„Und welchen Stoff haste gekauft?“
„Dunkelrot mit weißen Punkten. Ach, das hätte ich ja fast vergessen. Ich hab' den gleichen Stoff in dunkelblau für dich zurücklegen lassen bis nächste Woche“, sagte sie zu Luise.
„Dann geh' ich ihn holen, sobald die Männer ihren Lohn gekriegt haben, sagte Luise, „und in der Mappe für's Eingesparte sind auch noch ein paar Mark, das müsste dann reichen.
„Ob eure Mutter für mich auch eins nähen könnte? Ein Kleid mein' ich. Muss ja nicht auch noch diesen Monat sein, nächsten vielleicht.“
„Ich frag' sie gleich heute Abend. Sie näht jetzt nicht mehr für andere. Aber ich denke, für dich näht sie, und sicher auch gern.“
„Danke Ella. Den Lavabel hole ich mir morgen auf alle Fälle. Lass dann über die Männer Bescheid sagen, ob ich mit dem Stoff dann zu euch kommen kann.
Ich war auch bei Döpke letzte Woche. Da gibt es schöne Söckchen für die Kinder, auch alle Farben und so lustige bunte Kringel, und so schöne dünne für den Sommer kann man ja nicht stricken.“
Ella nickt interessiert, fragte dann die Schwester, obwohl sie die Antwort schon kannte: „Hast du dem August auch schon ein Nylonhemd gekauft?“
„Ach, du kennst doch den knickrigen August. Aber, weil der so knickrig ist, gibt es für das Geld, was ich mir selbst gespart habe, keine Nylonhemd für ihn, sondern Lavabelstoff für mich.“
„Richtig, Schwester!“
"Er gibt mir immer nur das Haushaltsgeld“, erklärte sie Selma, „keine Mark mehr. Alles andere kommt gleich aufs Sparbuch. Er spart immer auf was, da kann man nichts machen. Walter hat doch sicher auch noch keins, kein Nylonhemd mein ich, oder?“
„Nee, aber er kriegt eins. Jedenfalls gibt er mir Geld, wenn ich was haben will.“
„Ich kauf' dem Hermann auch eins“, sagte Ella, obwohl der es nicht verdient hat, wenn ich da an die Geschichte mit unserer Kommode denke.“
„Die Geschichte mit der Kammer, erzähl das mal, die kennt Selma ja noch nicht, obwohl sie schon fast ein Jahr alt ist.“
"Das ist kurz gesagt. Der Hermann wollte sie nicht, hat aber dann doch unterschrieben, als ich sie bei Frau Kuhlmann von acht Mark auf sechs Mark fünfzig runtergehandelt habe und Mutter zusagte, drei Mark beizusteuern. Und eine neue Kommode wollte er auch nicht. Die hat dann Mutter bei Erwin für sich bestellt, und als sie fertig war und Erwin noch was abgelassen hatte vom Preis, da hat er sie doch akzeptiert und bezahlt.“
„Ja letztlich kriegt Ella doch alles, was sie will, und wenn Hermann wirklich mal streikt und was zu unterschreiben ist, muss der Papa herhalten.“
“Ach, ja nur einmal“, winkte Ella ab, „das will ich eigentlich gar nicht, dass der Papa für so was herhalten muss.“
Und du, was hast du so vor für die Zukunft?", fragte sie Selma.
„Na erst mal ein richtiges Fahrrad. Selmas Gedicht wurde heiter wie die der andern beiden, „so eins ohne Stange, ein echtes für Damen, und denn ein elektrisches Bügeleisen und denn“, sie hob die Brauen hoch wie ein Clown, der in Übermut den Spaß überzieht „ja doch, einen Plattenspieler, das wäre was.“
„Das sind ja Wünsche", staunte Luise, „und eine Reise soll es nicht sein?" Sie begann zu singen und dabei albern mit dem Po zu wackeln, 'Komm ein bisschen mit nach Italien', oder nicht lieber gleich ein Auto von VW, der Leiding fährt ja schließlich auch schon eins. Aber ein Käfer wäre vielleicht nicht so das Richtige für dich, ein bisschen mickrig. Willst lieber einen Borgward, eine schöne Isabella.“
„Lass man, so abwegig sind Selmas Wünsche nicht, es geht vorwärts in Deutschland, der Adenauer macht das schon, oder der Ehrhard. Wohlstand für alle. Es geht schon damit los, dass jeder nur noch fünfundvierzig Stunden die Woche arbeiten soll. Zehn Jahr weiter, na sagen wir mal fünfzehn, und das Auto ist da, auch für uns, und du lachst nur noch, wenn du die Drahtesel im Schuppen stehen siehst, so verrostet, das sie kaum noch zu erkennen sind.“
„Wenn nur noch 45 Stunden gearbeitet wird“, überlegte Luise, „geht das wahrscheinlich vom Sonnabend ab, da sind die Männer dann früher zu Hause.“
„Tja, es gibt eben nichts, wo nur Vorteile sind“, brummelte Ella und dachte dann in besserer Stimmung an die Vorteile, „wenn sie dann für weniger Arbeit sogar mehr Geld kriegen als vorher mit mehr Arbeit, können wir auch öfter zu Döpke oder Schwannecke gehen, und das ist wieder gut. Dort gibt es dann öfter neue Sachen, weil die im Geschäft wissen, die Leute kaufen, weil sie mehr Geld haben.
Luise, Selma: Es geht aufwärts in Deutschland!“ Die Freude darüber stand ihr im Gesicht.
„Die Plattenspieler gibt es jetzt sogar in so einem Schrank, bei Radio-Schulze steht einer im Schaufenster. Ich glaub' 39 Mark“, kam Selma auf ihren Wunsch zurück."
„Jetzt, wo Walter den Bagger fährt, könnt ihr euch das wohl leisten.“
„Ach Ella, da haben eure Männer selbst Schuld, dass Walter und nicht einer von euren beiden den Baggerschein machen konnte. Grummet und Bakeberg haben zusammen entschieden, dass keiner von beiden den Baggerschein kriegt, damit nicht schon wieder ein neuer Streit zwischen ihnen ausbricht. Sie wollten wohl auch keinem von beiden vor den Kopf stoßen, und so kriegte ein Dritter den Schein, in diesem Fall Walter.“
„Klar haben die selber Schuld, diese Streithähne“, sagte Ella. Glaub' jetzt'aber nicht, dass ich dem Walter den Baggerschein nicht gönne. Selbst Hermann gönnt ihm den, und ich denke, August auch. Sonst wäre das Verhältnis zwischen ihnen wohl getrübt, und davon kann ja wohl keine Rede sein.“
Selma verlor ihr Thema nicht aus den Augen und sagte begeistert: „Wisst ihr, dass ich für den Plattenspieler, den ich noch nicht habe, schon zwei Platten habe, Das alte Försterhaus und Mit der kleinen Bimmelbahn . Das ist vom Harz, da ist Walter ja her. Und er liebt die Bimmelbahn, die so durch den Harz fährt, und er liebt das Försterhaus, das für ihn auch im Harz steht. Das hatte mir eine Kellnerin vom Itschenkrug erzählt, die ich kenne, und wo er immer diese beiden Platten hört. Die haben da so einen Plattenspieler stehen wie bei Schulzes im Schaufenster, solchen, wie es die heute gibt für Kneipen, an der Seite steckt man Geld rein und wählt, dann kommt so ein Greifarm...“
„Nichts Neues mehr, steht bei Marwede auch schon“, sagte Ella wie nebenher, um zu zeigen, dass sie auf dem Laufenden ist.
„Und die nächste Platte, die ich kaufe, mir selbst zum Geburtstag, ist Catharina Valente: 'Tiitipitipso beim Calypso ist dann alles wieder gut, ja das ist mexikanisch'“, sang sie und tanzte ein paar Schritte den Wiesenweg entlang, den sie jetzt erreicht hatten und der ihnen einen festeren Boden gab als das Querfeldein durch die Wiesen.
„Das mit den Platten, Selma“, sagte Ella und musste unterbrechen, weil sie ihr Kichern nicht unterdrücken konnte, „ist ja so, hi hi hi, als wenn du Socken strickst und hast, hi hi hi, noch keine Füße.“
„Das ist nicht so“, widersprach Selma gelassen ruhig, „wenn du Platten hast, kannst du dir den Plattenspieler nachträglich kaufen, aber es gibt keine Füße zu kaufen, für die du schon Socken gestrickt hast.“
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