwürdiges Geräusch hatte mich aufgeweckt, doch ich konnte es nicht einordnen. Um mich herum herrschte schwarze Finsternis.
Ich tastete umher und bekam mein Polohemd, mein Jackett und meine Hose zu fassen. Ich suchte weiter, doch ich fand sie nicht. Als ich in die Dunkelheit hineinfragte, fiel mir auf, dass ich noch nicht einmal ihren Namen wusste. Hatte ich mich ihr vorgestellt? Aber Namen waren unwichtig gewesen in unserer wundervoll-magischen Nacht im Treppenhaus. Und nun hockte ich da, allein. Sie war weg.
Ich rappelte mich auf und kroch auf allen Vieren zum Fuß der Treppe. Dort fand ich auch keine Spur von ihr, sodass ich mich im Dunkeln am Geländer hochzog und hinaufzusteigen begann.
Als ich gerade das zehnte Stockwerk erreichte, hörte ich plötzlich wieder das merkwürdige Geräusch, ein leise summendes Geräusch schräg über mir. Im nächsten Moment ging über der Tür zum Bürogebäude flackernd eine grünliche Notbeleuchtung für den Fluchtweg an. Ich drückte probeweise die Türklinke – und war zugleich überrascht und erleichtert, dass sich die elektrisch gesicherte Tür problemlos öffnen ließ. Offenbar war irgendwo ein Notstromaggregat eingeschaltet worden. Ob bereits jemand im Haus war, so früh am Samstagmorgen?
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