Die Alternative wäre ein Leben in Einsamkeit. Denn Feidlim war davon überzeugt, dass es keinen Sinn machte, sich nach einem, in seinen Augen unausweichlichen Fehler einfach davonzumachen und bei einem anderen Stamm neu zu beginnen. Andererseits hatte er auch keine Lust, sein Druidendasein so mir nichts dir nichts aufzugeben. Weder die Plackerei als Bauer oder Handwerker – von der er in beiden Fällen ohnehin nichts verstand –, noch ein mitunter kurzes Leben als Krieger erschienen ihm verlockend.
Als es noch einmal donnerte und ihn erste Tropfen trafen, raffte er seine Kutte enger um sich und drehte sich den Häusern zu, die ungerührt das Unwetter erwarteten. Nur sehr wenige Menschen liefen noch zwischen ihnen herum; meist nur Wachen, die rasch ihren überdachten Posten zustrebten und ihn nur kurz mit einem Wink grüßten.
Wieso sollten sie mich auch mit mehr Respekt als nötig beachten?, fragte sich Feidlim bitter und machte sich auf den Weg zu seiner eigenen Behausung. Ich kann Taranis nicht daran hindern, zum zehnten Mal hintereinander das Land mit Regen zu überziehen. Erst habe ich ein Huhn opfern müssen, um Regen herbeizubitten und jetzt hört er nicht mehr auf.
Dann schob sich ein neuer Gedanke in den Vordergrund. Außerdem sollten wir froh sein, dass er damit die Zisterne bis an den Rand füllen wird. Das erspart uns die Wasserschlepperei von den Quellen bis auf den Berg. Wieder donnerte es und der Regen wurde stärker. Ich höre schon jetzt das Gejammer der Bauern, die um ihre Ernte bangen. Sie haben immer einen Grund zur Klage. Wahrscheinlich werden sie mich bitten, eine Ziege oder irgendetwas anderes zu töten, um die Fluten wieder schwinden zu lassen. Als ob sich Götter mit solchen Kleinigkeiten beschäftigen würden.
Nur ganz am Rande seiner Grübeleien spukte ihm die Frage durch den Kopf, wie sein Meister wohl in dieser Situation gehandelt hätte. Feidlim schüttelte sich erneut und stand plötzlich vor einem dunklen Schatten, den er mit halb gesenktem Kopf und zunehmenden Regenschauern beinahe übersehen hätte.
»Alaric … mein Fürst«, sagte er überrascht und sah jetzt auch, dass das Stammesoberhaupt nicht allein war. Seine Tochter Kyla stand neben ihm, eine Hand in der Rechten ihres Vaters. Beide störte der Regen augenscheinlich nicht besonders.
»Feidlim, gut, dass wir dich treffen«, begann der kräftige Mann und nickte zum Haus des Druiden. »Wir sollten hineingehen, bevor wir nass bis auf die Haut sind. Wir brauchen deinen Rat … deine Hilfe.«
Feidlim war doppelt verblüfft. Tatsächlich trug der Fürst ihres Stammes einen Ausdruck im Gesicht, der ihm vermittelte, dass er, Feidlim, ihm helfen würde; wobei auch immer. »Es geht um Eure Tochter«, sprach er das Offenkundige aus und versuchte seiner Stimme einen prophetischen Klang zu verleihen.
»Ja, Druide«, kam es zwar nicht überrascht, aber hoffnungsvoll zurück.
Feidlim nahm sich die Zeit, Vater und Tochter jeweils für die Dauer eines Herzschlages intensiv – und, wie er hoffte, beeindruckend – in die Augen zu schauen, dann wandte er sich um, ging die wenigen Schritte zur Tür seines kleinen Gebäudes und öffnete sie. Weil es drinnen finster war, ging er voraus und hatte schon zwei Kerzen entzündet, bevor Alaric und Kyla ihm tiefer in den einzigen Raum folgen und hinter sich die Tür schließen konnten.
Mit raschen Blicken versicherte Feidlim sich, dass es einigermaßen ordentlich aussah. Wenigstens dies hatte er von seinem Lehrmeister erfolgreich übernommen. Mit einer Geste bot er dem Fürsten den einzigen Stuhl an und zog für sich selbst einen kleinen Hocker heran, der es ihm ermöglichen würde, dem Kind Auge in Auge gegenüber zu sitzen. Die Kleine musste stehen bleiben.
Noch einmal sah er Kyla intensiv an, doch sie machte nicht den Eindruck, dass sie ihn fürchtete. Vielleicht war sie mit den Gedanken auch ganz woanders. Innerlich verärgert sah er zu ihrem Vater.
»Also, mein Fürst: Was kann ich für Euch tun?«
»Meine Tochter … Kyla«, begann Alaric äußerlich ruhig, schien aber nicht zu wissen, wie er beginnen sollte, »sie hat Träume … keine guten Träume.«
»Ich weiß, Herr. Ich konnte ihre Schreie hören. Ich wusste, dass Ihr als fürsorglicher Vater zu mir kommen würdet«, log er und war für die mitfühlenden Worte einer anderen Mutter dankbar, die ihm erst vor zwei Tagen erzählt hatte, dass die Fürstentochter unter Albräumen litt. Feidlim drehte sich wieder dem Kind zu und legte seine Hände sachte auf dessen Schultern.
»Deine Träume, Kind: sind sie verschieden oder ist es stets der gleiche Traum?« Er versuchte ein Lächeln, aber an der Reaktion der Kleinen sah er, dass es wohl nicht besonders warmherzig ausgefallen war.
Kyla sah ihm, ihrem Vater und dann wieder Feidlim in die Augen und antwortete erst, als Alaric zustimmend nickte. Feidlim entging nicht die Ungeduld im Blick des Fürsten.
»Es sind immer die gleichen Bilder, die ich sehe«, begann sie und er konnte förmlich verfolgen, wie sich ihre Augen weiteten und sich Traum und Realität zu mischen begannen. »Ich bin im Wald, erkenne aber die Stelle nicht«, fuhr sie fort. »Ich sehe seltsame Bäume, die weiß und grau gefleckt sind. Ich renne … stolpere.« Sie hielt inne, versuchte ihre Hände vors Gesicht zu heben, stieß aber an seine Unterarme.
»Weiter, sprich nur! Du bist hier in Sicherheit. Dein Vater und ich sind bei dir.«
Zu seinem eigenen Erstaunen zeigten seine Worte Wirkung, obwohl er noch nie ein besonders gutes Verhältnis zu Kindern – und schon gar nicht zur Tochter des Fürsten – gehabt hatte.
»Ich falle in Lachen aus Blut …«
»Im Wald?«, unterbrach er sie. »Von wem stammt das Blut? Vor dir? Verletzt du dich irgendwo?«
»Es ist Menschenblut«, antwortete sie leise und ließ es zu, dass er ihre Hände in die seinen nahm. Sofort drücke sie fester zu und er spürte ihre kleinen Fingernägel auf seiner Haut.
»Bist du sicher? Könnte es nicht das Blut eines Tieres sein?«
»Nein!«, stieß sie hervor und bohrte ihre Nägel tiefer in sein Fleisch. »Männer tauchen auf … sie tragen Waffen in ihren Händen.«
So klein sie auch war, sie hatte Kraft und zeigte es dadurch, dass ihre spitzen Nägel sich wie kleine Dolche in seine Haut drückten. Feidlim empfand Schmerz und sah mit einem kurzen Blick, dass kleine Rinnsale von seiner Hand hinabrannen. Alaric schien es nicht zu bemerken oder wagte es nicht, seine Tochter oder den Druiden zu unterbrechen.
»Sie versuchen mich zu packen …«
Feidlim war nun selbst gebannt von der Szene und wagte keinen Einwand mehr. Er sah, dass das Mädchen Angst empfand, aber nicht um sich selbst. Als sie nicht mehr weiter sprach, riskierte er doch noch eine Frage.
»Kannst du die Männer beschreiben?«
»Sie tragen ihr Haar lang …«
Feidlim hatte ihr noch ein paar weitere Fragen gestellt und zwischendurch erleichtert seine Hände aus ihren Krallen befreit, aber nichts mehr Wesentliches in Erfahrung bringen können. Er war ein wenig stolz darauf, dass es ihm gelang, so zu tun, als würden seine Wunden nicht schmerzen und trug ein wenig Heilsalbe auf. Dann hatten Alaric und er die Kleine einer völlig durchnässten Sklavin übergeben, die wie von Zauberhand aufgetaucht, aber ergeben draußen stehen geblieben war, bis Alaric sie hereingerufen hatte. Sie würde Kyla nach Hause bringen.
Noch bevor Alaric ihn fragen konnte, erhob sich der Druide, trat an die Feuerstelle in der Mitte des Raumes heran und schob mit einem starken Ast die Schicht Asche zur Seite, die die Glut geschützt hatte und blies vorsichtig hinein. Zwei, drei Mal wiederholte er es, bis endlich eine kleine Flamme aufloderte und er dünne Äste nachlegen konnte. Als das Feuer zuverlässig brannte, wandte er sich seinem Gast wieder zu. Natürlich hätte es des Feuers trotz des anhaltenden Regens zu dieser Jahreszeit nicht unbedingt benötigt, aber er hatte die kurze Zeitspanne genutzt, um nachdenken zu können.
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