Sie fuchtelte mit der Waffe herum, die sich... als einer ihrer Schuhe entpuppte. Es war halt dunkel hier unten, ich hatte das nicht sofort erkennen können. Außerdem war sie in mieser Stimmung und... außerdem sind Schuhe ja auch so etwas wie Waffen.
„Du bist der Vater meines Kindes!“
„Ich bin nicht der Vater!“
Schnippler sah fragend von ihr zu mir.
„Sind Sie der Vater?“
„Nope“, schüttelte ich den Kopf. „Hab ich ihr grad schon mal erklärt!“
„Zu wem wollen Sie denn, bitte?“
„Zum... Sohn... des Polizeipräsidenten!“
Sie wirkte nun ein wenig verunsichert. Mühsam versuchte sie, ohne den drohenden Schuh in ihrer Hand zu senken, ihre Brille aufzusetzen.
„Oh!“ sagte sie dann.
„Ah, der. Das ist eine Tür weiter!“
„Oh!“ sagte sie noch einmal. Dann hinkte sie, noch immer verwirrt, wieder hinaus.
„Viel Spaß!“ rief ich ihr nach und wandte mich Schnippler zu. „Kennen Sie die?“
„Noch nie gesehen. Zum Glück. Und deshalb bin ich Pathologe! Meine Kunden halten nämlich wenigstens die Klappe! Viel Erfolg mit diesem Fall!“
„Danke!“
Ich machte mich auf den Weg zum letzten Tatort. Ich wollte raus aus der Pathologie. Mir war es dort unangenehm. Nicht wegen der Leichen, sondern weil jeden Moment eine Irre mit Ansprüchen an meine Vaterschaft auf mich losstürzen konnte. Da war mir so ein blutüberströmter Tatort doch lieber. Komischerweise war er das nicht. Alles war sauber aufgeräumt und blitzblank. War ich am richtigen Ort? Ich fragte nach.
„Doch, das is den Tatort!“ sagte der Hausbesitzer.
„Warum ist dann kein Blut da?“ wollte ich wissen. Schon wegen der Spurensicherung. Die mögen es für gewöhnlich nicht, wenn man aufräumt, bevor sie auftauchen und sich wichtig machen können. Die mögen es auch nicht, wenn ich auftauche und mich wichtig mache. Komische Leute. „Was?“ fragte ich, denn der Mann vor mir hatte gerade irgendwas gesagt, während ich darüber nachgedacht hatte, warum mich niemand mochte.
„Ich hab gesagt dat is kein Problem. Die Spurenversicherung is schon vorn paar Stunden gegangen. Und dann ham die den Taatooat, wie heißt das, freigegeben. Na und dann hab ich jemanden gefunden, der gesacht hat, dat er den ganzen Mist mit den Blut und all das sauber kricht. Auch auf die Fliesen. Dat ganze fiese Zeugs und die Gehirnmasse und all das. Melkowitsch heißen die, kleine Firma. Kriegen alles sauba, sagen die. Und sehn Se sich ma um! Is das nich tolle Aabeit?!“
Das war es, ganz eindeutig. Spaßeshalber fragte ich ihn nach seinem Alibi.
„Und wie sieht es mit Ihrem Alibi aus?“
„Das sieht ja ma gut aus. Hab ich schon Ihre Kollegen gesacht. Während die Tatzeit war ich gerade bei mein Anwalt. Wegen Schwarzarbeit und so.“
Na, da konnte er mir ja viel erzählen. Besonders, weil ich nicht die geringste Ahnung hatte, wann die Tatzeit eigentlich gewesen war!
Ich nahm mir vor, die Akten zu lesen. Damit ich wusste, wonach ich suchen musste. Es ging um... Fliesenleger. Genau! Das war es. Eine für Serienmorde bislang absolut ignorierte Gruppe. Also wo lag der Zusammenhang? Waren es religiöse Gründe? War der Beruf des Fliesenlegers in irgendeiner Religion sowas wie die Praktikantenstelle zum Antichrist?
Moment! Praktikum. Das brachte mich auf eine Idee. Was, wenn die toten Fliesenleger alle in derselben Firma ausgebildet worden waren? Dann hatten sie eine gemeinsame Vergangenheit! Das war eine Spur, der ich nachgehen konnte. Doch natürlich kam es nicht dazu, denn der Hausbesitzer sagte leise und energisch
„Sie sind ein toter Mann!“
Ich fuhr herum. Hatte es heute jeder auf mich abgesehen? Erst zwang mich mein Chef dazu, zu arbeiten, dann machte mich eine wahnsinnige Schwangere zum Vater ihres ungeborenen Kindes und jetzt bedrohte mich ein dank Alibi unverdächtiger Hausbesitzer? Was war los? War Vollmond? Hatten die Leute nichts Besseres zu tun? Hatte ich vielleicht doch schon meinen Mörder gefunden. Und, war das nicht ausgesprochen zweideutig? Hatte ich MEINEN Mörder gefunden, also denjenigen, der MICH umbringen würde? Oder nur den von dem Fall, den ich gerade bearbeitete? Und wurde der gerade zu ersterem? Vor allem, während ich all das vor mich hindachte, anstatt, wie es ein vernünftiger Mensch gemacht hätte, in irgendeiner Weise zu reagieren. Meine Waffe zu ziehen, zum Beispiel. Wild um sich zu schießen. Oder zumindest mal in die Richtung des Hausbesitzers zu kucken. Was ich jetzt tat.
„Also was is nu? Sie ham wieda nich zugehört, oda? Ich hab grad erzählt, wie diesen Typ im Fernsehn seine Waffe gezogen und sie den Polizisten an die Stirn gedrückt hat und dann hat den gesagt: ‚Sie sind ein toter Mann.’ Und da wollt ich ma fragen, wie Sie als Polizisten auf sowas reagieren würden? Ham Sie da ne Ausbildung für, die Sie auf sowas vorbereiten tut, oder wie sieht dat aus?“
„Äh, ja, wir werden gut ausgebildet, damit wir mit sowas spielend fertig werden!“ log ich. „Bevor da einer auch nur auf falsche Gedanken kommt, haben wir da schon reagiert.“
Ich drückte ihm meine Karte in die Hand.
„Falls Ihnen noch was einfällt, rufen Sie mich an.“
„Hot Fox, Porno-Versand?“
„Äh, DAS hier ist meine Karte, die hier ist... von einem anderen Fall.“
Ich machte mich aus dem Staub, bevor er weitere Fragen stellte, die ich nicht beantworten konnte. Dabei war das genau falsch herum. ICH sollte die Fragen stellen und ER sollte sie nicht beantworten können. So hatte ich das im Fernsehen gelernt. So machte man das bei der Polizei. Und wer die wenigsten Fragen beantworten konnte, war schuldig. Aber nein, heute war ja auf einmal alles anders. Heute mussten sie es mir ja besonders schwierig machen!
Ich wusste nicht, wo ich hin sollte. Im Präsidium wartete nur mein Chef auf mich, der nichts besseres zu tun haben würde, als mich anzuschreien, in der Pathologie lauerten mir schwangere Frauen auf, die nichts besseres zu tun hatten, als mich zu bedrohen und... was blieb da noch. Der Tatort war sauber und... ich hatte eine Spur. Naja, etwas, das einer Spur nahe kam. Naja... ich hatte irgendwas, womit ich den Nachmittag totschlagen konnte.
Also machte ich mich auf den Weg. Leider wusste ich nicht, auf welchen, aber dann kam ich auf die blendende Idee, einfach mal in die Akten zu schauen, die ich schon den ganzen Tag mit mir herumschleppte. Das half weiter! Ich war selbst überrascht. Also, was stand da über die fünf ermordeten Fliesenleger... Wo hatten sie eine Lehre gemacht? Es... stand natürlich nicht drin. Super. War ja klar. Warum sollten die Antworten auch einfach sein? Ich hängte mich ans Telefon und klapperte die Firmen ab, bei denen die Toten gearbeitet hatten.
Da ich keins dabei hatte, fuhr ich dafür wieder in die Pathologie. Anschließend verglich ich meine Ergebnisse mit Dr. Schnippler, den das alles merklich nicht interessierte.
„Es stört Sie doch nicht, wenn ich währenddessen Zeitung lese?“
„Nein, natürlich nicht.“
„Also, was haben Sie herausgefunden?“
„Nun, ich habe die Theorie, dass es eine Verbindung zwischen den Toten gibt. Sie arbeiten nicht in derselben Firma und sie haben nicht für denselben Bauherren gearbeitet, aber es muss eine Verbindung geben.“
„Und welche Verbindung?“
„Die Lehre! Sie müssen nicht in derselben Firma arbeiten, aber vielleicht haben sie ja alle in derselben Firma die Lehre gemacht.“
„Und?“
„Tjaaaaaa, zwei der fünf sind im Betrieb von Willy Wurstig ausgebildet worden – was so klingt, als sollte mir das etwas sagen. Offensichtlich ist das so eine Art Star im Bereich des Fliesenlegens.“
„Das ist er! Sie kennen ihn nicht?“
„Äh, nein.“
„Willy Wurstig ist der Erfinder der selbstreinigenden Pathologieraumfliesen. Ohne ihn wären Autopsien eine sehr unschöne Angelegenheit.“
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