Sollbruchwände oder auch Sollbruchstellen diese Begriffe waren Faber natürlich geläufig. Man brachte sie in massive Wände ein, um sie im Notfall beispielsweise bei einem Brand als Fluchtweg durchbrechen zu können.
Der Leiter für Sicherheit füllte sein leeres Glas. Er trank einen Schluck und brannte sich eine weitere »Cabinet« an. Nachdenklich schob er einige Tabakkrümel, die aus der Zigarettenpackung heraus gefallenen waren mit dem kleinen Finger auf der Tischdecke zusammen.
Nein! Dass alles ergab für ihn keinen Sinn! In den Objekten auf dem Industriebaufeld und bei den Verdichterhallen wurden eine Vielzahl Sollbruchstellen eingebracht.
Das erforderten schon die gesetzlichen Bestimmungen! Für Bauwerke, in denen Brände ausbrechen konnten, waren solche Baumaßnahmen sogar vorgeschrieben.
Wozu also diese Geheimniskrämerei? Und um was handelte es sich bei diesem »Einbau«, von dem sie sprachen?
Faber schüttelte den Kopf und grinste. Denn zumindest wohin das erstellte Protokoll gebracht werden sollte, war offenkundig!
Was sagte Bruhns? – »Ministerium«! So, wie er von seiner Seite aus das Verhalten des Quartetts beurteilen konnte roch das alles nach Konspiration.
Nun ja. Für Faber war diese Materie nicht fremd.
Schließlich kannte er einige dieser Spielregeln. Die zwölf Jahre als Berufsunteroffizier die er im »Wachregiment« mit besonderen Aufgaben abgeleistet hatte, brachten auch auf diesem Gebiet einschlägige Erfahrungen mit sich.
Was aber war hier und seit wann vor sich gegangen? Heimlich und im Verborgenen!
Das von ihm belauschte Quartett schien auf zwei Ebenen zu arbeiten. Zum einen gingen sie offiziell ihrer eigentlichen Tätigkeit für ihren Delegierungsbetrieb nach. Dabei fielen sie in der Menge der Mitarbeiter nicht weiter auf.
Zum anderen aber taten sie etwas, das nicht für jedermanns Augen bestimmt war. Vermutlich arbeiteten sie im Auftrag des Ministeriums für Staatssicherheit.
Dazu hatten sie heute einen Abschlussbericht erstellt. Bruhns würde diese Unterlagen am nächsten Donnerstag ins Ministerium nach Berlin mitnehmen. OK. Die ganze Sache schien wohl gegessen zu sein!
Eines beschäftigte Faber aber dennoch. Es schürte sein Misstrauen.
Hatte das Verschwinden von Arno Schimmel etwas mit deren Auftrag zu tun? Diese Vermutung tauchte soeben in ihm auf. Auch, weil ihm die Aussage von Bruhns gegenüber den beiden anderen viel zu glatt geklungen hatte. Ging man so damit um, wenn ein bisher eng verbundener Genosse plötzlich sang und klanglos verschwand?
Faber überlegte noch ein Weilchen und beschloss die Sache erst einmal auf sich beruhen zu lassen. Doch wegen seiner Vermutungen würde er den Genossen Kolja Bruhns in Zukunft im Auge behalten!
Michael (Kolja) Bruhns - ein Leben für die Sache
An einem grauen, verregneten Tag im Mai Vierundfünfzig wurde Michael Bruhns geboren. Als drittes Kind seiner Mutter Johanna.
Sie flüchtete neun Jahre zuvor zusammen mit ihren beiden kleinen Töchtern durch die Kriegswirren aus Ostpreußen.
Immer weiter gen Westen fuhr ihr Treck. Ständig hatten sie die sowjetischen Truppen im Nacken. Vater Bruhns befand sich damals an einer der Fronten des zu Ende gehenden Krieges.
In der zerstörten Stadt Magdeburg verließ Mutter Bruhns mit den Zwillingen spontan die Kolonne, kurz bevor sie die Elbe erreichten.
Denn Johanna Bruhns roch den Duft von frischgebackenem Brot. Der aus der Toreinfahrt eines stark beschädigten Hauses auf die Straße hinaus wehte.
Als Michael geboren wurde, lebte die Familie Bruhns in eben jenem bereits wieder aufgebauten Wohnhaus in der Dessauer Straße.
Vater Anton kehrte erst im Jahre Siebenundvierzig aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft heim. Ausgezehrt stand er mit einem Zettel vom Suchdienst in der Hand und in notdürftig geflickter Kleidung vor der Tür.
Es dauerte eine Weile, bis er sich von den Strapazen der Gefangenschaft erholt hatte. Dann endlich zeigte er sich wieder als der breitschultrige, etwas ungeschlachte Mann wie seine Frau ihn kannte. In seinem Beruf, als Schmied, arbeitete er fortan im Maschinenbaubetrieb in der Stadt.
Den hatte man zuerst für die Reparationen an die sowjetischen Sieger ausschlachtete und danach aus den Resten neu aufgebaut.
Seine etwas schlichte Art überdeckte Anton mit Gutmütigkeit, Fleiß und Zuverlässigkeit. Für seine Familie tat er alles.
Und Arbeit, wenn auch schlecht bezahlt, gab es im Überfluss. Michaels Mutter indes arbeitete in einem Konsumgeschäft. Das befand sich gleich um die Ecke.
Johanna war nunmehr eine große, gutaussehende Frau mit ansprechender Figur. Vollbusig, blond und langbeinig. Doch das verhüllte sie zum Großteil mit dem weißen Berufskittel und einer langen Schürze. Das schützte sie ein wenig vor den gierigen Blicken ihrer männlichen aber auch einiger weiblichen Kunden.
Die Zeit raste dahin.
Michaels große Schwestern gingen schon in die Achte Klasse. Er besuchte wie fast alle Kinder in seiner Straße jeden Tag den Kindergarten.
Im September des Jahres Sechzig kam er in die Schule. Wie die anderen Kinder auch schleppte er eine große Zuckertüte. Deren Inhalt bestand jedoch weniger aus Süßigkeiten, sondern aus praktischen Dingen und einigen Äpfeln.
Michael wuchs gemeinsam mit seinen Schwestern auf. Sie kümmerten sich viel um den »Kleinen«, da die Eltern beide arbeiteten.
Vater Bruhns war inzwischen Schichtarbeiter und fand wenig Zeit für die Kinder.
Die Mutter ging völlig für ihren KONSUM-Laden auf. Als man ihr die Möglichkeit bot sich mit Hilfe eines neu eingeführten Frauen–Sonderstudiums zu qualifizieren überwand sie ihre anfänglichen Hemmungen.
Sie setzte sich für vier Jahre nochmals auf eine Schulbank.
Mit Erfolg!
Da ging Michael bereits in die vierte Klasse und seine schulischen Leistungen gaben wenig Anlass zum Tadel. Er begriff rasch und lernte stets aus einem inneren Antrieb heraus.
Seine Schwestern hatten zu dieser Zeit ihre Berufsausbildungen bereits abgeschlossen. Eine der beiden trug schon einen Verlobungsring.
Zu eben dieser Zeit kam Leo, ein Junge aus Michaels Klasse, auf eine etwas ungewöhnliche Idee.
»Michi! Michael horch’ mal zu!«, sagte er eines Tages in der Hofpause. »Wollen wir nicht am Nachmittag die Sowjetsoldaten besuchen? Draußen vor der Stadt? Ich meine nur mal zum Gucken, was die so machen?«
Von diesen Soldaten in den braunen Uniformen lebten zu dieser Zeit einige Tausende am Stadtrand. Denn dort befand sich ein riesiges Kasernenareal.
Michael dachte über den Vorschlag nicht lange nach. »Geht in Ordnung, machen wir«, sagte er und noch am gleichen Nachmittag zog er mit seinem Klassenkameraden los.
Nach anfänglichen Schwierigkeiten, sie wurden zumeist mit Tritten davongejagt, lernten die Jungs einen der russischen Soldaten kennen.
Er hieß Igor und war ein Sergeant. Igor, groß und stark wie ein Bär trug einen buschigen Schnauzbart und roch nach Tabak. Er lachte viel und sang für die Jungen auch gern und oft russische Lieder. Wobei er sich auf einem kleinen Akkordeon begleitete.
Anfangs geriet die Verständigung zwischen ihnen recht schwierig. Doch Michael erlernte schnell die ersten russischen Worte. Den Klang der für ihn bisher unbekannten Sprache sog er förmlich in sich auf.
Leo hingegen, Michaels Klassenkamerad, hatte große Schwierigkeiten damit. Bald fühlte er sich ausgeschlossen und schließlich ging er zu den Treffen mit dem Sergeanten nicht mehr mit.
Michael hing auch weiterhin unbeirrt an Igors Lippen und erlernte rasch Wort um Wort. Doch als er daheim davon erzählte brachte es ihm von seinem Vater unvermutet eine heftige Tracht Prügel ein.
Der Junge verstand die Welt nicht mehr. Zumal der Vater bis auf eine gelegentliche Ohrfeige die Kinder niemals schlug.
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