„Mr. Meyer hat mir vor einigen Minuten mitgeteilt, dass Sie bald hier unten erscheinen werden.“ Sein Gesichtsausdruck hat mittlerweile ein paar mildere Züge angenommen. „Ich bin Luke Silver. Ich gehöre zum Sicherheitsdienst dieses Gebäudes. Mr. Meyer hat mir aufgetragen, sie zu seinem Chauffeur zu bringen. Er wartet bereits draussen.“
„Pietro?“
„Er wird Sie nach Hause bringen.“
Unfassbar starre ich auf den Leibwächter, der mich zum Ausgang begleitet. Damian hat dafür gesorgt, dass ich sicher nach Hause komme und dafür bin ich ihm sehr dankbar, auch wenn wir im Streit auseinandergegangen sind.
Kaum bin ich durch die Drehtür, sehe ich Damians Fahrer, der sofort aus dem Rolls Royce steigt und die Wagentür öffnet, als er mich sieht.
„Nach Hause?“ fragt er mich, nachdem er hinter dem Steuer Platz genommen hat.
„Ja, bitte. Direkt nach Hause.“ sage ich müde und sinke ins weiche Polster zurück.
Plötzlich überkommt mich ein schlechtes Gewissen. War heute nicht Pietros und Angelicas freier Abend? „Danke Pietro.“ Ich suche durch den Rückspiegel den Blickkontakt mit ihm. „Ich wusste nicht, dass Damian Sie aus dem Bett holt, nur um mich zu fahren.“
„Keine Ursache.“ Er lächelt mich an und zwinkert mit seinem rechten Auge, als sich unsere Blicke treffen. „Ich bin es mir gewohnt, um diese Zeit durch die Strassen zu kurven.“
„Aber...“
Er winkt mit einer leichten Handbewegung ab. „Machen Sie sich darüber keine Gedanken. Es macht mir nichts aus Sie zu fahren.“
Eigentlich dachte ich, dass mich Pietro mit Fragen bombardieren würde, doch wir legen den Rest der Fahrt schweigend zurück. Worüber ich ziemlich erleichtert bin. Ich blicke auf die Strassen, doch nehme ich die Umgebung kaum wahr. Meine Gedanken schweifen immer wieder zu Damian. Was macht er wohl gerade? Ist es möglich, dass er sich in diesem Moment mit ihr vergnügt, obwohl er erst gerade mit mir geschlafen hat?
Ich fühlte mich unglaublich wohl in seinen Armen, was mir in diesem Moment äusserst schmerzhaft bewusst wird. Schon lange empfand ich nicht mehr so, wie in Damians Gegenwart. Er brachte mich zum lachen, er lernte mich loszulassen, obwohl er gar nicht wusste, dass ich mich an schreckliche Erlebnissen klammere. Er liess meine Vergangenheit vergessen, sogar unwahr erscheinen und er lernte mich wieder zu geniessen. Sein Körper auf mir, um mich, gab mir ein unsagbar gutes Gefühl. Ich fühlte mich geborgen und in Sicherheit. Was mich eigentlich hätte erschrecken sollen, doch erschien es mir als das einzig Richtige.
Umso mehr verletzt es mich jetzt, dass ich auf dem Weg nach Hause bin und nicht neben ihm liege. Ich habe erwartet, dass mir Damian erklären würde, was Susanne bei ihm macht, was sie ihm bedeutet, was er für sie empfindet, doch er schickte mich fort, als wäre gar nichts zwischen uns passiert.
Aber was ist denn schon geschehen? Wir haben miteinander geschlafen. Für ihn war das wahrscheinlich nur ein weiteres Abenteuer, eine weitere Eroberung, wobei ich gefährlich nah daran bin, mein Herz an ihn zu verlieren. Seufzend schliesse ich die Augen und dränge die Tränen zurück, die langsam und leise nach vorne drücken.
Nach etwa zwanzig Minuten lenkt Pietro den Rolls Royce an den Strassenrand, steigt aus und öffnet mir die Wagentür, noch bevor ich mich auf dem Sitz bewegen kann.
„Ich warte, bis Sie im Gebäude sind.“
„Nochmals vielen Dank, Pietro.“
Er sieht mich mitfühlend an. „Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf.“
Weiss er etwa, was zwischen mir und Damian vorgefallen ist? Verlegen gehe ich auf den Eingang zu.
„Ich wünsche Ihnen eine angenehme Nacht, Miss Weber.“
Ich möchte etwas sagen, aber ich bin zu keiner Erwiderung fähig und verschwinde schnellstmöglich im Gebäudeinnern.
Es ist gerade mal nach sieben, als ich draussen Stimmen höre. Das müssen wohl Mira und ihr Freund sein, die sich für ihr Skiweekend fertig machen. Ich drehe mich müde zur Seite. Nur jedes Mal wenn ich meine Augen schliesse, sehe ich ihn vor mir. Wie er mich mit seinem betörenden Lächeln ansieht, während er eine Haarsträhne hinter mein Ohr streicht, die sich aus dem Pferdeschwanz gelöst hat. Es zerrt an meinem Herzen, ständig sein schönes Gesicht vor mir zu sehen. Ich wälze mich hin und her und gebe schliesslich auf noch einmal Schlaf zu finden.
Als ich die Tür aufmache riecht es nach frisch zubereitendem Kaffee. Ich folge dem feinen Duft in die Küche, wo ich Mira an der Theke stehen sehe.
„Haben wir dich geweckt?“ fragt sie mich mit ihrer Unschuldsmiene.
„Nein. Ich konnte sowieso nicht mehr schlafen.“
„Möchtest du auch eine Tasse?“
Ich nicke stumm und setze mich ihr gegenüber hin.
„Ist gestern wohl ziemlich spät geworden?“
Ich verenge meine Augen und sehe sie wütend an.
„Keine Panik. Ich habe dir nicht nachspioniert. Aber als ich kurz vor Mitternacht ins Bett gehen wollte, warst du noch nicht hier und ich habe mir allmählich Sorgen gemacht. Es ist schliesslich nicht üblich, dass du so lange weg bist, geschweige denn überhaupt in den Ausgang gehst. Hast du meine SMS nicht bekommen?“ Sie stellt mir eine volle Tasse mit dampfendem Kaffee hin.
Seit ich Damians Wohnung verlassen habe, schaute ich kein einziges Mal nach, ob mir Mira eine Nachricht geschickt hat, obwohl ich das tun wollte, als ich in seinem Bett erwacht bin.
„Tut mir leid. Ich habe es wohl verschwitzt dir zu antworten.“ antworte ich ihr ausweichend.
„War wohl ein prima Abend?“
„Ich möchte nicht darüber reden.“ Ich kann es nicht, korrigiere ich mich in meinen Gedanken. Wie gerne würde ich mit jemandem über letzte Nacht sprechen. In einem Moment wie diesem fehlt mir meine Freundin am allermeisten. Sandy hätte ich alles erzählen können, ohne dass sie mich anklagend ansehen oder dumme Fragen stellt würde. Leider kann ich weder Mira noch Rose anvertrauen, dass ich mit unserem Boss unvergesslichen Sex hatte. Schlussendlich nicht nur das, sondern auch, dass ich gefährlich nah dran bin, mich in den Gefühlen für Damian zu verlieren. Ich habe mich verliebt, das kann ich nicht mehr verleugnen, aber es macht mir trotzdem unheimliche Angst.
„Kommst du die nächsten Tage klar ohne mich?“ Mira mustert mich aufmerksam.
Ist ihr vielleicht ein Licht aufgegangen? Ich kann nur beten, dass es nicht so ist. „Ja klar. So hab ich endlich die Bude mal für mich.“ Ich versuche fröhlich und locker zu klingen und irgendwie gelingt es mir auch, obwohl ich mich momentan überhaupt nicht so fühle.
„Du Biest.“ Sie lächelt zurück.
Alan kommt mit einer grossen Tasche und einem Rucksack in den Händen aus Miras Schlafzimmer. „Bist du bereit, Kleine?“ fragt er meine Mitbewohnerin. „Wir sollten langsam los.“
Sie strahlt ihren Liebsten an. „Geh doch schon mal vor. Ich komme gleich nach.“
Nun sieht er mich an. „Wir sehen uns Jessica.“
„Ich wünsche euch viel Vergnügen.“
„Den werden wir haben.“ Sein Blick wandert wieder zu Mira. „Lass mich nicht zu lange warten. Okay?“ Damit verschwindet er mit dem Gepäck durch die Tür.
Mira stellt ihre Tasse in die Geschirrspülmaschine und kommt um die Theke. Sie nimmt meine Hände in ihre. „Pass auf dich auf. Versprichst du mir das?“ Danach nimmt sie mich in die Arme.
Ich nicke stumm mit meinem Kopf.
„Ich weiss, irgendwas hindert dich, offen mit mir oder Rose zu sprechen. Aber wir sind deine Freundinnen. Du kannst uns vertrauen. Vergiss das nicht.“
Wieder nicke ich wortlos.
Es sind gerade mal zwei Stunden vergangen, seit Mira und Alan zu ihrem Kurzurlaub aufgebrochen sind, aber ich hasse die Stille in diesen Wänden schon jetzt. Ich habe gedacht, dass mir die Ruhe helfen würde, gründlich über mich und Damian nachzudenken. Doch jede Erinnerung an ihn reisst die Wunden in meinem Herzen wieder auf und drücken mich in ein tiefes, dunkles Loch.
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