die großen Gebirge, wo immer Schnee liegt.
Endlich kamen sie nach den warmen Ländern. Dort schien die Sonne weit heller als hier, der
Himmel war doppelt so hoch und an den Gräben und Hecken wuchsen die herrlichsten grünen
und blauen Weintrauben. In den Wäldern hingen Zitronen und Apfelsinen; Myrthen und
Krausemünzen erfüllten alles mit ihrem Duft. Aber die Schwalbe flog immer noch weiter und
es wurde schöner und schöner. Unter den prachtvollsten grünen Bäumen an dem blauen See
stand seit alten Zeiten ein weißes Marmorschloß. Weinreben rankten sich um hohe Säulen; an
der äußersten Spitze waren viele Schwalbennester und in einem derselben wohnte die
Schwalbe, welche Däumelieschen trug.
„Hier ist mein Haus!“ sagte die Schwalbe. „Suche dir aber selbst eine der prächtigsten
Blumen aus, die da unten wachsen, und ich will dich dann hinaufsetzen, und dein Los wird so
glücklich sein, als du nur irgend wünschen kannst!“
„O wie herrlich!“ sagte Däumelieschen und klatschte in die kleinen Händchen.
Da lag eine große, weiße Marmorsäule, welche zur Erde gesunken und in drei Stück
zerborsten war, zwischen ihnen aber wuchsen die schönsten großen weißen Blumen. Die
Schwalbe flog mit Däumelieschen hinunter und setzte sie auf eines der breiten Blätter. Aber
wer malt ihr Erstaunen: mitten in der Blume saß ein kleiner Mann, so weiß und durchsichtig,
wie wenn er von Glas wäre. Die niedlichste goldene Krone hatte er auf dem Kopfe und die
prächtigsten hellen Flügel auf den Schultern. Er selbst war nicht größer als Däumelieschen. Es
war der Engel der Blumen. In jeder Blume wohnte so ein kleiner Mann oder eine Frau, dieser
aber war der König über alle.
Der kleine Prinz erschrak gewaltig vor der Schwalbe, denn gegen ihn, der so klein und fein
war, schien sie ein wahrer Riesenvogel zu sein. Als er aber Däumelieschen gewahrte, ward er
gar froh, war sie doch das allerschönste Mädchen, das er bis jetzt gesehen hatte. Deshalb
nahm er die Goldkrone von seinem Haupte und setzte sie ihr auf, fragte, wie sie hieße und ob
sie seine Gemahlin sein wollte, dann sollte sie Königin über alle Blumen werden.
Däumelieschen gab dem schönen Prinzen das Jawort, und von jeder Blume kam eine Dame,
oder ein Herr, so allerliebst, daß es eine Lust war. Jedes brachte Däumelieschen ein
Geschenk, aber das beste von allen waren ein Paar schöne Flügel von einer großen weißen
Fliege. Sie wurden Däumelieschen am Rücken befestigt und nun konnte auch sie von Blume
zu Blume fliegen. Überall herrschte darüber Freude und die Schwalbe saß oben in ihrem
Neste und sang ihnen etwas vor, so gut sie vermochte, aber im Herzen war sie gleichwohl
betrübt, denn sie hatte Däumelieschen gar lieb und würde sich nie von ihr getrennt haben.
„Du sollst fortan nicht mehr Däumelieschen heißen!“ sagte der Engel der Blumen zu ihr, „das
ist ein häßlicher Name und du bist so schön. Wir wollen dich Maja nennen!“
„Lebewohl, lebewohl!“ sagte die Schwalbe, und zog wieder fort aus den warmen Ländern,
weit fort nach unserem kalten Himmelsstriche. Dort hatte sie ein kleines Nest oben an dem
Fenster, wo der Mann wohnt, der Märchen erzählen kann. Dem sang sie ihr „Quivit, quivit,“
vor. Davon haben wir die ganze Geschichte.
8
Die Störche.
Auf dem letzten Hause eines kleinen Dörfchens befand sich ein Storchnest. Die Storchmutter
saß im Neste bei ihren vier Jungen, welche den Kopf mit dem kleinen schwarzen Schnabel,
denn er war noch nicht rot geworden, hervorstreckten. Ein Stückchen davon stand auf der
Dachfirste starr und steif der Storchvater. Man hätte meinen können, er wäre aus Holz
gedrechselt, so stille stand er. „Gewiß sieht es recht vornehm aus, daß meine Frau eine
Schildwache bei dem Neste hat!“ dachte er. Und er stand unermüdlich auf einem Beine.
Unten auf der Straße spielte eine Schar Kinder und als sie die Störche erblickten, sang einer
der dreistesten Knaben und allmählich alle zusammen einen Vers aus einem alten Storchliede,
so gut sie sich dessen erinnern konnten:
Störchlein, Störchlein, fliege,
Damit ich dich nicht kriege,
Deine Frau, die liegt im Neste dein
Bei deinen lieben Kindelein:
Das eine wird gepfählt,
Das andere wird abgekehlt,
Das dritte wird verbrannt,
Das vierte dir entwandt!
„Höre nur, was die Jungen singen!“ sagten die kleinen Storchkinder. „Sie sagen, wir sollen
gebraten und verbrannt werden!“
„Daraus braucht ihr euch nichts zu machen!“ sagte die Storchmutter.
Aber die Knaben wiederholten es immer von Neuem und wiesen mit Fingern nach dem
Storche. Nur ein Knabe, Peter mit Namen, sagte, es wäre eine Sünde und Schande, sich über
die Tiere lustig zu machen, und nahm an ihrem Unfug nicht Teil. Die Storchmutter tröstete
ihre Kinder: „Kümmert euch nicht darum!“ sagte sie; „seht nur, wie ruhig und unbekümmert
euer Vater dasteht, und zwar auf einem Beine!“
„Uns ist so bange!“ sagten die Jungen und zogen ihre Köpfe in das Nest zurück.
9 Als am nächsten Tage die Kinder wieder zum Spielen zusammenkamen und die Störche
erblickten, begannen sie wieder ihr altes Lied:
Das eine wird gepfählt,
Das andere wird abgekehlt! —
„Werden wir wohl gepfählt und verbrannt?“ fragten die Storchkinder.
„Nein, sicher nicht!“ erwiderte die Mutter. „Ihr sollt fliegen lernen; ich werde euch schon
einüben! Dann geht es hinaus auf die Wiese und auf Besuch zu den Fröschen. Das wird eine
Lust werden!“
„Und was dann?“ fragten die Storchkinder.
„Dann versammeln sich alle Störche, die hier im Lande wohnen und darauf beginnt die große
Herbstübung. Da muß man gut fliegen, das ist von großer Wichtigkeit, denn wer nicht fliegen
kann, wird von dem General mit seinem Schnabel totgestochen. Lernt deshalb nur fliegen,
wenn der Unterricht beginnt!“
„Dann werden wir aber doch gepfählt, wie die Knaben behaupteten, und höre nur, jetzt sagen
sie es schon wieder!“
„Hört auf mich und nicht auf sie!“ sagte die Storchmutter. „Nach der großen Übung fliegen
wir nach den warmen Ländern, weit fort von hier, über Berge und Wälder. Nach Ägypten
fliegen wir, wo es dreieckige Steinhäuser giebt, die in einer Spitze zusammenlaufen und bis
über die Wolken ragen. Da ist auch ein Fluß, der aus seinen Ufern tritt und das ganze Land
mit Schlamm bedeckt. Man geht im Schlamm und ißt Frösche.“
„O!“ riefen alle Jungen.
„Ja, da ist es wunderbar schön! Man thut den ganzen Tag nichts Anderes als essen. Und
während wir es so gut haben, ist hier zu Lande nicht ein grünes Blatt auf den Bäumen. Hier ist
es so kalt, daß die Wolken in Stücke gefrieren und in kleinen weißen Läppchen
herniederfallen, was dann die Menschen Schnee nennen.“
„Zerfrieren denn auch die unartigen Knaben in lauter Stücke?“ fragten die Storchkinder.
„Nein, in Stücke zerfrieren sie nicht, aber es fehlt nicht viel daran und sie müssen in der
dunklen Stube und hinter dem Ofen sitzen.“
Inzwischen war schon einige Zeit verstrichen, und die Jungen waren so groß, daß sie im Neste
aufrecht stehen und sich weit umschauen konnten. Der Storchvater kam jeden Tag mit
wohlschmeckenden Fröschen, kleinen Schlangen und allen auffindbaren Storchleckereien
geflogen.
„Hört, nun müßt ihr fliegen lernen!“ sagte eines Tages die Storchmutter, und dann mußten
alle vier Junge auf die Dachfirste hinaus. O, wie sie schwankten! Wie sie suchten, sich mit
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