Der sowieso schlecht schlafende Kaiser Wu konnte nun überhaupt keinen Schlaf mehr finden, denn das monotone „tu-tu“ ließ ihn in eine tiefe Depression fallen. Schwere Schatten legten sich über das sowieso schon dunkle Gemüt von Wu. Tu-tu. Tu-tu.
Schlussendlich ließ er seine weisesten Weisen und seine klügsten Astrologen zu sich kommen, um zu erfahren, ob dieses tu-tu eine tiefere Bedeutung hätte. Und seine Weisen und Astrologen antworteten ihm folgendermaßen: „Ehrenwerter Kaiser Wu, es ist ein Lied von einem Vogel mit einem schlechten Omen. Und dieser Vogel wird jede Nacht so lange sein trauriges Lied ertönen und über Beijing wehen lassen, so lange ein kambodschanischer Weiser im Gefängnis sitzt.“ Und sie informierten ihren Kaiser auch darüber, dass dieser Weise aus seinem Land verwiesen worden wäre. Und dann ließen sie ihren Kaiser mit dem Hundegesicht noch wissen, dass der Schatten des Unglücks erst mit der Abreise dieses Weisen vom Volk und der Stadt und natürlich auch vom ehrenwerten Kaiser Wu verschwinden würde.
Kaiser Wu befahl nun sofort die Freilassung von Thon Chej und ließ sich diesen seltsamen Vogel zeigen, der ihm so viele traurige nächtliche Stunden bereitet hatte und einen so großen Schatten von Unglück über sein Volk werfen konnte. Und der weise Thon Chej sprach: „Ehrenwerter Kaiser Wu, ich werde diesen Vogel in seine Heimat zurückbringen, damit er für euer Volk keine Gefahr mehr darstellt. Sein Name ist Khleng Ek“.
Als Kaiser Wu diese Worte hörte, da war er sehr erleichtert. Doch nun packte ihn erneut die Neugier und er wollte einen Blick auf einen so mächtigen, nächtlichen Vogel werfen. Und so brachte Thon Chej seinen Drachen ins kaiserliche Gemach und erklärte ihm alle Einzelheiten. Und Kaiser Wu war sehr erstaunt, als er hörte, dass dieser „Vogel“ mit seinen Hörnern singen konnte. Nun, da die Gefahr gebannt war, wollte er den Vogel ein letztes Mal singen hören, denn der traurige Gesang des Drachens erinnerte ihn sehr an sein eigenes trauriges Schicksal. Und so stieg Khleng Ek erneut in den chinesischen Himmel und lies sein Lied ertönen!
Thon Chej aber machte sich mit hundert Männern und ebenso vielen Frauen als Reisebegleitung und unzähligen Gastgeschenken auf, um nach langen Jahren der Abwesenheit wieder in seine Heimat Kambodscha zurückzukehren.
Und seit diesen Tagen gibt es sowohl in Kambodscha als auch in China Drachen, die dem endlosen Himmel Farbtupfer verleihen.
Kurzversion: Der Krieg zwischen der Kröte und Opa Brahma
Es war zum Verzweifeln! Die ganze Erde litt unter einer unvorstellbaren Dürre. Da war es kein Wunder, dass die wasserabhängigen Reptilien beschlossen, die Kröten zu Gott Brahma in den Himmel zu schicken und ihm den Regen in einer mächtigen Schlacht abzuringen. Unterwegs traf dann die Reptilienarmee auf die Armeen der Fische, der Insekten und der Pflanzen, die ebenso knapp am Verdursten waren. Der Kampf dauerte nicht lange, und Brahma lag, von Lianen gefesselt, von Melonen erdrückt, von Insekten zerstochen und von Fischen der Sinne beraubt, im Staub. In einer zähen Verhandlung wurde dann vereinbart, dass immer, wenn die Frösche mit ihren Zähnen knirschen, Brahma es regnen lassen müsse. Und so ist es heute noch. Wenn man das „quack-quack“ der grünen Reptilien hört, so ist mit Regen zu rechnen!
Die Geschichte vom Pferd von Thon Chej
Die kambodschanische Form des Schachspiels heißt Ouk Chatrang. In Thailand heißt die Schachspielversion Makruk, die in Kambodscha ebenfalls praktiziert wird. Die kambodschanischen Figuren sind der König, die Dame, die Säule, das Pferd, das Boot und der Fisch. Die Khmer-Namen sind Sdach, Neang, Koul, Ses, Tuuk und Trey. Einige Unterschiede zum europäischen Schach sind:
Das Brett ist einfarbig.
Die Bauern stehen in der Ausgangsposition auf der dritten Reihe.
Die Königin steht immer rechts vom König.
Die Könige stehen sich nicht gegenüber.
Die Königin bewegt sich nur ein Feld diagonal.
Ein Bauer darf immer nur ein Feld vorziehen.
Ein Bauer verwandelt sich in eine Königin, wenn er die Bauernreihe des Gegners erreicht. Die Figur in Scheibenform wird dann einfach auf den Kopf gestellt.
Die mächtigste Figur ist das Boot. Es darf gerade über mehrere Felder fahren.
Ouk Chatrang hat in Kambodscha eine lange Tradition, es finden sich schon Spieldarstellungen an Tempelwänden aus dem 7. Jahrhundert. In der breiten Bevölkerung ist das Spiel allerdings nicht sonderlich populär. Online-Spielmöglichkeit: www.ouk.sourceforge.net.
Es war einmal ein kluger kambodschanischer König. Damals war es noch so richtig gut, ein König zu sein, denn als König galt man als der klügste Mann in Kambodscha. Und unser König war sehr stolz auf seine Klugheit.
Jetzt gab es da aber ein kleines Kind namens Thon Chej, das in eine ganz einfache Familie hineingeboren wurde. Es war eigentlich ein ganz normales Kind, aber es hatte einen ganz außergewöhnlich scharfen Verstand. Und Zungen, die nicht nachdachten, was sie da anrichteten, sprachen sorglos darüber, wie intelligent Thon Chej sei. Bald hieß es, dass Thon Chej fast genau so intelligent wie der ehrenwerte Herr König sei. Und ein paar Jahre später hieß es, dass Thon Chej ganz sicher genau so intelligent wie der ehrenwerte König sei. Und noch ein paar Jahre später hieß es, dass Thon Chej sogar intelligenter als der ehrenwerte Herr König sei.
Es dauerte nicht lange, da kamen diese Lästereien auch unserem König zu Ohren. Und der war gar nicht begeistert darüber, denn er sah es als sein göttliches Recht an, der intelligenteste und vorzüglichste Mann Kambodschas zu sein. Und als die Spöttereien gar zu arg wurden, da beschloss der König, die Intelligenz und den Erfindungsreichtum des jungen Thon Chej auf die Probe zu stellen.
Er ließ sein Volk wissen, dass er gleich am nächsten Tag einen Ausflug in die Wälder der Umgebung machen würde. Gleichzeitig mit dieser Verlautbarung verbot er den Verkauf, die Vermietung oder den Verleih von Pferden an Thon Chej. Diesen informierte er daraufhin, dass er, der König von Kambodscha, die Anwesenheit von Thon Chej auf einem Pferd bei diesem Ausflug wünsche, um sich an seinem Wissen zu erfreuen. Nun war guter Rat teuer, denn niemand im Lande wagte es, Thon Chej ein Pferd für diesen befohlenen Ausflug zur Verfügung zu stellen. Eine Missachtung königlicher Befehle hätte für den Frevler dramatische Folgen gehabt. Doch da kam dem passionierten Ouk Chatrang-Spieler Thon Chej eine geniale Idee. Er schnappte sich kurzerhand das Spielpferd und erschien damit vor dem König.
Im Laufe seines Lebens musste Thon Chej noch viele Rätsel lösen. Und als sich sein Leben dem Ende zu neigte, da ließ er den König, der mittlerweile sein bester Freund geworden war, zu sich kommen und neben ihn niederknien, damit dieser das ersterbende Flüstern von Thon Chej hören konnte. Und seine letzten Worte waren: „Manche Fische sollte man entschuppen, bevor man sie isst, denn sonst könnte noch jemand zu Schaden kommen.“ Bei uns würde man sagen: „Schuster, bleibe bei deinen Leisten!“
Kurzversion: Die Geschichte von den prinzipientreuen Menschen
Ein junger Mann hatte zwar keine Eltern mehr, dafür aber umso mehr Armut. Und als der König ein Fest gab, da setzte er sich unter die Palastbrücke und begann zu fischen. Als die Königstochter vorbeikam, da weigerte sie sich, über die Brücke zu gehen, denn aus Prinzip könne sie über keinen Kopf eines Mannes steigen. Unser Junge machte den Weg frei und erklärte den Personen vor Ort, dass es keine prinzipientreuen Menschen mehr gäbe. Das kam auch dem König zu Ohren. Unser junger Bettler schickte nun den Monarchen auf die Suche nach den letzten prinzipientreuen Menschen. Die erste Familie, die der verkleidete König auf die Suche nach einer prinzipientreuen Frau für ihn schickte, versagte kläglich. Erst die zweite Familie erduldete seine Faulheit, seine Trunksucht und seine Völlerei ohne Murren… und wurde reich belohnt. So brachten sie ihre Lebensprinzipien bis an die Spitze des Staates. Und unser weiser, junger Mann durfte die Prinzessin heiraten.
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