Nachdem Mona sich in Bewegung gesetzt hatte, bereute sie ihre Entscheidung bereits nach drei Metern, denn hinter dem Bürokomplex war es noch düsterer. Hier gab es keine Autos, keine umliegenden Hauswände mit Fenstern. Nur Müllcontainer, dunkle Ecken und die große Garagentore in der Fassade des Betongebäudes.
Mona ging schneller, als sie glaubte, hinter sich ein Geräusch gehört zu haben. Schlurfende Schritte, wenn sie sich nicht täuschte.
Sie beruhigte sich damit, dass ihr Verstand ihr Streiche spielte. Wer sollte hinter ihr sein? Obwohl ... plötzlich erinnerte sie sich daran, das es zwei Städte weiter vermehrt zu Vergewaltigungen gekommen war. Außerdem waren in letzter Zeit in der Gegend mehrere Menschen verschwunden. Einige hat man tot wieder aus dem Fluss gefischt.
Mona ging nun schneller, sie rannte fast, während ihre Schuhe laut auf dem Betonboden klackerten.
Als sie endlich das geöffnete Tor erreichte, bog ein großer Lieferwagen in die Einfahrt.
Mona war gezwungen, auszuweichen. Sie ging einige Schritte zurück, damit der Fahrer die Tordurchfahrt durchqueren konnte, dabei sah sie, dass niemand hinter ihr her gewesen war.
Alles nur Einbildung , beruhigte sie sich und atmete erleichtert auf.
Der Wagen fuhr auf das Gelände und umrundete das Gebäude, bestimmt hatte er ebenfalls nur eine Abkürzung nehmen wollen.
Mona verließ die Tordurchfahrt und schüttelte über sich selbst den Kopf.
Sie war stets so ängstlich!
Über sich selbst schimpfend lief sie die dunkle Straße entlang und bemerkte dabei nicht, dass sie von einem Schatten verfolgt wurde, der sich seit dem Verlassen der Firma an ihre Fersen geheftet hatte.
***
Norman rieb sich über sein müdes Gesicht.
In den Innenflächen seiner Hände spürte er die Stoppel seines Dreitagebarts, den er sich hatte wachsen lassen, um seiner falschen Identität den letzten Schliff zu verleihen.
Als Norman Koch, der Mann, der er wirklich war, trug er stets ein glatt rasiertes Gesicht und sportlichelegante Kleidung. Aber so durfte seine Rolle nicht auftreten.
Der Name seiner Rolle lautete Alexander Neumann. Ein fiktiver Mann, der auf der Straße aufgewachsen und sich als Kleinkrimineller durchgeschlagen hatte. Solche Kerle trugen selten Sportsakkos und glatt rasierte Gesichter.
Norman hatte sich gehen lassen. Wochenlang! Eher er in seine Rolle geschlüpft war.
Und es hatte sich gelohnt. Die Kerle haben es ihm abgekauft. Nun durfte er sich als integriertes Mitglied einer organisierten Verbrecherbande sehen; über die seine Vorgesetzten dringend mehr Informationen benötigten. Denn diese Kerle waren neu in der Stadt und seitdem sie da waren, fischte man mehrmals im Monat Leichen aus dem Fluss. Es verschwanden Menschen; überwiegend Leute mit recht wenig Angehörigen. Bis ihr Verschwinden bemerkt wurde, konnten die Behörden nicht mehr viel zutun.
Keiner, der bisslang Entführten, konnte bisher lebend gefunden werden.
Und genau deshalb wurde aus Norman Koch - einer der besten Sonderermittler der Umgebung - Alexander Neumann, einem widerlichen kleinkriminellen, der gerne der Handlanger des Kopfes dieser neuen Organisation wäre.
Nun, soweit war er noch nicht, aber er durfte sich mittlerweile wenigstens zum unteren Fußvolk zählen.
Das Schlimme an der Sache war nicht einmal, vorzugeben, jemand zu sein, den man eigentlich verabscheuen würde, schlimmer war es, keinerlei Kontakt zu Kollegen haben zu können, solange er noch keinen richtigen Fuß in der Tür hatte.
Er durfte nicht riskieren, aufzufliegen. Also war Norman schon seit Wochen ganz allein. Lebte in einer Wohnung, die nicht seine war. Fuhr einen Wagen, der nicht seiner war. Trug abgetragene Sachen, die eindeutig nicht seine waren.
Ab und an ging er joggen und lief soweit, bis er mitten in der Wildnis stand. Erst wenn er sich sicher war, das ihn niemand beobachtete, holte er ein Handy hervor und benutzte eine sichere Leitung um mit seinem Chef über Codewörter per Kurznachrichten kommunizieren zu können.
Von seiner Partnerin Fatima und ihrem Neuzugang, dem jungen Tom, hatte er seit Wochen nichts gehört. Solange Norman diesen Undercovereinsatz hatte, war er quasi auf sich alleine gestellt.
Aber ihm war es lieber so. Er erledigte das alleine, statt seine Kollegin in Gefahr zu bringen.
Fatima hatte Familie. Eine Mutter und einen Vater. Kleine Geschwister und einen großen Bruder, der Norman in den Boden stampfen würde, wenn Fatima etwas zustieße.
Und Norman hatte nur sich selbst.
Keine Verwandten, da er Waise war. Kinder hatte er noch nie haben wollen, ebenso wenig hatte er das Bedürfnis, zu heiraten; oder eine anderweitig ernsthafte Beziehung einzugehen.
Es wäre nicht fair einer anderen Person gegenüber, denn er lebte ausschließlich für seine Arbeit. Wenn dieser Einsatz schief lief, würden also nicht viele um Norman trauern.
Das war auch gut so. Genauso hatte Norman es gewollt. Dennoch hoffte er, dass alles weiter nach Plan verlief. Nicht für sich, sondern für all jene, die entführt wurden.
Normans Auftrag lautete, an so viele Informationen wie möglich zu kommen. Aber natürlich war Vorrang, herauszufinden, wer der Kopf der neuen Bande war und was mit den Entführten gemacht wurde. Wohin verschwanden sie? Lebten sie noch? Was geschieht mit ihnen? Was hatte man mit ihnen vor?
Fragen, die nur jemand beantwortet bekommen würde, der einer von ihnen war.
Norman rieb sich den Nacken und klappte mit der freien Hand sein Notebook zu. Er hatte stundenlang gelangweilt auf illegalen Websites herumgeschaut, weil er wusste, dass seine Geräte überwacht wurden. Er musste also so tun, als interessierte er sich für den Handel von Drogen. Denn seine Rolle war ein kleiner Drogendealer.
Überraschenderweise waren die Kerle aber gar nicht so stark daran interessiert. Sie wollten lediglich ab und zu nicht zugelassene Beruhigungsmittel. Aber Norman hatte nie gesehen, dass auch nur einer von ihnen das Zeug nahm, das er ihnen besorgte. Ab und an sollte er etwas Speed auftreiben, aber auch das hatte bisher keiner in seiner Gegenwart konsumiert.
Zähneknirschend überlegte er, ob sie das vielleicht auf internen Partys machten, zu denen er noch nicht eingeladen war.
Es frustrierte ihn, das es solange dauerte und er wusste nicht, wie lange er noch illegale Substanzen auftreiben konnte. Zumal es nicht genehmigt worden war. Norman nahm einfach an, dass seine Vorgesetzten, falls sie davon erfuhren, ein Auge zudrücken würden. Immerhin nahm er es nicht selbst.
Ja ... Norman nahm viel auf sich für diesen Einsatz. Aber er würde noch viel mehr tun, wenn auch nur die geringste Chance bestand, auch nur ein Opfer zu retten.
Die Frage lautete, ob überhaupt noch jemand am leben war.
Was war passiert?
Mona erinnerte sich nicht, als sie langsam aus einem traumlosen Schlaf erwachte. Dunkelheit umfing sie. Ihr Kopf tat weh. Nicht so, als wäre sie hingefallen, mehr so, als hätte sie eine viel zu große Menge Alkohol konsumiert. Aber Mona war keine Partygängerin, weshalb sie sich fragte, warum sie solche Kopfschmerzen hatte und warum sie sich an nichts erinnern konnte.
Langsam drang immer mehr Bewusstsein in sie. Von weiter Ferne glaubte sie, Stimmen zu hören. Sie lag auf der Seite, ihr Untergrund war hart und feucht. Ihr war kalt und die Luft roch nach nassem Hund.
Als sie versuchte, zu schlucken, spürte sie, wie ausgetrocknet ihre Kehle war und sehnte sich nach seinem Glas Wasser.
Die Stimmen wurden lauter. Eine hörte sich erbost an; eine männliche Stimme, die aufgebracht herumschrie.
Wo war sie?
Mona schaffte es unter höchster Anstrengung, die Augen zu öffnen. Doch sie sah nicht viel.
Es war dunkel dort, wo auch immer sie war. Nur weit entfernt glaubte sie, verschwommen einen Lichtstrahl in Augenhöhe zu erkennen. Was bedeutete, dass sich der Lichtstrahl am Boden befand, denn genau dort lag sie. Erschrocken fuhr sie hoch. Sofort durchfuhr ein stechender Schmerz ihre Schläfen. Aufkeuchend rieb sie sich den Kopf.
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