gerade Sonnabend.
Der König, die Königin und der ganze Hof warteten bei der Prinzessin mit dem Thee. Als der
Kaufmannssohn nun angeflogen kam, wurde er sehr freundlich empfangen.
„Wollen Sie nun ein Märchen erzählen!“ sagte die Königin, „eins, welches tiefsinnig und
belehrend ist!“
„Aber worüber man auch lachen kann!“ sagte der König.
„Jawohl!“ sagte er und erzählte nun folgendes:
„ Es war einmal ein Bund Schwefelhölzer, die sich auf ihre hohe Abkunft was einbildeten. Ihr
Stammbaum, das heißt die große Fichte, von der jedes ein kleines, kleines Stückchen war,
stand als ein großer alter Baum im Walde. Die Schwefelhölzer lagen nun auf dem Gesimse
zwischen einem Feuerzeuge und einem alten eisernen Topfe und diesen erzählten sie von
ihrer Jugend. „Ja, als wir auf dem grünen Zweige waren,“ sagten sie, „da waren wir wahrlich
auf einem grünen Zweige. Jeden Abend und Morgen gab es Diamantthee, das war der Tau,
den ganzen Tag hatten wir Sonnenschein, wenn nämlich die Sonne schien und alle die kleinen
Vögel mußten uns Geschichten erzählen. Wir konnten recht gut merken, daß wir auch reich
waren, denn die Laubbäume waren nur im Sommer bekleidet, aber unsere Familie hatte die
Mittel, für Sommer und Winter grüne Kleider anzuschaffen. Nun aber kamen Holzhauer und
es entstand eine große Umwälzung; unsere ganze Familie zersplitterte sich. Der Stammherr
erhielt als Hauptmast Platz auf einem prächtigen Schiffe, das die Welt umsegeln konnte, wenn
es wollte. Den anderen Zweigen wurden andere Stellen eingeräumt und wir haben nun die
Aufgabe, der niederen Menge das Licht anzuzünden.“
„Ich weiß ein anderes Lied zu singen!“ sagte der Eisentopf, an dessen Seite die
Schwefelhölzer lagen. „Seit ich das Licht der Welt erblickte, bin ich viele mal gescheuert und
gekocht worden. Ich sorge für das Dauerhafte und bin, eigentlich gesprochen, der erste hier
im Hause. Meine einzige Freude ist, nach Tische rein und fein auf dem Gesimse zu liegen und
mit den 13 Kameraden vernünftig zu plaudern. Nehme ich aber den Wassereimer aus, der
doch bisweilen auf den Hof hinunter kommt, so leben wir hier immer hinter zugemachten
Thüren. Unser einziger Neuigkeitsbote ist der Marktkorb, aber der redet zu aufrührerisch über
die Regierung und das Volk.“
„Nun sprichst du zu viel!“ sagte das Feuerzeug und der Stahl schlug gegen den Feuerstein,
daß Funken sprühten. „Wollen wir uns nicht einen lustigen Abend machen?“
„Ja, lasset uns davon sprechen, wer der Vornehmste ist!“ sagten die Schwefelhölzer.
„Nein, ich spreche nicht gern von mir selber!“ versetzte der Thontopf. „Ich schlage eine
Abendunterhaltung vor. Ich will den Anfang machen und etwas erzählen; jeder teilt mit, was
er erlebt hat. Da kann man sich so trefflich hineinfinden und es ist sehr lustig! Also hört: An
der Ostsee bei den dänischen Buchten brachte ich meine Jugend bei einer stillen Familie zu;
die Möbel wurden poliert, der Fußboden aufgewischt und alle vierzehn Tage wurden neue
Vorhänge aufgesteckt!“
„Wie anschaulich Sie doch erzählen!“ sagte der Haarbesen. „Man kann gleich hören, daß ein
Frauenzimmer erzählt; es zieht sich etwas Reinliches hindurch!“
„Ja, das fühlt man!“ sagte der Wassereimer und machte einen Satz, daß es auf dem Boden nur
so klatschte!
Der Topf fuhr fort zu erzählen und das Ende entsprach dem Anfange.
Alle Teller klirrten vor Freude und der Haarbesen zog grüne Petersilie aus dem Sandloche
und bekränzte den Topf, weil er wußte, er würde die andern dadurch ärgern und „bekränze ich
ihn heute,“ dachte er, „so bekränzt er mich morgen!“
„Nun will ich tanzen!“ sagte die Feuerzange und tanzte. „Werde ich nun auch bekränzt?“
fragte die Feuerzange und sie wurde es.
„Das ist doch nur Pöbel!“ dachten die Schwefelhölzer.
Nun sollte die Theemaschine singen, aber sie entschuldigte sich mit Erkältung; auch könnte
sie nur in kochendem Zustande singen, aber es geschah eigentlich aus lauter Vornehmthuerei;
sie wollte nur auf dem Tisch drinnen bei der Herrschaft singen.
Im Fenster saß eine alte Feder, mit der die Magd zu schreiben pflegte. Es war nichts
Bemerkenswertes an ihr, ausgenommen, daß sie zu tief in das Tintenfaß getaucht war, aber
gerade darauf that sie sich etwas zu Gute. „Will die Theemaschine nicht singen,“ sagte sie,
„so mag sie es bleiben lassen. Draußen sitzt im Bauer eine Nachtigall, die singen kann; sie hat
zwar nichts gelernt, aber gleichwohl wollen wir ihr das heute Abend nicht übel auslegen!“
„Ich finde es im höchsten Grade unpassend,“ äußerte der Theekessel, der das Amt eines
Küchensängers bekleidete und ein Halbbruder der Theemaschine war, „daß ein fremder Vogel
angehört werden soll. Ist das patriotisch? Ich fordere den Marktkorb auf, darüber sein Urteil
abzugeben!“
„Ich ärgere mich nur!“ sagte der Marktkorb, „ich ärgere mich so sehr, wie es sich niemand
vorstellen kann! Würde es nicht weit vernünftiger sein, das ganze Haus einmal auf den
rechten Fleck zu setzen? Jeder sollte dann schon den ihm gebührenden Platz erhalten, und ich
würde die ganzen Anordnungen treffen!“
„Ja, laßt uns Lärm machen!“ riefen sie sämtlich. Plötzlich ging die Thüre auf. Es war das
Dienstmädchen, und nun standen sie still und wagten nicht Muck zu sagen. Aber da war kein
Topf, der nicht ein Gefühl seiner Macht und Würde gehabt hätte. „Ja, wenn ich nur gewollt
hätte,“ dachte ein jeder, „dann würde es sicher einen lustigen Abend gegeben haben!“
Das Dienstmädchen nahm die Schwefelhölzer und machte Feuer mit ihnen an — Gott
bewahre uns, wie sie sprühten und aufflammten.
14 „Nun kann ein jeder sehen, daß wir die ersten sind!“ dachten sie. „Welchen Glanz, welches
Licht wir haben!“ — und nun waren sie ausgebrannt. Und nun ist auch meine Geschichte
aus.“
„Das war ein herrliches Märchen!“ sagte die Königin. „Ich fühlte mich im Geiste ganz zu den
Schwefelhölzern in die Küche versetzt. Ja, nun sollst du unsere Tochter haben!“
„Jawohl!“ sagte der König, „du sollst unsere Tochter den Montag bekommen!“ denn nun
sagte er zu ihm, als zu einem künftigen Familiengliede, „du“.
Die Hochzeit war also festgesetzt und den Abend vorher wurde die ganze Stadt erleuchtet; es
war außerordentlich prachtvoll.
„Ich muß wohl auch daran denken, mein Scherflein zu den Feierlichkeiten beizutragen!“
dachte der Kaufmannssohn, und nun kaufte er Raketen, Knallerbsen und alles erdenkliche
Feuerwerk, legte es in seinen Koffer und flog damit in die Luft empor.
Rutsch! ging es in die Höhe und verpuffte unter vielem Lärm.
Alle Türken hüpften dabei in die Höhe, daß ihnen die Pantoffeln um die Ohren fuhren.
Dergleichen Lufterscheinungen hatten sie niemals gesehen. Nun sahen sie ein, daß es der
Türkengott selber war, der die Prinzessin bekommen sollte.
Sobald sich der Kaufmannssohn mit seinem Koffer wieder in den Wald hinabgelassen hatte,
dachte er: „Ich will doch in die Stadt gehen, um mir berichten zu lassen, wie es sich
ausgenommen hat.“ Man kann sich wohl zusammenreimen, daß er Lust dazu hatte.
Nein, was ihm die Leute doch alles erzählten! Ein jeder, bei dem er sich erkundigte, hatte es
in seiner Weise gesehen, aber einen prächtigen Eindruck hatte es auf alle gemacht.
„Ich sah den Türkengott selbst!“ erzählte der eine, „er hatte Augen wie blitzende Sterne und
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