Dieses Bild hatte Viktoria für ihren Vater gemalt, damit der es seiner Braut zur Hochzeit schenkte. Viktor fand, dass sich seine Schwester mit dem ausdrucksstarken, berührenden Bild selbst übertroffen hatte und recht daran tat, ihr Kunststudium in Düsseldorf fortzusetzen.
Während er noch über das Gemälde sinnierte, rubbelte er mit einem Tuch Annas langes goldblondes Haar trocken. Denn an diesem Tag herrschte ausnahmsweise sehr schlechtes Wetter im Elfenland. Es war kalt und goss wie aus Kübeln. Weil man bei den Elfen üblicherweise zu Pferde unterwegs war anstatt in einem schützenden Auto oder Ähnlichem, waren sie beide pitschnass im Schloss eingetroffen.
… Seine Elfenwelt existierte parallel zu jener der Menschen und konnte ausschließlich über geheime Eingänge erreicht werden. Außerdem waren viele zusätzliche Portale zu durchqueren, um zum Beispiel zum königlichen Schloss zu gelangen. Dazu benötigte man nicht nur die passenden Schlüsselworte. Auf Reisen über Land war es zudem ratsam, ein elfisches Pferd zu besitzen, das einen sicher zu den oft weit voneinander entfernten Elfenorten trug.
Selbst wenn er mit Anna auf seinem schneeweißem Pferd Ariella ritt, brauchten sie fast immer eine volle Stunde, um zum Schloss zu gelangen. Und das, obwohl sein Haus direkt am Eingang zum Elfenreich lag.
Auch Annas Wald befand sich nah am Eingang, was sie damals, als Viktor sie ansprach, natürlich noch nicht wissen konnte. Aber allein dieser Umstand hatte ihn zu Anna gebracht, als er seinerzeit die dortige Gegend zu erkunden begann, dabei das hübsche träumende Mädchen auf der Lichtung entdeckte und sich sofort in ihre Schönheit, ihre Träume und in sie verliebte.
Sie war sehr klein und zierlich. Elfengleich, würden die Menschen sagen. Hinter einer schlichten Brille blickten verträumte, betörend hellblaue Augen, die Viktor an die hellen Saphire der Edelsteinmine seines Onkels Estra erinnerten. Ihre zarte Porzellanhaut schimmerte hauchfein rosa, wenn sie sich aufregte. Das passierte sogar manchmal während ihrer Träume. Sie schien unterdessen wohl allzu sehr abzuschweifen, sprach dabei ihre Visionen und Wünsche laut aus. Das verwirrte ihn. Sowohl ihre Worte als auch ihr reizvoller roter Mund, dessen Lippen sich so sinnlich bewegten.
Seit er sie dann eines Tages angesprochen hatte, waren sie ein Paar. Seitdem und für ewig! …
»Du solltest mein Angebot annehmen, Anna«, meinte Vitus ernst, als er ihr feuchtes Haar betrachtete.
Beim Anblick des vor Nässe triefenden Paares hatte er den Kamin allein mit dem Schnippen seiner Finger entzündet. Nun prasselte es fröhlich und wohltuend wärmend vor sich hin.
»Gertus ist ein ruhiges, braves Pferd. Etwas klein geraten, dennoch wendig, schnell und treu. Mein Rittmeister hat es mir für dich empfohlen. Es wäre optimal. Du und Viktor, ihr wärt bestimmt mehr als eine Viertelstunde früher hier im Schloss, wenn du mit deinem eigenen Pferd reisen würdest.«
»Danke, Vitus«, gab Anna matt zur Antwort, »aber ich hab halt immer noch riesigen Respekt vor den Tieren. Ich bin‘s nicht gewohnt und hab nie reiten gelernt.«
Vitus lächelte. »Anna, du musst nicht lernen, auf einem Elfenpferd zu reiten. Es muss dich nur kennen. Den Rest macht es einfach selbst.«
»Ihr habt gut reden, ihr Elfen. Ihr seid alle total groß und stark. Deshalb habt ihr kein Problem damit, auf den breiten Rücken eines solchen Riesen zu springen. – Oh, entschuldige, Loana. Es gibt natürlich Ausnahmen.«
Schmunzelnd registrierte Viktor, dass die für Anna so typische Röte bei ihr aufstieg, und das, wo er gerade noch genau darüber nachgedacht hatte. Sie war sichtlich verlegen, hatte sie doch außer Acht gelassen, dass Loana nur ein paar Zentimeter größer war als sie selbst. Eine wirkliche Seltenheit in der Elfenwelt. In der Regel waren Elfen eher groß.
Loana lachte hell auf. »Du brauchst nicht rot zu werden, Anna. Ich bin halt was kleiner, genau wie Denara. Das macht mir nichts aus.«
Loana nippte genießerisch an ihrer Tasse. Es war allen bekannt, wie sehr sie ihren Kaffee liebte. Das umso mehr, seitdem Vitus der Auffassung war, er könnte vielleicht schädlich für sie und die Babys sein, weshalb er ihren Kaffeekonsum seit einiger Zeit rationierte.
»Es ist nicht schwer, auch für uns Kleine, auf einen Pferderücken zu kommen. Das kannst du lernen. Vitus hat recht, Anna. Alles Übrige übernimmt das Tier. Versuch es doch mal.« Nach einem weiteren Schlückchen stellte sie die Tasse ab. »Du besitzt alle Schlüssel, um hierherzugelangen. So könntest du alleine anreisen, wenn Viktor einmal keine Zeit hat, dich abzuholen. Was meinst du?«
Anna seufzte.
»Oh je! – Autofahren. Reiten. – Alles nicht meine Welt!«
Lautes Gelächter brach aus, denn sie hatte wieder einmal vergessen, ihren Geist zu verschließen. Das passierte ihr häufig. Zu ihrem Leidwesen konnten die Elfen dann in ihr lesen wie in einem offenen Buch.
»Wir probieren es nachher mal aus, Süße«, schlug Viktor immer noch lachend vor. »Außerdem, was heißt hier: Ihr Elfen ? Ich bin nur ein halber Elfe und habe keine Probleme. Und du bist schließlich auch kein reinblütiger Mensch, sondern hast selbst jede Menge Elfenblut in dir. Also, mach dich nicht immer so verrückt.«
»Daran muss ich mich halt noch gewöhnen. Ich weiß ja erst seit Kurzem, dass ich einen Elfenopa hatte. Wer weiß, ob ich so was kann? – Ach, Mist! Wieder den Geist nicht verschlossen!«
Jeder wusste, dass Vitus falsche Bescheidenheit entschieden gegen den Strich ging und deswegen ungehalten reagieren konnte. Zu Viktors Erleichterung lächelte sein Vater freundlich. »Du liest Gedanken und entwickelst ständig mehr emphatische Fähigkeiten, Anna. Wieso hast du immer noch Zweifel an dir? Schau dir Viktor an. Er ist inzwischen kaum von einem Vollblutelfen zu unterscheiden. Gerade gestern erst hat er nicht nur Blitze vom Himmel geholt. Nein, er hat ein ganzes Gewitter samt heftigem Sturm gerufen.«
Grinsend sah er Viktor kurz an. »Ich war natürlich nicht dabei. Wir waren ja noch auf der Rückreise. Aber ich habe es deutlich gespürt. Viktor war ziemlich mies gelaunt, weil er dich gestern nicht sehen konnte, Anna. Hier im Schloss gab es einfach zu viel zu tun. Da ist es mit ihm durchgegangen und …«
»Also wirklich, Vater«, fuhr Viktor dazwischen.
Doch Vitus hob gebieterisch die Hand. »Du musst noch lernen, dich zu zügeln, Viktor. Es macht mich trotzdem stolz, dass du es kannst. Was du alles gelernt hast, seit du Anna kennst, ist nun mal erstaunlich. Und auch Anna lernt sehr viel, genau wie ihre Geschwister und Viktoria. Das erfüllt mich mit großer Freude.«
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