»Herr, warum seid Ihr zu mir gekommen, wenn Ihr die Antwort schon kennt? Ihr wisst, wer diese Krieger sind, nicht wahr?«
Alaric kniff Augen und Stirn ein wenig zusammen, weil ihm der Ton des Druiden nicht zu behagen schien. Feidlim hatte immer mehr den Eindruck, dass seinem Fürst die ganze Angelegenheit nicht wirklich interessierte und er es wohl für eine vorübergehende und daher harmlose Sache hielt. Alaric fuhr in einem Tonfall fort, der Feidlim zeigte, dass sein Fürst sich mit dieser Einschätzung aber wohl doch nicht so sicher war. »So wie sie die Männer beschreibt, können es eigentlich nur Germanen sein. Niemand aus unserem Stamm hat schon einmal einen germanischen Krieger vor Augen gehabt, aber die Beschreibung passt zu Schilderungen anderer Stämme weit nördlich von uns.«
»Wir wissen seit langem von ihrem Herannahen«, antwortete Feidlim. »Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie auch zu uns stoßen. Die Geschichten über ihre Gräueltaten sind schneller als ihre Pferde oder Füße.«
»Dies war der Grund dafür, dass ich die Wälle ausbessern und verstärken ließ, Druide«, antwortete Alaric ungehalten. »Dies war der Grund dafür, dass ich Vorräte anlegen ließ, die Jäger öfter in die Wälder schickte, um Wild zu erlegen. Und dies war auch der Grund, warum ich Speere, Äxte, Schwerter und Schilde, Pfeile und Bogen anfertigen ließ, in einer Zahl, wie sie uns noch nie zuvor sinnvoll erschien.«
Feidlim nickte. Er hatte all dies gesehen und die Vorkehrungen seines Stammesfürsten als richtig betrachtet. Nur nicht als … beruhigend. Auch andere Stämme hatten sich in ähnlicher Weise auf das Vordringen der Barbaren aus dem Norden eingestellt. Geholfen hatte es ihnen nicht. Die Nachricht von schrecklichen Kämpfen, ja regelrechten Massakern, hatte viele in Angst und Schrecken versetzt. Gut möglich, dass Fetzen solcher Erzählungen bis an das Ohr der Fürstentochter gelangt waren und diese nun von Vorahnungen heimgesucht wurde. Feidlim überlegte für einen Moment, ob Kyla seherische Fähigkeiten besaß oder nur das im Traum verarbeitete, was unvorsichtige Mäuler ihr zugetragen hatten.
»Eure Vorkehrungen sind zu bewundern, Herr, ohne Zweifel. Doch hat dies andere Stämme nicht vor ihrem Untergang bewahrt. Es wäre sicher von Nutzen, wenn wir uns mit anderen Stämmen vereinigen könnten, um unsere Streitmacht zu verstärken. 300 Mann unter Waffen scheinen wohl nicht genug zu sein, gegen Horden von Berserkern …«
»Berserker …«, wiederholte Alaric und stieß das Wort wie einen Fluch aus. »Manche von ihnen tragen Felle von Bären … und sollen kämpfen wie diese. Dazu sind sie groß gewachsen und tragen Waffen, die selbst unsere stärksten Krieger nicht lange schwingen könnten. Was soll ich tun gegen eine solche Armee?«
Er machte eine kurze Pause, dann knirschten seine nächsten Worte so, als hätte er Sandkörner zwischen den Zähnen.
»Du weißt ganz genau, dass es nur einen einzigen Stamm in der weiteren Umgebung gibt, der uns zwar nicht gerade freundlich, aber zumindest neutral gegenübersteht. All die anderen sind nur neidisch auf unsere Befestigung und ihre Position. Wie viele Kämpfe haben wir schon überstanden? Wie oft wurden wir schon angegriffen und konnten sie immer wieder zurückschlagen?«
»Auch hier habt Ihr mit jedem Wort Recht, mein Fürst. Doch ändert es nichts daran, dass die Germanen kommen werden. Vielleicht nicht heute oder morgen … aber sie werden kommen!«
Nun machte Feidlim eine Pause, erhob sich und trat Alaric gegenüber. »Warum also seid Ihr hier, mein Fürst? Ich kann Eurer Tochter die Träume nicht nehmen, wenn ständig neue Nachrichten ihre Ängste schüren …«
»Befrage die Götter, warum sie nicht um sich selbst fürchtet!«, befahl Alaric und atmete dabei schwer. »Befrage die Götter, warum sie weint, wenn sie mich ansieht! Kann sie meinen Tod sehen?«
Der Stammesfürst war hier Vorbild und Abbild seiner Tochter zugleich. Seine Fragen zeugten nicht von Angst um sein eigenes Leben, sondern um das seiner Familie. Er schien die angedeutete Rettung seiner Tochter den Göttern schon jetzt zu danken, doch musste ihn die Angst um Frau und Sohn innerlich zerfetzen, als hätten ihn die Klingen von mehreren Feinden schon getroffen.
»Ich werde die Götter befragen, mein Fürst, so wie Ihr es wünscht … befehlt.« Feidlim überlegte schon die ganze Zeit, was er danach als Rat der Götter würde mitteilen können, ohne sich gleich selbst in Gefahr zu bringen. »Natürlich verlangen die Götter ein Opfer … wie immer. Es sollte ein großes Opfer sein«, fügte er hinzu.
Alaric nickte und ging wortlos hinaus. Der Regen hatte noch an Heftigkeit zugenommen und stob jetzt – unterstützt durch ebensolche Böen – weit in den Raum hinein.
Feidlim trat rasch an die Tür und schloss sie, bevor Wind und Regen sein Feuer in Bedrängnis bringen konnten. Mit Gänsehaut trat er an die Flammen heran und stierte hinein, als könne er dort die Antworten finden, die sein Fürst … und er zu finden hofften.
Die Götter, spottete er innerlich. Es gibt keine Götter!
Feidlim war nicht bewusst, dass es genau dieser Unglaube war, der ihm den Kontakt zu ihnen verwehrte. Und noch etwas anderes war ihm nicht bewusst …
Es gab noch andere Mächte, die sich seiner Wahrnehmung entzogen.
Dunkle Mächte.
Kapitel III: Ein Opfer für die Götter
Brianna erschrak über das rasante Tempo, mit dem die Flammen das Schwein vollständig einhüllten. Binnen Augenblicken brannte das Tier so heftig, als hätte der Druide es vorher mit Pech eingerieben. Doch dem war nicht so. Sie hätte es an dessen unverwechselbarem Gestank sofort erkannt. Das, was jetzt in ihre Nase stieg, war ein anderer übler, horniger Geruch. Es war das Haarkleid des Opfers, das sofort in Brand geraten war und nun stinkende Schwaden aufsteigen ließ. Nach kurzer Zeit waren die Borsten und Haare verschwunden und offenbarten die blanke Haut der Sau.
Es brutzelte und zischte, Fett tropfte in die Flammen, stob dort kurz auf und ließ ihr unweigerlich das Wasser im Mund zusammenlaufen. Für die Dauer von etwa zehn Herzschlägen duftete das brennende Schwein köstlich. Brianna schämte sich dafür und dachte daran, wie viele Menschen von dem Tier hätten satt werden können.
Doch die Flammen schlugen immer höher und loderten mit gierigen Zungen um das Opfer. Schließlich sollte das hier kein Festmahl werden. Das Tier war gut genährt und hatte sich auch eine dicke Schwarte anfressen können. Jetzt platzte die Kruste mit schrecklich knackenden Geräuschen auf. In Briannas Ohren klang es wie das Brechen von dünnen Knochen. Nur Augenblicke später wandelte sich der sonst verführerische Duft in beißenden Qualm. Er stieg in schwarzen Rauchfahnen in den Himmel, der zwar immer noch von dichten Wolken bedeckt war, aber keinen Regen herabfallen ließ.
Unwillkürlich machte sie ein paar Schritte nach hinten. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie heiß das Feuer geworden war und rückte noch weiter ab. Aus den Augenwinkeln nahm sie wahr, dass auch andere Umstehende zurückwichen.
Das Schwein brannte jetzt auch von innen heraus, und blankes Fleisch, Knochen und Organe wurden sichtbar. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, das arme Tier auszuweiden. Ekliger Brodem ließ Brianna den Mund trocken werden und sich nach einem Schluck Wasser sehnen. Leichte Böen trieben den Gestank zu der Menge, die sich ohne Befehl um das Opferfeuer versammelt hatte, fasziniert und erschrocken zugleich vom Schauspiel und von der dahinter steckenden Hoffnung. Manch einer trug einen gequälten Ausdruck im Gesicht, andere Verbissenheit oder blanke Angst. Die Götter verlangten nach diesem Opfer. So hatte es wenigstens Feidlim behauptet.
Brianna hegte schon lange Zweifel am Nutzen solcher Gaben … und an der Existenz von Göttern. Sie würde aber nie im Leben – auch nicht Alaric gegenüber – erwähnen, wie sie darüber dachte. Doch ihr Volk glaubte daran. Und wenn sie Fürstin bleiben wollte, musste sie den Bedürfnissen ihrer Untertanen – sie selbst betrachtete sie als anvertraute Menschen – nachkommen und Ritualen beiwohnen, deren Sinnhaftigkeit und vor allem deren Wirksamkeit ihr mehr als fraglich vorkamen.
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