„Guten Tag Mr. Gold. Sind Sie auch mal wieder im Lande?“ Der Sheriff begrüßte Jace sehr unterkühlt. Natürlich war er sich im Klaren, dass es die reichste Familie hier war. Allerdings konnte er den Sohn nicht ausstehen. Er strahlte eine eiskalte Arroganz aus. Und er ahnte, dass er höchst gefährlich war. Auch wenn er ihn hier nie etwas nachweisen hatte können, so würde er sicher irgendwann genau DEN Moment erwischen, um diesen Neunmalreichen zu verhaften.
„Sheriff“, antwortete Jace nur und lächelte. Allerdings erreichte es nicht seine Augen. „Ich wollte eigentlich zu Kathy.“
„Was wollen Sie von meiner Tochter?“
„Victoria hat mich geschickt. Sie hat vergessen, dass sie das Wochenende für die Theatergruppe lernen wollten. Das Frühlingsfest steht bevor und die Proben verliefen bisher sehr zäh.“ Die Lüge kam ihm ohne Probleme über die Lippen. Jace konnte schon immer eine Lüge so tarnen, dass man sie absolut für die Wahrheit hielt. Sogar Kathy schien den Köder zu schlucken.
„Oh, das war dieses Wochenende?“ Kathy kaute sichtlich nervös auf der Unterlippe. Anscheinend überlegte sie, wie sie ihrem Vater nun beibringen konnte, dass sie das Wochenende bei Vicky verbringen würde. Sie bekam allerdings total unverhofft vom Deputy Hilfe.
„Wenn die Theatergruppe der alte Colt noch leitet, dann würde ich aber zusehen, dass der Text und alles sitzt. Wie oft haben wir uns an den Wochenenden vor einer Aufführung getroffen, nur damit auch ja alle bis aufs Kleinste vorbereitet waren.“
„Ja, Mr. Colt ist auch noch unser Leiter. Er mag Perfektion. Entschuldige Dad, das hatte ich total vergessen.“
„Ist schon gut Schatz. Dann pack mal deine Sachen zusammen und auf zu Vicky. Ich freue mich umso mehr auf Sonntagabend.“ Die Botschaft kam klar und deutlich bei Kathy an und doch tat sie jetzt etwas, was sie selber überraschte.
„Danke Dad. Wir sehen uns Sonntag.“
Sie marschierte Richtung Straße. Jace schloss zu ihr auf. „Ich hole dich mit dem Auto ab.“
„Das ist nicht nötig. Ich kann den Weg auch zu Fuß laufen.“
„Ich hole dich ab.“ Seine Stimme, die nun gefährlich leise war, duldete keinen Widerspruch.
Kathy nickte nur. Wieder machte er ihr Angst. Aber nicht so eine Angst, wie ihr Vater. Ihr Vater war ein Scheißdreck gegen Jace. Jace stellte die wahre Bedrohung dar. Und doch zog sie etwas zu Jace. Das war krank. Sie war total kaputt, musste sie feststellen
Zuhause hatte sie schnell geduscht und alles Wichtige in ihre große Reisetasche eingepackt. Dann trat sie vor die Haustür. Ein schnittiger schwarzer BMW parkte vor ihrem Haus und Jace lehnte locker an dem Wagen. Sein Blick ging ihr durch und durch.
„Steig ein“, befahl er und hielt ihr die Türe auf. Er war es gewohnt, dass ohne Wenn und Aber seine Befehle Folge geleistet wurden. Er nahm ihr die Tasche aus der Hand und Kathy stieg zu dem Raubtier ins Auto.
„Du hast mich nicht von deinem Bruder holen lassen?“ Kathy konnte es nicht fassen. Sie war auf Jace Lüge hereingefallen.
„Nein. Aber ich kann ihn verstehen.“ Vicky ahnte, was ihren Bruder dazu getrieben hatte, Kathy das Wochenende mit hierher zu nehmen.
„Ich aber nicht. Was soll das?“
„Kathy, bitte. Ich kann verstehen, dass du sauer bist. Ich glaube aber, dass er es wirklich gut gemeint hat. Was wirklich eine Seltenheit bei meinem Bruder ist.“
„Klär mich bitte auf Vicky. Ich habe nämlich überhaupt keine Ahnung.“ Kathy hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Sie ging nun auf Abwehr. Ihr gefiel es gar nicht, dass sich Jace und Vicky so in ihr Leben einmischten.
„Ich möchte dir nicht zu nahe treten. Aber … ich habe ihm erzählt, dass ich da so einen Verdacht habe.“
„Einen Verdacht?“ In Kathys Kopf schrillten sämtliche Alarmglocken.
„Na ja, dein Vater …“
„Was ist mit ihm?“
„Mensch Kathy. Du kannst wirklich mit mir darüber reden.“ Vicky hatte sich das Gespräch einfacher vorgestellt. Sie hatte immer gehofft, dass Kathy dankbar den Strohhalm nehmen würde, den sie angeboten bekam. Stattdessen ging sie immer mehr auf Abwehr. „Ich denke, dass er dich missbraucht.“ Nun war es raus.
„Wie kommst du auf diese Idee?“ Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals.
„Das strahlst du aus, liebe Kathy“, mischte sich eine Stimme ein. Eine Stimme, die sie nur zu gut kannte. „Für mich ist es keine Vermutung. Ich kann einen Menschen erkennen, der tagtäglich großem Leid ausgesetzt ist. Ich kann aber auch erkennen, wenn ein Mann eine Frau will und auch bekommt.“ Seine Stimme war immer leiser und schärfer geworden. „Ich habe die Berührungen deines Vaters gesehen. Ich habe die unterschwellige Botschaft genauso empfangen wie du.“
Kathy starrte die Geschwister an. „Ihr haltet euch wirklich für sehr schlau. Vor allem du Jace, hältst dich für oberschlau. Wenn du seine Botschaft mitbekommen hast, dann weißt du, was mir Sonntagabend blüht.“
„Das werde ich verhindern.“ Jace sah sie entschlossen an.
„Klar. Magst du etwa mit zu mir nach Hause gehen und mir die Hand halten? Oder willst du meinen Vater verprügeln … vielleicht sogar umbringen?“
„Die Idee, ihn umzubringen ist gar nicht so schlecht“, das Grinsen von ihm war diabolisch. Oh ja, sicher hätte er seinen Spaß daran.
„Jace, lass es. Er ist der Sheriff. Damit haust du dich ganz schön tief in die Scheiße rein“, mischte sich Vicky nun ein. „Es tut mir leid Kathy. Wirklich. Ich wusste nicht, dass mein Bruder den heiligen Samariter spielen würde.“
„Da wir nun alles geklärt haben, gehe ich wieder nach Hause.“ Kathy drehte sich auf dem Absatz um und ergriff ihre Tasche. Sie wurde sofort am Arm festgehalten. „Du bleibst hier“, flüsterte Jace direkt an ihrem Ohr.
Kathy verspannte sich. Dann funkelten ihre Augen. Zu lange hatte sie ihre Wut unterdrückt. „Lass. Mich. Los! Ich werde jetzt gehen und du wirst mich nicht daran hindern Jace. Du weißt nicht, was mir blühen wird. Du hast keine Ahnung, was er mit mir machen wird.“ Der Griff um ihren Arm lockerte sich und sie schüttelte seine Hand ab. „Ach und noch etwas. Fass mich nie wieder ungefragt an!“
Sie umfasste ihre Reisetasche fester und verschwand. Zurück blieben eine geschockte Vicky und ein nachdenklicher Jace.
„Bist du dir immer noch so sicher, dass ich ihn nicht umbringen soll?“
„Hm. Ich weiß es nicht Jace. So habe ich Kathy noch nie erlebt.“
***
Fast blindlings lief Kathy den Weg, den sie schon hundertmal gelaufen war, wenn sie von Vicky nach Hause ging. Ungeweinte Tränen brannten in ihren Augen. Kurz vor ihrem Zuhause blieb sie stehen und schaute zu dem Haus. Dann zog sie einen kleinen Schlüssel aus ihrer Hosentasche und drehte ihn zwischen ihren Fingern hin und her.
Immer wieder schaute sie den Schlüssel, dann das Haus an. Immer mehr formte sich die Idee in ihrem Kopf und sie steckte den Schlüssel wieder in ihre Tasche. Dann drehte sie sich um und ging in ein nahegelegenes Wäldchen. Sie kramte in ihrer Tasche und fand, was sie brauchte. Schnell zog sie sich um, band ihre Haare hoch und setzte die Kappe auf, die sie sich tief in das Gesicht zog. Dann räumte sie die Klamotten von ihrer Reisetasche in eine kleinere Plastiktüte um, die sie vorhin mitgenommen hatte. Die Reisetasche vergrub sie unter einem Haufen von Laub und Ästen.
Zielstrebig machte sie sich auf den Weg in Richtung Innenstadt. Sie musste nur aufpassen, dass sie keiner erkannte. Vor allen Dingen nicht ihr Vater. In der Stadt angekommen, führte sie ihr erster Weg zur Busstation. Bevor sie an den Schalter trat, zog sie ihre Mütze ab und strahlte den Mitarbeiter an.
„Eine Fahrkarte bitte nach Darkville.“
„Das macht 120 Dollar junge Lady. Sicher, dass sie dort hin wollen?“
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