Keine dieser jungen Weiber mehr! Und, wenn doch dann nur eine von denen die reifer waren und gewisse Erfahrungen besaßen!
Michael Bruhns wollte gern einen »richtigen« Beruf erlernen.
Aber auch das Abitur strebte er an, um später studieren zu können.
Also trug er sein Ansinnen der Schulleitung vor und man setzte sich für ihn ein. Mit Beginn der elften Klasse durfte er in eine kombinierte Berufsschule wechseln, um dort eine »Berufsausbildung mit Abitur« zu beginnen.
Die folgenden drei Jahre lebte er von nun an im Lehrlingswohnheim. Das war für ihn aber auch für seine Mutter eine nutzbringende Lösung. Denn sie konnte jetzt ihre zu groß gewordene Wohnung gegen eine Kleinere tauschen.
Da sich in der Familie Bruhns einige Veränderungen vollzogen hatten, bot sich das an.
Michaels Schwestern waren inzwischen beide verheiratet. Die eine nach Erfurt und die andere nach Halle/Neustadt verzogen.
Vater Bruhns hingegen verstarb im vorigen Jahr überraschend an einem Hirnschlag.
Jahrelang hatte Johanna versucht, ihrem Anton die Qualmerei vor allem aber den Schnaps und das Bier abzugewöhnen. Leider ohne Erfolg. Er fiel einfach um und war tot.
Daher wurde die bisherige Behausung für sie zu groß. Im Nachbarhaus hingegen stand wegen eines anderen Todesfalls eine passende Wohnung frei. Die AWG stimmte einem Tausch zu und Mutter Bruhns vollzog mit Hilfe ihrer Kinder den Wohnungswechsel.
Indessen erlernte Michael fleißig den Beruf eines Baufacharbeiters. Gleichzeitig büffelte er zudem für das Abitur. Mit seiner Lernhaltung und auch mit seinen Lernergebnissen zeigten sich Lehrer und Ausbilder sehr zufrieden.
Andererseits offenbarte er gewisse für sie beunruhigende Eigenschaften. So bekundete Michael stets nur geringe Neigungen sich in das Lernkollektiv einzufügen. Demgegenüber aber demonstrierte er öfters einen spürbaren Führungsdrang. Zudem neigte er im Laufe der Jahre immer mehr zu einer spontan auftretenden Aggressivität.
Dessen ungeachtet nahm er stets an allen schulischen und außerschulisch verordneten Aktivitäten aktiv teil.
Die Berufsausbildung auf dem Bau entsprach in Gänze seinen Vorstellungen. Und die harte praktische Arbeit auf den Baustellen tat ihm auch körperlich gut. Bei der Aneignung von fachlichen Fertigkeiten und dem zugehörigen theoretischen Wissen legte er zumeist Eifer und Lernbegier an den Tag.
Seine Schultern wurden ausladender die Muskeln ansehnlicher. Nur das Wachstum in die Höhe klappte nicht so, wie er es gern gehabt hätte. Zu der von ihm angepeilten Körperhöhe von Einsachtzig fehlten noch knappe fünf Zentimeter.
Was Michael jedoch nicht davon abhielt, gelegentlich Auseinandersetzungen mit vermeintlich Stärkeren zu provozieren. Er schlug fast immer als Erster und verkürzte seine Attacken gern durch gezielte, brutale Schläge auf Magen und Leber.
Von Seiten der Lehrkräfte blieben disziplinarische Maßnahmen gegen ihn nicht aus. Zudem wurde seine Mutter informiert. Doch sie bemerkte es auch selbst, wenn sich in seinem Gesicht unübersehbar die Spuren der Auseinandersetzungen zeigten.
Denn dann suchte er nicht im Wohnheim, sondern daheim Unterschlupf.
Infolge dessen schien seine Mutter oft der Verzweiflung nahe. Inständig flehte sie ihren Sohn an, seine Aggressionen zu unterlassen. »Warum kannst du nicht so friedfertig sein, wie die meisten deiner Mitschüler? Woher kommt nur das Böse in dir?«
Statt einer Antwort zuckte er stets nur mit den Schultern.
Etwa zur gleichen Zeit erhielt Michaels Mutter von Seiten einer Nachbarin und hinter vorgehaltener Hand, beunruhigende Hinweise. »Bereits zum zweiten Male innerhalb eines Jahres, liebe Frau Bruhns, hat der ABV’er bei mir geklingelt! Ja, ja. Der Genosse Abschnittsbevollmächtigte! Um ein höchst vertrauliches Gespräch mit mir zu führen«, raunte die Nachbarin ihr zu. »Auch dieses Mal hat der Grüne ganz gezielt nach Michaels Umgang und seinem – Gesamtverhalten – gefragt!«, ergänzte die Frau mit Lockenwicklern im Haar. Wobei sie sich rasch umschaute. »Wie er denn so lebt, wollte er wissen. Wie sein Verhältnis zu anderen Leuten ist und ob er eventuell über unseren sozialistischen Staat gemeckert hat?« Sie schürzte kurz die Lippen, nickte mit geschlossenen Augen. »Der ABV musste mich natürlich zur Verschwiegenheit über dieses Gespräch verpflichten. Kann man ja verstehen. Aber ich als gute Nachbarin kann diese Information schließlich nicht der Mutter des betreffenden Jungen vorenthalten! Oder nicht?« Die Nachbarin trat einen Schritt zurück. Rasch schaute sich um. Woraufhin sie mit leiser Stimme aber unüberhörbarer Schärfe noch eine Frage stellte. »Wann, meine liebe Frau Bruhns, haben Sie in ihrem Konsum denn wieder mal Orangen oder die Pralinen aus’ m Westen?«
Michaels Mutter zeigte sich überrascht. Doch mit ihrer Vermutung, dass die Befragung durch den ABV nur erfolgte, weil ihr Sohn sich geprügelt hatte, lag sie völlig falsch.
Die Erkundigungen die der »Abschnitts-Bevollmächtigten der Volkspolizei« vornahm, dienten einem ganz anderen Zweck.
Michael Bruhns besuchte bereits die zwölfte Klasse. Er trug seine vormals schwarz–wallende Haarpracht inzwischen militärisch kurz geschnitten.
Im Gegensatz zu anderen Jugendlichen, deren Haare zumeist bis auf die Schultern fielen.
Ein anfänglich noch schütteres Oberlippenbärtchen pflegte er zudem mit Hingabe.
Mittlerweile war er ein breitschultriger, sportlicher Typ geworden und verfügte er mit seinen siebzehn Jahren zudem auch über ein gefälliges Äußeres. Dazu zählte auch, dass er bei Plaudereien mit Ausbildern und Vorgesetzten neuerdings eine gewisse Wortgewandtheit erkennen ließ. Das kam bei den meisten Leuten, mit denen er zu tun hatte, recht gut an.
Auch, weil er sie durch seinen galligen Humor zum Grübeln animieren konnte.
Dann jedoch kam der Tag an dem er bemerkte, dass er letztlich keine Freunde besaß. Denn nach und nach verkleinerte sich der Kreis derer, die mit seiner gesamten Art nicht mehr klarkamen. Diese Tatsache ließ ihn aber zu seiner eigenen Verwunderung völlig kalt.
Ende der Zwölfen Klasse begaben sich überraschende Dinge in Michael Bruhns Leben.
Es passierte an jenem Tag, an dem sein Klassenleiter, Herr Rieger, mit ihm eine der üblichen Aussprachen führte.
Wie immer tat er das an einem Freitag nach der letzten Stunde.
Michael und der Lehrer befanden sich allein im Unterrichtsraum. Die Fenster waren geöffnet, im Schulhaus war es ruhig geworden.
Der große, hagere Mann mit schütterem Haar roch durchdringend nach Tabakqualm. Denn vor dem Gesprächstermin zog er auf dem Schulhof wohl noch hastig eine Zigarette durch.
Die Ärmel seines dunkelgrauen Anzuges, an dem neben den drei Knöpfen nur das Parteiabzeichen glänzte, erweckten einen abgewetzten Eindruck.
Rieger lehnte sich rückwärts gegen das Lehrerpult. Er verschränkte die Arme vor der Brust und blickte auf Michael herab. Der hatte sich vor ihm in die erste Bank gequetscht.
»Es kotzt mich, gelinde gesagt langsam an, Michael Bruhns!«, begann der Lehrer die Aussprache. »Ich meine, dass ich mich wieder mit dir übers gleiche Thema auseinandersetzen muss – deine mangelnde Einfügung in das Klassenkollektiv! Ich begreife das nicht. Du gehörst unbestreitbar zu den leistungsmäßig besten Lehrlingen an unserer Berufsschule. Du zeigst bei der GST die hervorragendsten Ergebnisse in den meisten Disziplinen. Du motivierst sogar deine Kameraden, wenn sie mal durchhängen. Aber deine verfluchte Eigenbrötelei ist für uns nicht mehr nachvollziehbar! Und vor allem dein Hang zur Aggressivität, deine Prügeleien! Das geht gar nicht! Michael Bruhns! Ich sage es so, wie es ist. Du riskierst härteste disziplinarische Maßnahmen!«
Michael beendete schließlich die Aussprache von sich aus und für den Lehrer zumindest überraschend. Nämlich mit einem Versprechen, das er ihm gab! »Ich sehe meine Fehler ein, Genosse Rieger! Habe selbst schon viel darüber nachgedacht und deswegen auch mit meiner Mutter gesprochen. Also keine Prügeleien mehr! Sie werden sehen, dass ich es wirklich ernst meine!«
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