L.U. Ulder - Jahr der Ratten

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Ein autoerotischer Unfall in den Niederlanden, ein Suizid in Frankreich, ein tödlicher Motorradunfall auf der Hochalpenstraße, für die Polizei längst zu den Akten gelegte Todesfälle. Nur Anna-Lena im Personalbüro der NATO wittert einen Zusammenhang.
"Jemand zieht durch Europa und bringt Soldaten um, zu Hause. Wo sie doch im Krieg sterben sollten." Viktor Huberts Worte lassen Valerie frösteln. Er ist die letzte bekannte Person, zu der Anna-Lena Kontakt hatte. Nur widerwillig und weil die ständig Verschwörungen witternde Anna-Lena nicht locker ließ, begann sie mit den Ermittlungen. Alle getöteten Soldaten gehörten einem geheimnisumwitterten Sonderkommando aus dem Jahr 2004 an. Valeries Recherchen treiben sie kreuz und quer durch Europa und führen sie wie in einer Zeitreise zurück in die Wirren des gerade beendeten Balkan-Krieges. Der Showdown soll am ehemaligen Zentrum der Welt, dem Forum Romanum, stattfinden, aber die Regie liegt längst in ganz anderen Händen.
"Jahr der Ratten" ist der 4. und vorerst letzte Band der Leving & Holland Reihe um die Freundinnen Valerie Leving und Anna-Lena Holland.
Erschienen sind in folgender Reihenfolge:
1. «Taubenzeit»– Independent-Veröffentlichung, 2. «Tödliche Zeiten»– Knaur Ebook, 3. «Angst macht große Augen», 4. «Jahr der Ratten» ( Wie alles begann ) – Independent-Veröffentlichung.
Der Autor ist Mitglied im Autorennetzwerk Qindie. Qindie steht für qualitativ hochwertige Indie-Publikationen. Achten Sie also künftig auf das Qindie-Siegel! Für weitere Informationen, News und Veranstaltungen besuchen Sie unsere Website: qindie.de/

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Rosbacher grinste zufrieden, als freute er sich, einen lang vermissten Spielkameraden wiedergefunden zu haben.

Mit einem energischen Tritt schaltete er einen Gang herunter und gab gleichzeitig Vollgas. Der Motor verschluckte sich im ersten Augenblick und biss danach umso heftiger zu. Der Fahrer musste sich in seiner Sitzposition festkrallen, das Vorderrad wollte fliegen. Die Maschine stemmte sich jetzt mit brachialer Gewalt gegen den Berg.

Aus den Augenwinkeln konnte er in den Spiegeln einen Lichtreflex wahrnehmen. Die Scheinwerfer des Porsche wurden kurz angelupft. Der Fahrer des Sportwagen nahm die Herausforderung an und hatte ebenfalls voll aufs Gaspedal getreten.

Auf den geraden Streckenabschnitten war das Sportmotorrad nicht zu schlagen, der Abstand vergrößerte sich jedes Mal. In den Spitzkehren aber spielte der 911er seine Straßenlage aus und schaffte es so immer wieder, aufschließen. Der Abstand blieb deshalb bis zum Parkplatz am Restaurant nahezu konstant.

Den wenigen Touristen, die sie auf der Strecke überholten, mussten die beiden Fahrer vorkommen wie Kinder bei einem halsbrecherischen Spiel.

Am Restaurant verließ Florian die Straße und bog nach links auf dem großen Parkplatz ein. Das Wettrennen war beendet, er achtete nicht mehr auf den Porsche und fuhr weiter nach oben, bis auf die höchste Stelle, der Edelweißspitze.

Sportwagen vom Schlage eines Porsche hatten hier oben auf der unebenen Fahrbahn mit ihrer eingeschränkten Bodenfreiheit keine Chance.

Der Konkurrent blieb auf dem unteren Parkplatz. Auch für ihn war das Rennen beendet, es war unentschieden ausgegangen.

Oben auf der Edelweißspitze hielt sich Florian nicht lange auf. Die Fernsicht war schlecht an diesem Tag, nur ab und zu rissen die Wolken etwas auf. Andere Biker, mit denen er ein paar Worte hätte wechseln können, hatten sich noch nicht hier hinauf verirrt. Er vertrat sich die Beine, schüttelte die Oberschenkel durch, beugte und streckte den Oberkörper, um die verkrampfte Muskulatur aufzulockern.

Dann setzte er sich wieder auf sein Motorrad, startete den Motor und fuhr langsam hinunter auf die Hauptstrecke. Im Vorbeifahren sah er den dunklen Porsche mit gelben Nummernschildern auf dem Parkplatz stehen. Der Wagen stand mit der Front zur Straße geparkt. Aus seinem Blickwinkel, schräg von hinten, konnte Rosbacher nicht erkennen, ob der Fahrer hinter dem Steuer saß.

Die Straße hinunter in Richtung Süden fuhr er jetzt wesentlich verhaltener und entspannter als zuvor, er hatte sich ausgetobt, die Luft war raus.

An den Schneefeldern, die sich trotz des aufziehenden Sommers noch hier oben befanden und deren Tauwasser die Straße benetzten, fuhr er besonders langsam. Der schwere Motor hechelte gleichmäßig, wie ein Kampfhund, der nur darauf wartete, von der Leine gelassen zu werden.

Florian näherte sich dem Abzweig, an dem es zur Kaiser-Franz-Josef-Höhe ging. Er wurde noch langsamer, schien unentschlossen zu überlegen, welche Strecke er wählen sollte. Die Maschine rollte nur noch im Schritttempo, die Kupplung war gezogen. Mit der rechten Hand gab er ein paar Gasstöße, um den Motor bei Laune zu halten. Dann hatte er sich entschieden, er schaltete den Gang hinein und verließ die Hauptstrecke.

Er befuhr die Sackgasse, an deren Ende sich ein Blick auf den Pasterzengletscher werfen ließ. Es folgte eine Strecke mit wenigen, leichten Kurven und er beschleunigte das Krad mäßig auf eine Geschwindigkeit, wie sie auch ein Pkw fahren würde. Auf dieser Strecke war noch weniger los als auf der eigentlichen Passstraße.

Plötzlich nahm er in den Außenspiegeln einen Schatten wahr und drehte den Kopf nach hinten. Der Porsche war wieder aufgetaucht. Er fuhr dicht hinter ihm her. Der Fahrer hatte vergessen, das Licht einzuschalten, deshalb war ihm der Sportwagen erst im letzten Moment aufgefallen.

Der Wagen kam bedrohlich nahe. Florian konnte sehen, dass der Fahrer mit der starken Motorleistung spielte, die Front des Wagens hob und senkte sich. Dazu kurbelte er am Lenkrad und fuhr wilde Schlangenlinien.

Der Motorradfahrer machte eine verärgerte Bewegung mit der linken Hand. Der Wagen sollte endlich vorbeifahren.

Aber der Porsche überholte nicht, er fuhr dichter an das Zweirad heran. Das breite Hinterrad war kaum einen halben Meter von der Front des 911er entfernt.

Rosbacher drehte sich auf seiner Sitzbank um, wild gestikulierend bedeutete er dem Fahrer hinter ihm seine Meinung über dessen Fahrweise. Der aber ließ sich davon nicht beeindrucken. Durch die getönten Scheiben und die herunter geklappte Sonnenblende war sein Gesicht nicht zu erkennen. Sie fuhren auf die Serpentinen am Wasserfall zu.

Kurz entschlossen gab der ehemalige Soldat Gas, röhrend beschleunigte das Motorrad und brachte sofort Abstand zwischen sich und dem Auto.

Der Fahrer des Porsche schien auf diese Tempoverschärfung nur gewartet zu haben. Auch er beschleunigte sein Fahrzeug brutal. Sie passierten einen kleinen Gebirgssee, die Serpentinen kamen näher.

Weil Rosbacher kein Rennen mehr wollte, sondern nur etwas Abstand zwischen sich und dem anderen Fahrer bringen wollte, hatte er nicht die volle Leistung des Motors abgefordert.

Deshalb schloss der Sportwagen mühelos auf. Mit seinem Geschwindigkeitsüberschuss rammte er den völlig überraschten Motorradfahrer. Die breite Gummiwalze radierte qualmend auf dem Stoßfänger des Autos und hinterließ einen dunklen Streifen auf dem Lack. Rosbacher musste sein gesamtes Fahrkönnen aufbieten, um die schlingernde Maschine auf der Straße zu halten. Kaum war es ihm gelungen, das Krad unter Kontrolle zu bringen, spürte er erneut einen Ruck. Der Sportwagen stieß wieder gegen das Heck. Weil der Druck diesmal nicht nachließ, wurde das qualmende Hinterrad angehoben und verlor die Haftung zur Straße. Langsam rutschte das Motorrad seitlich weg und berührte die Fahrbahn. Instinktiv ließ Rosbacher den Lenker los, die Maschine schlidderte über die Fahrbahn, wie ein Komet von einer Wolke abreißender Kunststoffteile verfolgt.

Der Fahrer rutschte hilflos über den Asphalt hinterher.

Mit beiden Rädern schlug das Krad ungebremst gegen das erhöhte Straßenbord. Die Wucht des Aufpralls hob es an und stellte es aufrecht. Wie in Zeitlupe kippte es schließlich mit einem Scheppern über die Bordsteinkante und verschwand aus dem Sichtbereich.

Rosbachers Sturz wurde von der Lederkombi abgebremst, mit dem letzten Rest der Bewegungsenergie stieß er gegen das Straßenbord und blieb benommen auf dem Bauch liegen. Das linke Bein war unnatürlich verdreht. Er versuchte gerade, sich zu erheben, als zwei Beine breitbeinig über ihn traten.

****

Der fremde Fahrer hatte den Sportwagen am Fahrbahnrand abgestellt und war ausgestiegen. Schnell schaute er sich nach allen Seiten um, dann überquerte er zügig die Straße. Während des Gehens zog er sich dünne Lederhandschuhe an. Als er dann breitbeinig über dem gestürzten Motorradfahrer stand und sich hinunter beugte, sah es zunächst so aus, als wolle er dem Verunglückten helfen. Er erfasste den Helm mit beiden Händen und riss ihn nach oben. Dann zog er den Kopf rücksichtslos nach hinten und drehte ihn brutal zur Seite. Der Hals wurde überdehnt, die Arme des Opfers ruderten ein letztes Mal hilflos durch die Luft. Ein kaum vernehmbares Knacken signalisierte, dass es zu Ende war. Die Arme fielen nach unten, der Körper erschlaffte, ein Halswirbel war gebrochen. Florian Rosbacher war tot.

Vorsichtshalber drehte der Mörder den Kopf seines Opfers nach beiden Seiten.

Es gab keine Reaktion mehr.

Schnell zog der Fremde dem Toten die Lederhandschuhe aus und warf sie mit Schwung in den Abgrund. Er griff sich in die Jackentasche und holte ein Messer hervor. Mit wenigen Handgriffen vollendete er sein Werk und zerrte den leblosen Körper über den erhöhten Rand. Er gab dem Leib einen kräftigen Tritt und der Leichnam rollte und rutschte den Hang hinab, dem Motorrad hinterher.

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