Kyla war zwar erst acht Jahre alt, aber sie hatte schon Dinge gesehen und erlebt, die dazu führten, dass sie nun wieder mit den Händen nach Halt suchte. Ihre Rechte fand im Nacken des Hundes Zuflucht und krallte sich so fest hinein, dass es dem Tier wehtun musste . Doch der hagere Hund, der bald schon mit ihrem Vater auf die Jagd gehen sollte, wehrte sich nicht, noch jaulte er.
Kyla rannte nun durch den Wald und ihre hellbraunen Haare flogen hin und her, weil sie nicht wusste, wohin sie fliehen könnte. Aus den wenigen Lichtstrahlen wurden Pfeile, die knapp an ihr vorbeizischten und zitternd im Boden stecken blieben. Büsche verwandelten sich in Gestalten, die sich erhoben und Äxte und Schwerter schwangen und mit langen Armen nach ihr griffen. Sie ließ das Fell des Hundes los, bog und krümmte sich im Traum, um den fremden Kriegern auszuweichen und ihr echter Körper tat es auf ihrem Lager nach.
Drudwyn hatte mittlerweile die Ohren angelegt und seine Schnauze längst aus der Nähe ihrer ins Leere greifenden Hand gebracht. Trotzdem blieb er immer noch an ihrer Seite, weil sie Teil der Familie war, die er liebte und selbst mit seinen gerade mal eineinhalb Jahren schon beschützen wollte. Er fletschte die Zähne und seine Augen schienen dem Beispiel des Mädchens zu folgen. Aber er fand keine Gegner, auf die er sich hätte stürzen können.
Die Tochter des Stammesfürsten war nun von dunklen Gestalten umringt, die langsam, aber unaufhaltsam auf sie zuschritten. Ihre Körper waren größer als die eines jeden Menschen, den sie je gesehen hatte. Ihre Haare waren lang und nicht weiß gekalkt wie bei keltischen Kriegern. Meist blaue, aber auch graue und wenige hellbraune Augen blickten sie mordlüstern an und zwangen sie allein mit ihren finsteren Blicken nieder. Bei ihrem geistigen Körper gelang es ihnen sogar. Sie stolperte über einen großen Ast und fiel in eine der roten Lachen, die einmal bunte Blätter gewesen waren. Sie glitt darin aus und verschmierte sich von oben bis unten mit Blut, von dem sie wusste , dass es keltisches Blut war. Sie schlug um sich, versuchte die gierigen Hände abzuwehren, aber gegen diese muskelbepackten Pranken hatte sie keine Chance. Als einer der Krieger seinen Mund aufriss, harte Laute ausstieß und seine riesige Hand gleich ihre Kehle erreichen würde, schrie sie gellend auf.
Alaric und ihre Mutter Brianna wurden gleichzeitig wach. Der Fürst der Kelten hatte sein Schwert schon in der Hand, als seine Frau sich noch aus seiner Umarmung löste. Mit wenigen Schritten waren sie am Lager ihrer Tochter und fanden keine Ursache für ihre anhaltenden Schreie, die von Mal zu Mal beängstigender wurden.
Von draußen waren Schritte und fragende Rufe zu hören. Mindestens eine der Wachen musste aufmerksam geworden sein. Vielleicht auch jemand aus benachbarten Häusern.
Jetzt hatte Drudwyn die Ohren angelegt und tänzelte dabei von einem Bein auf das andere. Es war offensichtlich, dass er zu unerfahren und erschrocken war, und Gefahr bestand, dass er wahllos um sich beißen würde. Alaric senkte sein Schwert, nachdem sich ihm kein Feind entgegenstellte und brummte dem jungen Hund beruhigende Worte zu.
Brianna indes kniete zu Kyla nieder und versuchte eine ihrer herumwedelnden Hände zu erwischen. Doch die kämpfte gegen unsichtbare Wesen und fast hätte Brianna Stolz empfunden, wie vehement ihre kleine Tochter sich wehrte. Von einem Moment zum anderen riss Kyla die Augen auf. Zwei dunkle Flecken in übergroßem Weiß. Anstelle ihrer Mutter sah sie immer noch den Fremdling über sich, grausam den Mund verzogen. Ihr erneuter Schrei drang sicher durch ganz Menosgada.
»Kyla!«, rief Alaric unwirsch, und Hund und Kind zuckten vor seiner Stimme gleichermaßen zusammen.
Drudwyn legte sich auf den Boden, sein Blick galt nun dem Mann vor ihm. Aber er hatte sich weder einen Schritt von Kyla entfernt, noch seinen Schwanz eingekniffen. Der Fürst bemerkte dies sehr wohl. Alaric beugte sich zu ihm hinunter, weil er sah, dass sich seine Frau um ihre Tochter kümmerte und murmelte dem jungen Tier zu: »Du bist ein Prachtkerl, kleiner Drudwyn. Aus dir wird bald ein hervorragender Jagdhund werden.«
»Kyla«, wiederholte seine Frau deutlich sanfter. »Kyla, wach auf! Es war nur ein Traum.«
»Mama«, kam es zurück und Brianna sah förmlich, wie Geister und Ungeheuer vom Leib ihrer Tochter abfielen und sich deren Blick klärte.
»Du hast geträumt, Liebes. Du bist Zuhause und in Sicherheit«, flüsterte die Fürstin und nahm Kyla in ihre Arme. »Was geht nur in deinem Kopf vor? Das war nun schon das dritte Mal, dass du im Traum geschrien hast. Waren es wieder diese fremden Krieger?«
»Ja«, kam es leise zurück. »Aber es ist seltsam … so sehr sie mir auch Angst machen … ich weiß, dass ich nichts von ihnen zu befürchten habe. Es ist nur all das Blut, was mir Angst macht.« Dabei blickte sie zuerst zu ihrem Vater hinüber, danach ihrer Mutter in die Augen, und plötzlich vergoss sie Tränen, die ihr in schneller Folge über die Wangen liefen.
Brianna drückte den Kopf ihrer Tochter an die Brust und hob den eigenen zu ihrem Mann.
»So geht es nicht weiter, Alaric. Du musst mit ihr zum Druiden gehen …«
Feidlim hatte vor einem Jahr seine Ausbildung mehr oder weniger abgeschlossen, fühlte sich aber immer noch … unfertig. Sicher hatte der unerwartete Tod seines Meisters seinen Anteil daran. Aber da war noch etwas anderes.
Im Alter von fünf Jahren hatten ihn seine Eltern an den damals schon alten Druiden übergeben. Ihn selbst hatte man nicht gefragt. Die ersten Jahre waren rasch im Rausch von ständig neuen Unterweisungen vergangen. Dazu kam, dass sein Lehrmeister viel ordentlicher im Umgang mit allen Dingen war als seine eigene Familie. Regelmäßige Nahrung, harte Disziplin während der permanenten Ausbildung, die Übungen mit verschiedenen Waffen – als Kind eher spielerisch, mit zunehmendem Alter ernst- und schmerzhafter – hatten aus ihm einen Mann gemacht, dem man vorsichtige Beachtung schenkte. Seine Eltern hätten ihn höchstens zu einem Bauernleben geführt. Und dennoch …
Er fühlte sich einfach nicht wie ein Druide. Äußerlich entsprach er durchaus dem allgemeinen Bild, das sich die einfachen Leute machten. Aber mit den meisten Belangen der Heilkunde – und erst recht in magischen Dingen – sah er sich selbst als Stümper; anders konnte er es nicht benennen.
Sein Meister musste sein mangelndes Talent schon früh bemerkt haben. Anstatt ihn wieder wegzuschicken, hatte er die Schwerpunkte seiner Ausbildung auf die kleineren Aufgaben gelegt: Heilung einfacher Krankheiten, Zeremonien, insbesondere Hochzeiten, Beistand bei Beratungen der Fürsten und Edlen, ein wenig Vermittlung in Streitfällen, aber nicht mehr. Sein Kontakt zu den Göttern beschränkte sich mehr auf fadenscheinige Selbstdarstellungen und Opferrituale, denn auf eine wirkliche Vermittlertätigkeit.
Er hatte seinen Lehrmeister oft dabei beobachtet, wie dieser in völliger Konzentration und Entrücktheit mit verschiedenen Gottheiten Zwiesprache gehalten hatte. Ihm war dieses Kunststück noch kein einziges Mal gelungen.
Versager, schalt er sich stumm und blickte über den nordwestlichen Wall ins Tal des Menos hinab. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis mir ein Fehler unterläuft.
Seine Stirn furchte sich dabei wie ein Spiegelbild der Wolken, die rasch über den Himmel fuhren und das ganze Tal mit einer grauschwarzen Masse überzogen, die gleich ihre Pforten öffnen würde.
Wahrscheinlich werde ich der erste Druide sein, der von seinem Stamm davongejagt wird, wenn nicht Schlimmeres! Als es donnerte, sah er dies als Bestätigung durch Taranis an. Wird mich mein Status vor Verachtung und Verbannung schützen? Er erschauerte und zog seine Kapuze tiefer ins Gesicht. Oder gar vor dem Tod?
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