Sie tastete sich auf allen Vieren voran, bis sie zu dem Lichtstrahl kam. Genau wie sie vermutet hatte, befand sich dort eine Tür. Es war künstliches Licht, das durch ihren Spalt in den kalten, feuchten Raum drang.
Mona zog sich auf die Beine, dabei bemerkte sie, dass sie keine Schuhe mehr trug. Ihre Socken, Hose und Bluse waren noch da, aber Schuhe, Handtasche und Mantel waren fort.
Was war passiert? Sie erinnerte sich nicht, egal, wie sehr sie sich anstrengte.
War sie vielleicht mit ihrem Freund Dennis noch etwas trinken gegangen? Waren sie bei einem seiner komischen Freunde eingeschlafen?
So musste es sein!
Mona wollte die Tür öffnen, weil sie glaubte, sie wäre in einer Art Garage, doch die Tür war verschlossen.
»Scheiße!«, fluchte sie leise.
Sie hob die Hand und wollte klopfen, sie wollte auf sich aufmerksam machen, doch da hörte sie die Stimmen nun ganz deutlich hinter der Tür.
Mona hielt inne, als sie den Mann aufgebracht brüllen hörte: »Wie kann denn so etwas passieren?«
Sie kannte diese Stimme nicht.
»Tut mir wirklich leid, Franklin! Ich habe das nicht gewusst! Mir wurde die Information gegeben, dass sie es ist«, antwortete eine andere, ebenfalls männliche Stimme. Sie klang jünger und enorm eingeschüchtert.
Mona kannte keine der beiden, aber sie konnte sich auch an letzte Nacht nicht erinnern, deshalb war sie nicht beunruhigt. Sie war sich sicher, bei einem von Dennis Freunden zu sein. Es war nicht das erste Mal, das sie wegen ihrem festen Freund an ungemütlichen Orten hatte schlafen müssen. Neu war nur ihr fehlendes Gedächtnis an die letzte Nacht.
Erneut wollte sie auf sich aufmerksam machen, doch da ging die Diskussion schon weiter.
»Sollen wir sie zurückbringen?«, fragte die jüngere Stimme.
» Zurück -«, die andere Stimme brach ab, so schockiert war der Mann. »Zurückbringen? Sagtest du das gerade? Zurückbringen ?«
Es blieb still, vielleicht zuckte der andere mit den Schultern und zog verängstig den Kopf ein.
Langsam begriff Mona, das hier etwas gewaltig nicht stimmte.
Ging es in dem Gespräch etwa um sie?
»Und was willst du ihr sagen?«, fragte der verärgerte Mann. »Oh Entschuldigung, wir haben dich entführt, weil wir dich für eine andere hielten? Tut mir wirklich leid? Kommt nicht wieder vor?«
Entführt! Mona wich vor der Tür zurück. Nein, das konnte nicht sein ... Sie schüttelte den Kopf. Das war irgendein fieser Witz ...
»Nimm doch einfach sie, wo liegt der Unterschied? Ob die oder jene ... Völlig egal!«, schlug der jüngere Mann vor.
»Und wer ist sie? Weiß das jemand?«
»Noch nicht«, erwiderte der andere.
»Hat sie Familie?«, fragte die dunklere Stimme wütend. »Weißt du, was das bedeutet, du inkompetenter Idiot? - Das jemand nach ihr sucht! Das ihr Gesicht in den Medien gezeigt wird! Das sie eine Gefahr ist!«
»Dann ... dann ....«
»Dann was?«, zischte der erboste Mann.
Das Gespräch verstummte.
Mona war mittlerweile soweit von der Tür zurückgewichen, das sie mit dem Rücken gegen eine feuchte, kalte Wand stieß. Plötzlich nicht weiter fliehen zu können, sorgte dafür, dass Panik in ihr ausbrach. Sie fuhr herum und tastete hastig die Wand nach einer Fluchtmöglichkeit ab. Einem Schacht, einem abgedunkeltem Fenster. – Irgendwas !
Aber da war nichts. Sie fand in dem kleinen Raum nur vier Kantige Betonsäulen.
Es war absurd, das wusste sie selbst, aber hinter einer von ihnen versteckte sie sich und versuchte, ihren Atem zu kontrollieren.
Was war genau geschehen? Das Letzte woran sie sich erinnerte, war das Vorstellungsgespräch ... Nein , an den Lieferwagen, auf dem Bürogelände ... oder nein! - Das wirklich Letzte, woran sie sich zurück erinnerte, war ihr Weg über die dunkle Straße. Sie hatte ihren Angreifer nicht gesehen, als sich plötzlich schwere Arme von hinten um sie gelegt hatten. Ein Pieks in ihren Nacken und ab da wusste sie nichts mehr.
Eine Spritze !, erkannte sie nun.
Man hatte sie betäubt und verschleppt.
Aber warum?
Wozu?
Warum ausgerechnet sie?
Sie war ein Nichts, ein Niemand! Ihre Familie war weder berühmt noch reich ...
Ihr Atem ging schneller. Ihre Instinkte schalteten sich ein, sie wollte nur noch fliehen. Sie hatte Angst. Panik. Atmete unkontrolliert. Sie hatte das Bedürfnis, mit ihren Fingernägeln an den Betonwänden zu kratzen, in der Hoffnung, schnell genug ein Loch nach draußen graben zu können. Was natürlich Unsinn war, weil es nicht funktionieren würde. Aber ihr angsterfüllter Verstand suchte verzweifelt nach einer Möglichkeit, von hier zu entkommen.
Keine Fenster. Keine Luftschächte. Nur diese eine Tür! Immer wieder drang das in ihr Bewusstsein ein. Nur eine Tür! Verschlossen.
Selbst wenn jemand herein kam, wie hoch standen ihre Chancen, aus der Tür zu entkommen? Sie wusste ja nicht einmal, wie es hinter der Tür aussah. Führte sie nach draußen oder in ein Gebäude? In ein Haus? In einen Keller? Eine Halle? War sie in einem Wald? In einem Industriegebiet? In einem Bunker unter der Erde? War sie überhaupt noch in derselben Stadt? Im selben Land?
Sie wusste es nicht, das war das Schlimmste daran.
Und mit dieser Erkenntnis gaben ihre Knie nach. Sie sank zu Boden und erste Tränen der Verzweiflung kullerten aus ihren Augen.
Ich will hier raus , dachte sie ängstlich. Oh Gott, ich will doch einfach nur nach Hause !
Mona hörte die streitenden Stimmen näher kommen.
»Du gehst jetzt da rein und beseitigst das Problem! Verstanden?«, brüllte die herrische Stimme.
Monas Atem ging noch schneller, sie keuchte beinahe.
Bedeutete das, was sie befürchtete ...?
»Ich ... Franklin ... Ich ...«, stammelte die unsichere Stimme.
Der andere schnaubte verächtlich. »Jetzt muss ich mir auch noch die Finger schmutzig machen!«
Mona hörte das Klicken eines Türschlosses. Automatisch sah sie sich hektisch nach einem Versteck um. Aber es gab keines.
»Bleib an der Tür!«, befahl der aufgebrachte Mann.
Aus purer, verzweifelter Angst zog sie den Kopf ein und umschlang ihn schützend mit den Armen. Die Panik ließ sie wieder zu einem kleinen Mädchen werden, das hoffte, dass man es nicht sah, wenn es selbst nichts sehen konnte.
»Wo ist sie?«, fragte die wütende Stimme.
Mona hörte große, laute Schritte nahen. Und als sie zur Seite schielte, trat ein eleganter Schuh in ihr Blickfeld.
Erschrocken fuhr sie zusammen und krabbelte von der Säule in die nächstgelegene, dunkle Ecke. Wie eine Maus auf der Flucht. Aber sie saß in der Falle. Kein Entkommen.
Bitte nicht ... Bitte nicht ... , flehte sie innerlich. Ihr kam in keiner Sekunde der Gedanke, laut um Gnade zu flehen. Sie hätte sowieso keinen Ton heraus bekommen.
Ängstlich wagte sie einen Blick hinauf. Sie konnte ihren Entführer nicht gut erkennen. Aber er war groß, schlank, sein Haar war dunkel und perfekt gestylt. Er trug - zu ihrem Erstaunen - Anzughose, Hemd und Sportsakko. Seine Erscheinung passte so gar nicht zu der schwarzen Pistole, die locker in seiner herabhängenden Hand lag.
Mona begann zu zittern und petzte die Augen zusammen.
Dieses Ding in seiner Hand ... dieses große Ding, dazu gedacht, zu töten ...
Ihr wurde schlecht, aber noch schlimmer war, dass sie nicht wusste, ob ihre Blase ihrer Todesangst standhalten konnte. Wie erniedrigend es doch wäre, sich jetzt auch noch in die Hose zu machen ...
»Na toll«, sagte der Mann mit plötzlich sanfter Stimme, »jetzt sieh dir dieses arme Ding an! Sie ist ja völlig verängstigt.«
Mona, deren Augen immer noch fest zusammen gepetzte gewesen waren, schielte vorsichtig zu ihm auf.
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