Mia blieb kurz verunsichert vor dem Eingang stehen, gab sich dann aber einen Ruck. Nun gab es kein Zurück mehr, sie würde es durchziehen.
Mit zögerlichen Schritten ging Mia zum Empfang.
„Guten Morgen, wie kann ich Ihnen weiterhelfen?“, wurde sie direkt von einer bildhübschen Dame begrüßt. Die anderen zwei, noch eine schöne Frau und ein akkurat aussehender Mann, waren gerade am Telefonieren.
„Guten Morgen, mein Name ist Mia Skye. Ich würde gerne zu Mr. Gold.“ Ihre Stimme klang in ihren eigenen Ohren dünn und zittrig.
„Haben Sie einen Termin, Ms. Skye?“
„Nein, aber könnten Sie bitte fragen, ob er Zeit für mich hat?“
„Tut mir wirklich sehr Leid Ms. Skye, aber ohne Termin …“
„Bitte, rufen Sie ihn an, es ist wichtig.“ Diesmal klang ihre Stimme fest und eindringlich.
„Wirklich, Ms. Skye, ich würde Ihnen gerne weiter helfen, …“
„Er ist mein Vater.“
Kurz schaute die Frau sie irritiert an und nahm dann den Hörer in die Hand. „Ja, Empfang hier. Eine Ms. Skye steht hier vor mir und würde gerne Mr. Gold sprechen. Sie meint, es sei sehr dringend.“ Kurz hörte sie zu. „Sie sagte, sie wäre seine Tochter … Nein, es ist nicht Ms. Victoria … Ja, ich warte.“
„Kleinen Moment, Ms. Skye.“
Während Mia wartete, ließ sie den Blick durch die riesige Eingangshalle schweifen. Alles glänzte und sicher würde man hier nie ein Staubkorn finden. Die große Fensterfront war makellos und sie beobachtete die Menschen, die davor vorbeieilten.
„Ms. Skye?“
Mia hatte nicht mitbekommen, dass die Empfangsdame mit dem Telefonat fertig war. Sie wurde aus kühlen Augen angeschaut. Oh, das sah jetzt nicht gut aus.
„Ich möchte Sie bitten, das Gebäude zu verlassen. Des Weiteren haben sie Hausverbot. Sollten Sie diese Anweisungen nicht befolgen, müssen wir leider die Polizei benachrichtighen. Haben Sie mich verstanden, Ms. Skye?“
Mia war bei den Worten blass geworden. Sie hatte sicher mit vielem gerechnet, aber damit nicht. „Äh, ja.“
„Würden Sie dann bitte gehen?“
„Oh, natürlich. Auf Wiedersehen“, nuschelte Mia und ging mit schnellen Schritten nach draußen. Damit sie nicht weiter von drinnen beobachtet wurde, wählte sie den Weg nach rechts aus. Sie bekam kaum mit, wohin sie ging.
Nachdem ihre Beine kaum noch konnten, erreichte sie irgendwann einen kleinen Park. Mia steuerte die nächste Bank an und ließ sich darauf nieder.
Das war jetzt gehörig in die Hose gegangen. Keine Mutter mehr, und ihr Vater würde ihr lieber die Polizei auf den Hals hetzen, als auch nur mit ihr zu sprechen. Der Schmerz fraß Mia fast auf und sie vergrub ihr Gesicht in den Händen.
Unzufrieden nippte Ryan an seinem Kaffee. Der Abend war nicht, wie erwartet gelaufen. Dabei war er selber so heiß gewesen, und die zwei Frauen, die der Chef zu ihm geschickt hatte, kannten ihn und seine Vorlieben. Und doch war es wortwörtlich in die Hose gegangen. Nein, er hatte nicht in die Hose gespritzt, sondern, nachdem die Frauen anfingen ihn zu streicheln und zu küssen, war sein Ständer zusammengesunken und hatte sich verkrochen.
Daher war er heute total frustriert. Aber er hatte einen Job zu erledigen und schob die Gedanken an eine zierliche kleine Frau ganz weit nach hinten. Denn hier reckte sich sein beschissener Prügel auf einmal wieder hoch.
Er lehnte an die Küchentheke und beobachtete Kathy, Vicky und Sarah. Auch heute wollten sie etwas zusammen unternehmen. Wahrscheinlich lag es daran, dass die beiden exzessiv die Hochzeit von Vicky planten. Denn die Wochen nach der Entführung hatte er fast nur auf Kathy aufpassen müssen. Jetzt aber, wo feststand, dass Vicky und Vincent in ein paar Wochen heiraten würden, ließen die beiden Frauen keine Zeit aus, um die Planung voranzutreiben. Vor allen Dingen, weil Vincent und Jace im Moment die Suche nach Lincaster intensiviert hatten, damit er endlich hinter Gitter kam, oder aber eine Kugel in den Kopf. Hauptsache, er war aus dem Weg geräumt.
Allerdings wäre Ryan dann arbeitslos. Seit er das FBI verlassen hatte, war er in der Welt unterwegs gewesen. Erst auf Jace seine Bitte hin, hatte er wieder eine Aufgabe übernommen. Eventuell würde er im Personenschutz bleiben und etwas Eigenes auf die Beine stellen.
„Wir wollen in den Park gehen, ist das in Ordnung für dich?“, wandte sich Kathy an ihn.
Er musste kurz schmunzeln, denn als ihr Bodyguard brauchte sie ihn nicht zu fragen, sondern er ging dort hin, wo sie hin wollte. Aber Kathy sah in ihm immer noch den Freund von Jace und nicht den Angestellten.
„Natürlich, kein Problem, Kathy“, antwortete er daher nur.
Die beiden Frauen verfrachteten Sarah in ihren Buggy, packten die Wickel- und Picknicktasche und Ryan half ihnen vor der Haustür mit den Treppen. Danach hielt er sich dezent im Hintergrund.
Der Weg zum Park verlief ruhig und Ryan entspannte sich. Er mochte es nicht, wenn sie zu Fuß unterwegs waren. Die Gefahren, die überall sein konnten, waren schwer zu minimieren. Im Park angekommen, durfte Sarah auf den dortigen Spielplatz und die Frauen setzten sich direkt in der Nähe auf die mitgebrachte Decke.
Ryan dagegen ging erst eine kleine Runde um das Areal und lehnte sich dann in der Nähe gegen einen Baum.
Er ließ seinen Blick immer wieder in der Gegend umherschweifen, um dann weiter die Frauen im Auge zu behalten. Diese waren in ihr Gespräch vertieft, so dass keiner mitbekam, wie Sarah, die normalerweise immer in der Nähe blieb, die Gegend erkundete.
Erst als er merkte, dass Kathys Blick panisch über den Spielplatz huschte, sie aufsprang und nach ihrer Tochter rief, fiel ihm auf, dass er bei seinem Auftrag – die Kleine auch zu beschützen – total versagt hatte.
„Sarah“, brüllten die beiden Frauen und auch Ryan rief ihren Namen.
Sie suchten um den Spielplatz herum alles ab und dann fiel sein Blick auf den Weg zu Straße. Verdammt, wie war die Kleine so schnell dorthin gekommen? Er rannte los und auch Kathy und Vicky hatten Sarah entdeckt und eilten hinter Ryan her.
Nie und nimmer würde er es schaffen, bei Sarah zu sein, bevor sie die Straße erreichte.
Er nahm neben dem Parkausgang eine Bewegung auf der Bank wahr, und dann wurde Sarah von einer Frau aufgehalten und auf den Arm genommen.
Er erreichte die beiden als erstes und als die Frau ihren Kopf hob, durchfuhr es ihn wie ein Stromschlag: Das war die kleine Frau von gestern.
Dann waren schon Kathy und Vicky bei ihm und die Frau reichte anstandslos Sarah an ihre Mutter weiter. Diese drückte sich Sarah an die Brust und weinte.
Vicky riss dagegen die Retterin in die Arme und umarmte sie.
„Vielen, vielen Dank! Wenn Sie nicht gewesen wären …“, Vicky sprach nicht weiter.
„Es ist ja noch mal alles gut gegangen“, antwortete die Frau mit einem scheuen Lächeln.
Sie hatte allerdings rote Augen und es sah so aus, als ob sie geweint hatte.
Nun wandte sich auch Kathy an sie. „Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll. Aber geht es Ihnen gut?“
„Ja, ja, nur eine Allergie.“
Ryan sah die leichte Röte, das unsichere Lächeln, den abgewandten Blick. Das war jetzt aber eine glatte Lüge gewesen. Und ihn schaute sie, seit sie seinem Blick eben begegnet war, gar nicht mehr an.
„Ich würde mich so gerne bei Ihnen bedanken. Wirklich. Und oh, wie unhöflich. Wir haben uns gar nicht vorgestellt. Ich bin Kathy Gold, meine Tochter Sarah und meine Schwägerin Victoria Gold.“
Ryan sah, dass die Frau bei den Worten blass geworden war und es sah fast so aus, als ob sie gleich zu Boden gehen würde.
„Ähm, das ist nicht nötig“, stammelte sie. „Mia Skye. Aber ich muss jetzt auch los, ich habe noch einen dringenden Termin.“
Fast schon panisch wandte sie sich ab und ging mit schnellen Schritten davon.
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