Es können aus Platzgründen nicht alle genannt werden.
Sicher, nur die Zuhörer und Zuschauer konnten daran teilhaben, insgesamt ein kleiner Teil der Bevölkerung. Aufzeichnungen und Dokumentationen können die Vorstellungen nicht vollständig wiedergeben, sie sind auch nicht wiederholbar.
Die knisternde, atemlose oder berauschende Atmosphäre dieser Kunstereignisse war unvergeßlich. Hier waren das Ideal der Harmonie oder der tragische Konflikt zu erleben. Ja, es war nur ein Spiel auf der Bühne, aber mit Widerhall in Kopf und Herz. Für einen Moment waren Kunst und Leben vereint, ehe die harte oder banale Realität in das Idyll einbrach.
Der Erfolg dieser Inszenierungen beruhte - in der Tradition der Klassik: - auf Interpretationen im Sinne des jeweiligen Werkes und zugleich mit einem echten, d. h. inneren Bezug zur Gegenwart, soweit dies möglich war.
Während Kunst und Kultur eine besondere Realität bilden, die im Laufe der Zeit verblaßt, gibt es eine Nachwirkung der DDR, die besonders bemerkenswert ist: Die andauernde Säkularisierung. Die Mehrheit der Bevölkerung ist in der DDR zu Atheisten geworden und es bis heute geblieben, wahrscheinlich der größte Erfolg der SED. Die Bevölkerung auf dem heutigen Territorium der ehemaligen DDR hat prozentual weltweit den höchsten Anteil von Atheisten, im Schnitt 2/3, in Leipzig sollen es 80% der Bewohner sein. Darauf könnte man doch stolz sein?
Was ist sonst im Denken und Verhalten der Menschen an sozialistischen Werten geblieben? Die DDR eine Hochburg des Antifaschismus, leider nicht. Der Ausbruch des Rechtsradikalismus nach 1990 war schlimm. Wenn auch die Führungsfiguren aus dem Westen stammten, so gewannen sie doch zum allgemeinen Erschrecken einen gewissen Anhang. Nur bei manchen Umfragen, wenn es um Frieden oder Krieg, Solidarität und soziale Gerechtigkeit geht, blitzt in den besseren Ergebnissen (im Vergleich zum Westen) ein positives Signal auf und bezeugt, daß im Osten einmal anders gedacht wurde. Ein schwacher Trost, aber immerhin.
Es entstand sogar eine nachträgliche DDR-Identität. In der letzten Zeit soll sie zugenommen haben.
Über die Ursachen des Stimmungsumschwungs im Herbst 1989 ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Im rasanten Tempo, das für den einzelnen Zeit-Genossen, ob passiv oder aktiv, keine Zeit zum Überlegen oder Innehalten ließ, veränderten sich die Losungen von der Demokratisierung des Sozialismus in eine völlig andere Richtung, was sich in den berühmten "Wir sind..."-Losungen symbolisierte und im Wahlkampf-Motto der CDU von 1990 "Nie wieder Sozialismus" gipfelte. Das bedeutete die totale Unterwerfung unter die BRD und dürfte als bürgerlich-demokratische Revolution eine treffende Charakterisierung durch Axel Wörner erhalten haben.
Das rückt auch die Idealisierung der Bürgerbewegung zurecht, die mit staatlicher Förderung penetrant betrieben wird. Ihr Vorrecht, in der Öffentlichkeit als erste für bürgerliche Freiheiten eingetreten zu sein, wird nicht bestritten. Daß aber behauptet wird, allein Kirche und Kerzenhalter hätten den friedlichen Verlauf der Revolution erzwungen und die SED-Herrschaft zum Einsturz gebracht, ist Geschichtsklitterung. Das Mitwirken von Hunderttausenden SED-Mitgliedern von innen, wenn auch aus anderen Motiven und mit anderen Zielen, wird verschwiegen. Selbst die zu Recht vielgeschmähten Honecker & Co. sollten nicht nur einseitig gesehen werden. Ihr Verzicht auf Gewalt und nachfolgender Rücktritt, ob freiwillig oder erzwungen, steht dahin, war einmalig. Ob heutige Machthaber eine analoge Haltung in einer vergleichbaren Situation einnehmen würden, kann stark bezweifelt werden.
Wir können nicht mehr wie vor hundert Jahren zur Zeit August Bebels, unbeschwert in die Zukunft schauen. Damals war gewiß, der Sozialismus ist die Lösung der Geschichte. Er war das Ideal, das einmal Wirklichkeit würde. Heute ist das nicht mehr so einfach. Der Glauben ist dahin. Es ist zu viel passiert. Die Verbrechen der großen und kleinen Stalins lasten schwer. Haben die sozialistischen Ideale die stalinistischen Torturen überstanden? Die Antwort ist offen.
In die Zukunft möchte man gern schauen, aber niemand kann oder will sie voraussagen. Deshalb muß Zuspruch wieder aus der Vergangenheit geholt werden. Erinnern wir uns daran, daß auch in anderen Zeiten mutige Männer wie der englische Schriftsteller Percy Shelley an ihrem Ideal festhielten:
„…und daß die Menschen / Nun friedlich einer mit dem andern gingen, / …Und keiner kroch / Und keiner trat den andern; weder Haß / Noch Furcht noch Stolz noch eitel Eigensucht / Noch Selbstverachtung standen mehr geschrieben / Auf Menschenstirnen…keiner / In banger Furcht erhob nach eines andern / Gebieterischen Aug` den scheuen Blick…/ … Keiner frechen Hohns / Zertrat die Funken in dem eignen Herzen / Von Lieb´ und Hoffnung, bis nur bittre Asche / Zurückgeblieben als der Seele Rest…/ Befreit nun bleibt der Mensch scepterlos, / Beengt durch keine Schranke, jeder gleich / Dem anderen, ohne Rang und Stamm, gebunden / an keine Scholle – Bürger nur der Welt…/ Sein eigner König, mild, gerecht und weise“.( Shelley, Percy: Der entfesselte Prometheus. Drama. Den zitierten Text spricht der Geist der Stunde . Zitiert nach: Bahro, Rudolf: …die nicht mit den Wölfen heulen. Das Beispiel Beethoven. Und sieben Gedichte, Europäische Verlagsanstalt. Köln und Frankfurt a. M. 1979, S. 111. Hervorhebung M. H.)
Das schrieb kein alter Mann, sondern ein junges Genie im Alter von 26 Jahren im Jahre 1818.
Leipzig, Juli 2009
Manfred Hötzel
Gerhard Schumacher
Ochs und Esel oder: Das deutsche Dilemma
Eine Polemik
Gestern noch herrschte Langeweile zur gewohnten Ordnung.
Mit einem Mal war da alles etwas anders. Spazierte der Postler in fremdblauer Uniform durch den Ausstellungsraum der automobilen Nobelmarke, stanken die Zweitakter mausgrau durch die Straßen einer Stadthälfte, die eigentlich noch schlief, geisterten vielköpfige Familien auf der Suche nach Verwandtschaft und altem Anhang zwischen den Häuserschluchten umher, schob sich nicht wenig Masse Mensch durch Läden und Kaufhäuser. Mit einem Mal war unerwartet alles anders, nicht mehr zu fassen. Mit einem Mal war die Grenze offen und keiner wußte so recht: warum?
In der Westberliner Schlüterstraße stand ich neben mir, dort, wo sie den Kurfürstendamm quert, morgens zwischen acht und neun Uhr, es war Freitag, ein Tag nach dem entscheidenden und um mich herum quirlte und wieselte es wie sonst nur bei Volksfesten. Später erst ging mir auf, daß es sich auch um ein solches gehandelt hatte. Wortfetzen eines Zungenschlags, der verspottetes Synonym für Grenzkontrollen und Unannehmlichkeiten war, schlichen sich in meine Ohren. So mußte wirklich guter Film sein: gelebte Illusion in einer Darstellung, die von der Echtheit nicht zu unterscheiden war.
Es wechseln die Zeiten. Die riesigen Pläne
Keine Ahnung, wer außer mir in dieser Stadt den Vortag, den ein verwirrter Genosse Schabowski zum folgenreichen machte, ebenfalls verschlafen hatte, viele werden es nicht gewesen sein. Ich selbst hatte nichts mitbekommen, bin früh zu Bett gegangen, war nicht aufgeweckt genug, Geschichte unmittelbar am eigenen Körper zu erleben. Am nächsten Morgen, als ich ins Freie trat, roch ich die Veränderung. Zweitaktgemisch hing ungewohnt in der Luft, auf der nahen Hauptstraße knatterte es bläulich aus kleinen Gefährten, die in ihrer blassen Farbigkeit irgendwie komisch daherkamen. Gewinkt wurde und umarmt, geherzt halt, wie üblich zwischen Brüdern und Schwestern, die sich wohltuend lange nicht gesehen hatten. All das bekannte Szenerie, die in den letzten zwanzig Jahren tausende Male über die Bildschirme bis in die letzten Winkel der Welt geschickt wurde und jetzt, zum Jubiläum, unübersehbaren Höhepunkten entgegenstrebt. Davon darf mit einiger Sicherheit ausgegangen werden.
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