Janus schaltete ab, wie er es jedes Mal tat, wenn Schulz versuchte, seinen Job in eine Schublade mit Zirkusclowns und Kindergärtnerinnen zu stecken oder wenn er mal wieder von seinen verrückten Träumen berichtete.
»Wie lange sind wir jetzt schon hinter dem Karma-Killer her?«, fragte Schulz, der merkte, dass sein Freund ihm nicht zuhörte.
»Fast vierzig Jahre«, antwortete Janus in Gedanken versunken, »es ist fast so, als hätten wir zusammen angefangen, er mit dem Töten und ich mit meiner Jagd nach Mördern, aber bisher haben sich unsere Wege nie gekreuzt. Wir sind beide so gut in dem geworden, was wir tun, dass wir vor lauter Respekt für den anderen gelernt haben, uns aus dem Weg zu gehen. Der Karma-Killer macht keine Fehler.«
»Irgendwann macht jeder einen Fehler«, versuchte ihm Schulz Mut zu machen, »es ist nur eine Frage der Zeit.«
Janus inspizierte von der Mitte des Geheges aus den Tatort und erst als er sich ein Gesamtbild gemacht hatte, widmete er seine volle Aufmerksamkeit den Leichen.
»Wen hat es erwischt?«
»Stephanie und Thomas Letter, beide Mitte 40. Die Ausweise lagen wieder direkt auf der Stirn, nur bei der Frau auf dem Hinterkopf. Der Karma-Killer präsentiert uns seine Opfer, will uns förmlich sagen: Seht her, was ich euch hier wieder für Unmenschen vom Hals geschafft habe.«
»Hat er ein Rätsel hinterlassen?«
»Die Opfer wurden beide ausgeschmückt und post mortem bestückt, wie er es immer tut. Bei all den Hirschhaaren und Hufabdrücken ist ein eindeutiger Befund allerdings schwierig. Beim männlichen Opfer erkenne ich eine Platzwunde am Kopf, aber die tödlichen Verletzungen konzentrieren sich nach meinem bisherigen Erkenntnisstand auf die Wunde im Brustkorb.«
»Was sind das für Perforationen in der Wunde?«
»Ein Pfeil hat sein Herz aus kurzer Entfernung durchbohrt, danach wurde der Pfeil vermutlich wieder rausgezogen, wie aus den Perforationen des Gewebes hervorgeht, um ihn erst mit dem Apfel und der Nachricht zu präparieren und danach wurde ihm wieder alles zusammen zurück in sein Herz gesteckt.«
Janus las die Nachricht: Ein Vater ist gut, wenn er nicht trifft das eigen Fleisch und Blut .
Er beugte sich über die Leiche und interessierte sich besonders für die Anordnung der Opfer.
Die Hände des Mannes lagen ineinander gefaltet auf dessen Brust, umschlossen den Apfel, der penibel auf den Pfeil aufgezogen worden war, damit er nicht kaputt ging. Es war eine Eigenart des Karma-Killers, die Leichen so zu arrangieren, dass sie eine Botschaft ergaben. Meist ließ sich das Rätsel relativ leicht lösen, aber dieses Mal ergab die Anordnung auf den ersten Blick keinen Sinn. Der Mann lag friedlich auf dem Rücken, während die Frau auf dem Bauch und mit dem Gesicht in ihrer eigenen Blutlache lag.
»Was ist mit der Frau?«, fragte Janus.
»Schwer zu sagen, vor der Autopsie. Der Speer, der in ihrem Körper steckt, durchdrang mit heftiger Wucht ihr Schulterblatt, jemand stand auf ihr, rammte ihn mit voller Wucht von oben in ihren Körper, so dass er sich gut einen halben Meter in den Untergrund bohrte. Dafür ist eine enorme Kraftaufwendung notwendig. Sie war nicht sofort tot, das kann ich schon mal sagen, aber die genaue Todesursache weiß ich erst nach der Obduktion.«
»Was ist mit den verklebten Haaren an ihrem Hinterkopf und dem Kreuz auf ihrer Kleidung, dort, wo der Speer ins Schulterblatt eindrang?«
»Sieht nach Dreck aus, könnte aber auch ein halber Schuh- oder Hufabdruck sein. Was das Kreuz zu bedeuten hat, fällt in deine Zuständigkeit.«
»Wenn es ein Schuh- und kein Hufabdruck ist, spräche alles dafür, dass der Täter ihr erst den Speer in den Körper gerammt hat, damit sie nicht mehr weg kann. Danach hat er sie mit seinem Fuß am Hinterkopf mit dem Gesicht in die Pfütze gedrückt, so dass sie in ihrem eigenen Blut ertrinkt«, dachte Janus laut und ging dabei die einzelnen Schritte nacheinander durch, so wie es Golfer bei Probeschwüngen vor ihrem eigentlichen Schlag taten.
»Könnte sein, aber ertrunken wäre sie bei einem derartigen Tathergang nicht. Hilf mir bitte einmal kurz, die Frau umzudrehen«, bat Schulz.
Janus und Schulz drehten gemeinsam die Leiche der Frau um, damit der Rechtsmediziner ihr Gesicht und ihren Mund untersuchen konnte.
»Bingo«, freute sich Schulz, »sie hat Stauungsblutungen in der Gesichtshaut, den Augenbindehäuten und auf der Mundschleimhaut. Sieht nach Ersticken aus. Das ist typisch für Opfer, die in Bauchlage gefunden werden oder die erdrosselt wurden. In ihrem Fall hat sie der Täter wahrscheinlich in ihrem eigenen Blut erstickt, ohne dass sie sich großartig dagegen wehren konnte.«
Schulz legte die Frau behutsam zurück auf die Ausgangsposition und Janus trat ein paar Schritte zurück, um sich einen Überblick zu verschaffen. Für ihn war es das letzte Rätsel, das er untersuchen konnte.
Die letzten Spuren des Karma-Killers.
»Armbrust, Apfel, Speer, Kreuz«, murmelte Janus.
»Hast du schon eine Idee, was das Rätsel bedeutet?«, fragte Schulz.
»Tell und Siegfried«, schoss es aus Janus heraus.
»So wie Wilhelm Tell und Siegfried aus der Nibelungensage?«
»Richtig, der Karma-Killer hat ein Faible für Literatur, Sagen und Mythen. Der Pfeil, der den Mann direkt ins Herz getroffen hat, stammt aus einer Armbrust. Der Apfel und die Nachricht verweisen auf Wilhelm Tell, der vom Landvogt Hermann Gessler dazu gezwungen wurde, einen Apfel vom Kopf seines Sohnes zu schießen, weil er den Hut des Landvogts nicht gegrüßt hatte, der auf einer Stange steckte. So spielte es sich zumindest im Drama von Friedrich Schiller ab.«
»Ein Vater ist gut, wenn er nicht trifft das eigen Fleisch und Blut«, wiederholte Schulz die Nachricht, »aber in unserem Fall hat der Pfeil direkt ins Herz getroffen und wenn ich mich an meine Schulzeit noch richtig erinnere, hat Wilhelm Tell nur den Apfel aber nicht seinen Sohn getroffen.«
»Das stimmt, deswegen nennt es sich ja auch Rätsel, Birger. Wir müssen den Tatort als eine Art Gesamtbild verstehen. Die Inszenierung der Leichen liefert uns die Antwort auf das Rätsel des Karma-Killers.«
Janus trat einen weiteren Schritt zurück, um sich einen Überblick zu verschaffen.
»Siegfried der Drachentöter badete im Blut des Drachen und wurde dadurch unbesiegbar. An seinem Körper bildete sich eine undurchdringbare Hornhaut, bis auf eine kleine Stelle am Rücken, die während des Bads im Drachenblut durch ein Lindenblatt bedeckt wurde. Später verriet Kriemhild die Stelle an Siegfrieds Körper, an der er verwundbar war, indem sie mit einem Kreuz diese Stelle auf seiner Kleidung markierte.«
»Hier liegt aber kein Siegfried, sondern eine Frau«, unterbrach ihn Schulz.
»Nein, es ist eine Kriemhild, die wie Siegfried getötet wurde. Die Anordnung der Frau zeigt Verrat oder Mittäterschaft, eine Schuld, die durch ihre Ermordung getilgt wurde und auf der anderen Seite liegt ein Mann – ein Wilhelm Tell – der nicht den Apfel auf dem Kopf seines Sohnes, sondern direkt in sein Herz trifft. Der Karma-Killer sucht sich nie ohne Grund seine Opfer aus. Die Opfer machen sich alle einer Sache schuldig. Was will er uns bloß mit seinem Rätsel sagen?«, überlegte Janus – und plötzlich fügte sich jedes einzelne Puzzleteil in Janus Kopf zu einem Ganzen zusammen.
Er nahm die Ausweise der Opfer und rief über Funk die Leitstelle.
»Schicken Sie einen Wagen zur folgenden Adresse«, befahl Janus und gab die Adresse der Opfer über Funk durch, »die Kollegen sollen sich Zugang zum Haus verschaffen, nach einem Versteck oder einem Verließ im Keller oder dergleichen suchen und sagen Sie ihnen, dass Sie sich beeilen sollen, es ist Gefahr im Verzug.«
Schulz starrte Janus fragend an.
Nick Klein sah Schulz und Janus auf dem Feld stehen.
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