Er atmete etwas flacher und schneller als vorher, mehr war ihm von der Anstrengung nicht anzumerken.
Um nicht von einem zufälligen Nachtschwärmer gesehen zu werden, vermied er es, vor das erhellte Fenster zu treten. Vor der Wand war es durch den Kontrast der Wohnungsbeleuchtung besonders dunkel. Wie ein Raubtier, das eine Witterung aufnehmen will, hob er die Nase. Sein Gesicht hatte einen grausamen, entschlossenen Zug bekommen. Er schaute sich um und achtete auf jedes Geräusch. Die Straße war so leer und ruhig wie zuvor, die Fenster der gegenüberliegenden Häuser waren dunkel geblieben.
Aus der Wohnung drang deutlich ein lautes, gleichmäßiges Schnarchen.
Die abgekippte Balkontür ließ den Besucher zufrieden grinsen. Er kniete sich auf den Boden, der Rucksack glitt vorsichtig vom Rücken. Aus einer der beiden kleinen, vorn aufgesetzten Taschen zog er ein Stück Plastikrohr, nur wenige Zentimeter lang. An beiden Enden war eine Schnur befestigt. Er langte durch den Türspalt und steckte das Röhrchen von außen auf den nach oben zeigenden Verriegelungsgriff der Balkontür. Mit einer Schnur zog er das Röhrchen fest nach unten, damit es nicht vom Griff rutschen konnte. Die andere Schnur drapierte er so über die nach innen lehnende Tür, dass er sie am anderen Ende wieder greifen konnte. Er zog sie straff. Es war noch ein alter Beschlag ohne Sicherungsvorrichtung. Der Griff wurde durch die Spannung der Schnur bewegt und drehte sich zur Seite.
Die Tür war entriegelt.
Vorsichtig ließ er die Tür nach innen schwingen. Auf den Knien kroch er hinterher und war verschwunden. Innerhalb weniger Minuten war er in die Wohnung gelangt und hatte dabei weder Geräusche verursacht noch verräterische Spuren hinterlassen.
Gleich darauf wurden die Vorhänge von einer dunklen Gestalt zugezogen.
Alles, was nun passierte, blieb vor neugierigen Blicken verborgen.
Piet Lijsen lag mit dem Rücken auf dem Bett, noch vollständig angezogen. Er hatte sich nicht einmal mehr die Mühe gemacht, die Schuhe auszuziehen. Der Mund war weit geöffnet, aus ihm drangen gleichmäßig laute Atemgeräusche, der Brustkorb hob und senkte sich. Im Raum waberte eine unangenehme, feuchtwarme Mischung aus Alkoholdunst, Körpergeruch und Verdauungsgasen.
Sein Besucher musterte ihn emotionslos und überprüfte schnell die anderen Räume. Piet war wie erwartet allein, bis auf seinen ungebetenen Gast.
Die Einrichtung war typisch für einen Junggesellen, im Wohnraum eine Ledercouch, ein billiger Tisch, ein Regal mit einem großen Fernseher darauf, ein alter Schrank. In der Ecke eine Stereoanlage mit riesigen Lautsprecherboxen.
Nirgends war die gestalterische Handschrift einer Frau erkennbar.
Aus der Jackentasche zog der Besucher ein kleines Bündel, einen Glasflakon, von einem Tuch geschützt. Ohne den Mann auf dem Bett aus den Augen zu lassen, öffnete er das zerbrechliche Gefäß und verteilte die klare Flüssigkeit großzügig auf dem Tuch.
Das Schnarchen blieb währenddessen im gleichen Rhythmus.
Piet hatte jetzt keine Chance mehr.
Als sich das Tuch auf sein Gesicht legte, veränderte sich das Atemgeräusch kurzfristig zu einer Art unregelmäßigem Schnattern und der Kopf kam im Reflex nach oben. Gleich darauf aber sackte der Körper in sich zusammen und fiel in eine tiefe Bewusstlosigkeit.
Eine Bewusstlosigkeit, aus der das Erwachen furchtbar werden sollte.
Mit der gleichen stoischen Ruhe, die der Mann beim Beobachten seines Opfers an den Tag gelegt hatte, begann er seine Vorbereitungen für den weiteren Verlauf der Nacht.
Aus dem Rucksack zog er eine Unzahl von Utensilien heraus, legte sie auf einen kleinen Tisch, den er aus dem Wohnzimmer geholt hatte.
Dann begann er, Piet zu entkleiden.
Stunden später, die ersten Frühaufsteher bevölkerten die Straßen, um zur Arbeit zu gelangen, verließ ein dunkel gekleideter Mann mit schwarzer Mütze und hochgeschlagenem Kragen das Haus. Er ging mit ruhigen Schritten die Straße entlang und wirkte dabei wie ein Arbeiter auf dem Weg zur Frühschicht. Sein Aussehen war völlig unauffällig. Niemandem fiel etwas Ungewöhnliches an dieser Person auf.
Das Licht in Piets Appartement war erloschen, sein Leben auch.
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2.
„Was ist das, ein autoerotischer Unfall?“
Valerie zog die Augenbrauen zusammen und legte den Stift langsam zur Seite. Seit Stunden brütete sie bereits über Kriminalstatistiken verschiedener europäischer Mitgliedsstaaten und versuchte, sie auf einen gemeinsamen, computerauswertbaren Nenner zu bringen. Eine Sisyphusarbeit. Ihre Tätigkeit bei Europol hatte sie sich anders vorgestellt. Irgendwelche interessanten Ermittlungen, vielleicht Bandenkriminalität, Rauschgiftschmuggel, internationale Verbindungen oder sonst etwas. Und nun? Trockene Zahlenspiele, von Ermittlungen keine Spur, schon gar nicht von interessanten. Vermutlich fiel deshalb ihre Reaktion heftiger als beabsichtigt aus.
„Anna, was hast du jetzt wieder angestellt? Bist du immer noch mit diesem verheirateten Kerl zusammen?“ knurrte sie in den Hörer.
„He, was ist dir denn über die Leber gelaufen? Bleib mal schön geschmeidig.“
Anna-Lena war nicht der Typ Mensch, der sich seine gute Laune so schnell verderben ließ. Fröhlich plapperte sie weiter.
„Ich trage hier gerade ein paar Abgänge aus, da ist mir die merkwürdige Todesursache eines Soldaten aufgefallen. Autoerotischer Unfall, davon habe ich noch nie gehört.“
Anna-Lena war ihre beste Freundin. Valerie nannte sie nur Anna, Anne, oder Lene. Manchmal auch Lenchen, wenn sie sie ärgern wollte. Darauf reagierte sie immer sofort.
„So heißt eine Oma“, pflegte sie zu entgegnen.
Anna-Lena, vier Silben. Wer tut so etwas seinem Kind an? Aber sie trug Schuld daran, dass sie jetzt in Den Haag über trockene Statistiken grübeln musste. Schließlich war Anna es gewesen, die sie nach der Enttäuschung mit Jan darin bestärkt hatte, die plötzlich frei werdende Hospitationsstelle bei Europol anzunehmen.
Nicht ganz uneigennützig.
Anne war als Fremdsprachenkorrespondentin im NATO-Hauptquartier in Brüssel gelandet und arbeitete jetzt in der Personalabteilung, nicht unbedingt die geplante und ersehnte Traumkarriere. Aber auch Valeries Lebenslauf hatte im Laufe der Jahre manchen Knick bekommen. Als Tochter eines Hamburger Rechtsanwaltes stand fest, dass sie nach dem Abitur Jura studieren musste. Dass sie das Studium schließlich hinwarf und bei der Hamburger Kripo anheuerte, konnte ihr Vater bis zu seinem Tod vor zwei Jahren nicht verwinden. Wenigstens hatte ihr abgebrochenes Jurastudium und ganz besonders das Spezialgebiet, Europäisches Recht, dazu beigetragen, die Europol-Stelle zu bekommen, ohne das übliche Auswahlverfahren bei Landeskriminalamt und Bundeskriminalamt zu durchlaufen. Als geforderte zweite Fremdsprache konnte sie nahezu fließende Italienischkenntnisse vorweisen. Ihre schnelle Versetzung nach Den Haag war einer Flucht aus Hamburg gleichgekommen.
Und Anna hatte sich vor Freude die Hände gerieben. Ihre Affäre mit einem verheirateten Mann war dafür verantwortlich, dass sie jedes Wochenende allein in ihrer kleinen Brüsseler Wohnung hockte. Endlich war ihre Freundin wieder in der Nähe, endlich konnte wieder etwas gemeinsam unternommen werden.
„Was um alles in der Welt sind Abgänge?“, fragte Valerie, obwohl sie die Antwort bereits ahnte.
„Gestorbene Soldaten natürlich.“
„Das ist ziemlich pietätlos, findest du nicht?“
„Mag sein, aber das ist hier nun mal der übliche Sprachgebrauch und ändern tut es auch nichts mehr.“
„Was habt ihr überhaupt mit gestorbenen Soldaten zu tun?“
„Alle Soldaten, die bei NATO-Einsätzen eingesetzt sind oder waren, sind bei uns erfasst. Und wenn einer verstirbt, der einmal bei einem NATO-Kommando dabei war, dann bekommen wir eine Mitteilung und nehmen ihn raus aus den aktiven Akten. Ein Abgang also.“
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