Dies galt zumindest für Mathilde und ihre beiden Töchter. Dem Vater war alles egal. Zu dieser Zeit war die Hochzeit zwischen Ella und Hermann Sünders schon geplant, sie fand im kleinen Kreis der beiden Familien statt, als Hermann noch im gleichen Jahr, im September 1942, auf Fronturlaub nach Hause kam. Ella bezog neun Monate später, kurz vor ihrer Niederkunft, gemeinsam mit den Eltern eine größere Wohnung, die im gleichen Haus frei geworden war.
Vater Kowalski hatte noch vor dem Krieg als Arbeiter in einer Deutzer Fabrik einen schlimmen Arbeitsunfall erlitten und seither ein steifes Bein und einen steifen Arm. Ihm war eine Frührente bewilligt worden. Der größte Schicksalsschlag folgte dann im Herbst 1940, als die Feldpost die unbarmherzigste Mitteilung, die es geben konnte, ins Haus brachte. Der Schmerz um den über alles geschätzten und geliebten Sohn hatte ihm den Lebensmut und die Sprache genommen. Es blieben ihm die beiden Töchter, sie konnten ihm aber den Verlust des einzigen Sohnes nicht wettmachen, bis heute nicht, und bis heute waren auch sein Lebenswille und seine Sprache nicht zurückgekehrt. Er hatte sich in seiner neuen Heimat in einen gebraucht gekauften Sessel gesetzt, die schon vorhandene Sitzkuhle noch weiter eingedrückt, bis ein nächster angeschafft wurde, der schon bald die gleiche Prägung aufwies.
Erst als Sünders aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte, gab es wieder jemand, der sich um den alten Kowalski kümmerte. Sünders, selbst körperlich und seelisch schwer beschädigt durch die langen Jahre in russischen Lagern, versuchte dem Schwiegervater zu helfen, glaubte bei ihm eine Depression festzustellen. Das Krankheitsbild hatte er in der Gefangenschaft zur Genüge kennengelernt und 1949, nach seiner Verurteilung zum Kriegsverbrecher, auch am eigenen Leib erfahren und nur mit Mühe überwunden, aber immerhin, er hatte die Depression überwunden. Er hatte also die Erfahrung gemacht, dass man was tun konnte, und sich zuversichtlich für den Schwiegervater aufgeopfert, der ihm leid tat. Doch alle Zuwendung war vergebens, Otto Kowalski blieb, was er war: ein Körper, der auf seinem Sessel am Fenster saß, der nicht mal das kleine Interesse aufbrachte, auf die Straße oder in den Garten hinaus zu sehen. Er saß dort zusammengefallen mit vornübergebeugtem Kopf. Sünders suchte Rat bei Dr. Schwerner, der wiederum nur den Rat hatte, einen Psychotherapeuten hinzuzuziehen. Der allerdings wäre teuer zu bezahlen gewesen. Hermann hatte selbst nichts und dann sagte auch noch Mathilde, deren Engagement hier nötig gewesen wäre: „Lass 'n sitzen, Hermann, der will es nicht anders, ich hab' jahrelang versucht, was du jetzt noch mal versucht hast, und jetzt sind Ella und ich auch dran gewöhnt, dass er da nur so sitzt.“
Hermann gab die Hoffnung für den Schwiegervater auf, ließ aber nicht nach in seiner Zuwendung für ihn.
Mit der Wohnsituation war Sünders vollkommen zufrieden. Im Vergleich mit dem Leben in Krieg und Gefangenschaft war sein Leben in Neubokel das Paradies. Ein Unterschied zwischen damals und heute, der in seiner Größe kaum fassbar ist: zu grauenvoll war das Leben im Kampf um Stalingrad, dann der ständige Überlebenskampf in den Lagern Frolov, Beketowka Wolsk, Karaganda, wieder in Stalingrad, erneut zum Wiederaufbau der Stadt. Und überall, zusätzlich zu den unmenschlichen Lebensbedingungen, die ständigen Anfeindungen der Mitgefangenen, die zur Antifa gewechselt waren und ihre Pöstchen im Lager bis ins Kleinste gegen die einstigen Kameraden ausnutzten, die nicht diesen Wechsel mitgemacht hatten. Er dachte an Frolov, Lager 50, wo es einen einstigen Kameraden gab, den er von früher kannte und schon damals nicht mochte, der zur Antifa gewechselt war und für die Essensausgabe seines Blocks zuständig war. Hermanns Portion war immer kleiner als die der anderen, und er konnte nichts dagegen unternehmen. Hätte er gemurrt, hätte er am nächsten Tag noch weniger in seinen Napf bekommen. Diese schreckliche Hilflosigkeit, dass er solchen Schuften ausgeliefert war! Und dann das letzte Jahr in Swerdlovsk – wo sich die Günstlingswirtschaft der Lagerleitung als Endlos-Kette fortsetzte. Dazu die große Hoffnungslosigkeit, nie wird es dies vergessen.
Und jetzt doch in der Heimat!! Er fühlte sich in seinem Dorf wirklich wie im Paradies. Er hatte ums Haus herum genügend Platz, wenn es drinnen zu eng werden sollte, aber es wurde ihm niemals zu eng. Trotzdem war er ein Draußenmensch, der den Garten, den Hof, die Ställe schätzte und liebte. Zur Wohnung gehörten Ställe für Vieh und Holz, ein großzügiges Gartenstück und ein Platz auf dem Hof, der hauptsächlich zum Holzhacken und als Platz für die Holzmeiler, zwei pro Mietpartei, genutzt wurde. Hermann hielt sich gern draußen auf, eben nicht, weil er sich drinnen beengt fühlte, er mochte ja seine Ella, seine Schwiegereltern, natürlich den Sohn, da konnte es ihm gar nicht zu eng werden. Nein, wie gesagt, er mochte den Aufenthalt in der frischen Luft, die Ställe mit ihren vielen dann offenen Türen und Toren gehörten dazu. Und Mathilde traf er auch hier draußen, sie lag ihm von Typ her besonders. Mit ihr, die in ihrer Familie immer die Hosen angehabt hatte und sie auch, als der Schwiegersohn zurück war, nicht auszog, kam er zurecht, fand in ihr, wenn er es auch nur sich selbst gegenüber eingestand, den Halt in einem Leben, das ihm bisher nicht gut mitgespielt hatte.
Drei Wochen war er nun schon zu Hause, saß in der Stube am Fenster und sah hinaus auf die Dorfstraße, als es kurz klopfte und gleich darauf Luise hereinschneite. Ihrer Tasche entnahm sie einen offen im Kuvert steckenden Brief. „Hier, der Arbeitsvertrag von August. Renate ist gleich auf den Hof zu Tommi“, kam sie Mathildes Frage zum Enkelkind zuvor. Während Mutter und Schwester den Vertrag lasen, schaute Hermann aus dem Fenster, gab sich gleichgültig. Luise folgte seinem Blick: „Ach, Meta Main! Watschelt schon wie ‘ne Ente, müsste was an ihrer Hüfte machen lassen, sonst ist es zu spät, wie damals bei Tante Berta. Sagt ihr das mal, ihr redet doch immer zusammen, und sagt es dem Dr. Schwerner, den hat sie doch bestimmt auch.“
„Ja, wer hat den nicht hier im Dorf. Der kommt ja auch regelmäßig nach Bokel und guckt, was so ist mit seinen Leuten, auf den Schwerner ist Verlass“, sagte Ella im anerkennenden Ton, las dann im Vertrag weiter und gab ihn Luise zurück, „ist gut mit dem Vertrag, das Geld stimmt und du hast den August raus aus der Stube.“
Die Spitze gegen Hermann war nicht zu überhören, er drehte sich nach ihr um, mehr erheitert als verdrossen. Es war ja gerade ihr freches Mundwerk gewesen, das ihn damals schon angezogen hatte, als sie zum ersten mal mit Ihrer Schwester an der Ecke bei Schuhmanns auftauchte, dem Treff für die jungen Leute aus dem Dorf. Sie hatte schon damals gleich drauf los geredet, in ihrer unbeschwerten Art, ohne sich drum zu scheren, ob andere es blöd oder gut fanden, was sie redete. Ihre Tonlage bestand nur aus einem mittleren Ton, selbst wenn sie sang, wechselte er nie. Und sie sang gern. Als sie damals mal einen alten Schlager nachträllerte “Kleine Mädchen müssen schlafen gehn / wenn nachts die Sterne am Himmel stehn“, hatte Hermann ihr geraten: „Lass' das man, Ella, singen kannste wirklich nicht.“
Und sie hatte entgegnet: „Bringt ja keinen um, wenn ich es trotzdem tu' und es macht mir Spaß", und hatte unbeschwert weitergeträllert.
Wenn Ella sich ärgerte, wurde ihr Ton schon mal tiefer und kratzte, niemals wurde er hoch und schrill. Hermann mochte sie von dem Augenblick an, als er sie zum ersten Mal sah. Jedes Pfund an ihr gefiel ihm, und davon besaß sie schon damals mehr als genug. Und er mochte sie heute wie damals. Auch Luise hatte er gleich gemocht und mochte sie heute noch. Aber sie war und blieb für ihn mehr der Abklatsch der älteren Schwester, brachte weniger auf die Waage, war weniger selbstgefällig, weniger frech. Hermann hatte sich für das Original entschieden und im Grunde – was seine anhaltende Liebe zu ihr betraf – bis heute nicht bereut. In diesem Punkt jedenfalls hatte er Littmann übertrumpft. Aber die liebere von beiden, er musste es zugeben, war eben Luise, auch wenn sie manchmal diese Liebenswürdigkeit vermissen ließ. Und sie hatte Littmann, seinen Feind geheiratet. Hinter seinem Rücken, als er schon in Beketowka festsaß. Die liebe Luise und der fiese Littmann! –, das kreidete er ihr insgeheim an.
Читать дальше