So ging es weiter zwischen den beiden in Missgunst und Hass, wobei meist Littmann der Aggressor war. Zum Beispiel hatte er einmal beim Ausschießen des Kinderschützenkönigs, bei dem Hermann zu den Besten gehörte, so laut gesagt, das jeder Anwesende es hören konnte: „Sünders kann noch so gut schießen, König wird der niiie, weil bei der Auswertung die Habenichtse, die gut geschossen haben, aussortiert werden, die können ja nicht mal ihre Schärpe bezahlen.“
Hermann hatte sich anschließend mit Littmann geprügelt und Littmann hatte mehr abbekommen als er, aber den Stacheln, die August ihm schon gesetzt hatte, war ein weiterer hinzugefügt. Ein anderes Mal war Littmann mit dem Fahrrad dicht vor Hermanns Nase vorbei gerast, als Hermann mit einer Gratulationskarte auf dem Weg zu einem Hochzeitshaus war. Es reichte für den Zuruf Littmanns: „Na willste Kuchen betteln gehn?“ Und diesmal konnte Hermann ihn nicht am Kragen packen und der neue Stachel trieb tief ins Fleisch.
So ging es fort mit dem Hass aufeinander. August ließ keine Gelegenheit aus, seinen höheren sozialen Stand herauszukehren und Hermann zu kränken. Hermann entwickelte seinen Ehrgeiz, hielt auf sich und sein Äußeres, sah immer sauberer und gepflegter aus als Littmann, bildete sich neben der Schule selbst fort, las Bücher, erweiterte sein Wissen und beantwortete mit Hochgenuss im Unterricht die Fragen des Lehrers Sperrgurt, bei denen zuvor Littmann passen musste. So errang sich Hermann durch das, was er aus sich machte und was er leistete, ein Ansehen bei den Schulkameraden und generell im Dorf, sodass er dort gleichwertig mit den Söhnen der Kleinbauern, selbstständigen Handwerkern, besseren Angestellten und ähnlichen sozialen Schichten im Dorf angesehen wurde. Dies schürte Littmanns Hass auf Sünders zusätzlich.
Krieg und Gefangenschaft trennten die beiden Kontrahenten, bis ihre Wege wieder zusammenliefen, und zwar so eng, dass eine Trennung nicht mehr möglich war: Sie heirateten Schwestern, und die Liebe zur Frau war bei beiden stärker als der Graus vor der Verschwägerung mit dem Feind.
Als Hermann Sünders am 12. Oktober 1955 mit dem ersten Bus aus Herleshausen im Lager Friedland eintraf, hatte ihn auch Luise umarmt, und er hatte gleich daran denken müssen, dass die drei Frauen höchstwahrscheinlich auf gleiche Art auch Littmann empfangen hatten, als der heimgekommen war. Dass Littmann seit vielen Jahren zu Hause war, wusste Hermann aus Briefen von daheim, aus den wenigen, die er in den div. Lagern erhalten hatte, zuletzt im Straflager Stalingrad. In Swerdlovsk, wo er zuletzt war, hatte er keinen Brief mehr von zu Hause erhalten. Nur in umgekehrte Richtung waren ein paar unterwegs gewesen, von denen er nicht wusste, ob sie ihr Ziel erreicht hatten. Es war ihm auch immer ein Trost gewesen, ein Trost des Ungewissen, dass Briefe aus der Heimat zwar an ihm abgesandt, aber eben nicht ihr Ziel erreicht hätten. Immerhin waren 3000 km Postweg zurückzulegen, da konnte allerhand schieflaufen. Und er kannte viele im Lager, die ebenfalls keine Post erhielten.
Aber jetzt war er ja in der Heimat angekommen, was vorher war, versuchte er zu vergessen. Nur so konnte man mit den schlimmen Erinnerungen fertig werden.
Später, einige Zeit nach der Heimkehr, hatte sich Sünders immer heimlich geärgert, wieso die Presse später nicht mehr ihn und die anderen erwähnte, die aus diesem Straflager oder aus anderen heimgekehrt waren, sondern allein einen Spätheimkehrer, der in Rhöndorf wohnte, in Nachbarschaft zu den Adenauers. Adenauer hatte von seinem Bäcker erfahren, dass sein Nachbar im Zug der Spätheimkehrer war, die er dort im Dezember 1955 begrüßen wollte. Er lud dessen Frau ein, mit ihm im Sonderzug nach Friedland zu fahren. Als sie dort zusammen mit Adenauer eintraf, hielt man ihren Mann für einen Verwandten des Kanzlers und behandelte ihn bevorzugt. Die Medien taten ihr Übriges.
Ja so war das, dachte Sünders verdrossen, wenn er sich später daran erinnerte, man muss einen kennen, der was bedeutet in der Gesellschaft, und schon ist man selbst ein Bedeutender. War es auch früher im Dritten Reich so? Na klar, dachte er in diesem Zusammenhang immer wieder, schließlich war nicht er, sondern Wilhelm Kuhlmann damals Rottenführer bei der SA geworden, obwohl bei beiden die gleichen Voraussetzungen vorlagen. Nicht er als Sohn einer armen Kriegerwitwe, sondern Wilhelm als Sohn reicher Bauern, die ihre Beziehungen hatten. Es wird sich nie was ändern in dieser Sache, Vorteilsnahme durch Beziehungen waren für Sünders gleichzusetzen mit Bestechung. Und diese erfuhr er durch das Hervorheben des Spätheimkehrers aus Rhöndorf und damit durch das Zurücksetzen seiner eigenen Person und anderer mit gleichem Schicksal. Oft hatte er sich in der Erinnerung daran verhöhnt gefühlt, sich und sein schweres Schicksal im neuen Deutschland verhöhnt. Es kam ihm wie ein böses Omen vor.
Und dazu den verhassten Schwager Littmann!
Littmanns Geschichte war jetzt Familiengeschichte, und so erfuhr Sünders zwangsläufig von Littmanns Lebensweg nach dessen Heimkehr.
Littmann war 1946 aus amerikanischer Gefangenschaft entlassen, lebte bisher mit Frau und Kind auf dem Hof seiner Eltern und half seinem alten Vater und dem Bruder in der kleinen Landwirtschaft, mit der man sich über Wasser hielt. Als vor einem halben Jahr dem Bruder der Hof verschrieben wurde, hatte August eine Abfindung von 7000 DM und ein kleines Grundstück mit einem Bienenhaus darauf bekommen. Es lag Am Bullenberg, einem kleinen Feldweg am westlichen Rand der Kleinstadt.
Das Bienenhaus hatte er sich ausgebaut, es war gerade fertig und von Littmanns bezogen worden, als Hermann aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte. Zu dem Zeitpunkt hatte August vor, sich bei der Stadtverwaltung als Kanalbauarbeiter zu bewerben, die Unterlagen dafür hatte er schon beisammen. Sünders, den Schwager, hatte er zuletzt im Spätsommer 1942 gesehen, als dieser auf Forturlaub war, und war tief erschüttert, als er ihn jetzt, nach 13 verstrichenen Jahren, wiedersah: gelblich fahl im Gesicht, ungesundes Körpergewicht durch Wasseransammlung, stark gealtert, leicht gekrümmte Haltung, verschlossen. Es war inzwischen zu viel passiert, als dass sie sofort ihre Streitäxte wieder hervorholten. Sie schwiegen, gaben sich die Hand. Aber die Wärme des Händedrucks fehlte.
Hermann wurde gut ernährt zu Hause, selbst die Schwiegermutter, die keine Speckschwarte auslassen konnte, verzichtete zu seinen Gunsten auf solche Leckerbissen. Schon nach vierzehn Tagen hatte er sich sichtbar erholt, die Wasseransammlung im Körper war mit Hilfe Dr. Schwerners, der das Krankheitsbild von früheren Heimkehrern kannte und Erfahrung hatte, fast schon ausgeschieden und durch gesundes Gewicht ersetzt. Erst jetzt, als Hermann kräftig genug war, um neidisch den Vorsprung Littmanns zu erfassen, war der Zeitpunkt da, an dem er sich sagen musste, dass Littmann den alten Konkurrenzkampf zwischen ihnen für sich entschieden hatte. Und Littmann hatte dafür nicht mal einen Finger zu rühren brauchen, die Ereignisse der Zeit hatten für ihn gearbeitet. Und Sünders musste sich eingestehen, dass durch Littmanns Lebensstandard Menschen profitierten, die er mochte, seit sie im Dorf waren: die Kowalskis.
Und er fand Trost in dem Gedanken, dass ihm nach dem Kriegsgefangenenentschädigungsgesetz, über das er sich neulich informiert hatte, ein stattliches Sümmchen zustehen würde. Es würde sich noch herausstellen, ob er im Vergleich mit Littmann wirklich der Verlierer war.
Von den Kowalskis war zuerst Ella gekommen, zum Arbeitsdienst bei Kuhlmanns. Ihre Schwester Luise machte den Arbeitsdienst im Nachbardorf Gilde und zog im Anschluss nach Neubokel zu ihrer Schwester. Ella hatte für beide eine kleine Wohnung, bestehend aus zwei Zimmern, in einem Bauernhaus der Kuhlmanns angemietet, das in vier Wohnungen aufgeteilt war. Die Wohnung konnten sich die Schwestern leisten, weil beide in der Kreisstadt Gifhorn eine Arbeitsstelle in ihrem Beruf gefunden hatten, Ella als Stenokontoristin in einer Essiggroßhandlung, Luise als Verkäuferin in einem kleinen Miederwarengeschäft. Später, Anfang Juni '42, kamen die Eltern ins Dorf, als ihre Kölner Wohnung im britischen Bombenangriff zerstört worden war. Sie fanden eine erste Unterkunft in einem zu Wohnzwecken hergerichteten Schuppen desselben Bauernhauses. Die Schuppen-Wohnung wurde von Kuhlmanns mit ausrangierten Möbeln und einer Nähmaschine ausgestattet, da sie wussten, dass Ellas Mutter Schneidermeisterin war und im Gegenzug dazu bereit, Kuhlmanns Kleidung und Wäsche auszubessern, jedenfalls was bis dahin so angefallen war. Mathilde nahm diese Starthilfe gern an, wollte sich den Kuhlmanns gegenüber nicht weiter verpflichten, was von deren Seite auch akzeptiert wurde. Jedenfalls hatten die Kowalskis einen leichteren Start im neuen Leben als andere Ausgebombte oder Flüchtlinge, und fühlten sich auch ganz wohl im Dorf.
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