Schritte näherten sich, doch hatte sie nicht gehört, wie sich die Tür wieder geschlossen hatte.
»Schau mich an!«, hörte sie die Stimme ihres Entführers.
Mona blickte zu ihm auf.
Er stand dicht bei ihr, überragte sie bedrohlich und sah mit eiserner Miene auf sie herab, in der rechten Hand hielt er den Griff einer Peitsche mit vielen dünnen Lederstreifen.
Oh Gott, habe ich etwas falsch gemacht ?, fragte sie sich sofort ängstlich. Sie würde keine weiteren Schläge mehr aushalten. Aber schmerzhafter als die Gerte konnten die Lederstreifen nicht sein. Mona glaubte, nichts könnte je mehr wehtun als die schwarze Gerte. Diese fürchtete sie fast mehr als den Mann selbst, der die Folterinstrumente führte.
Er zeigte auf sie und warnte: »Du bleibst, wo du bist. Nicht einmal zucken darfst du!«
Mona sah ihm weiterhin in die Augen. Die blaue Iris schien im Neonlicht geradezu zu leuchten. Es waren schöne Augen. Eine Verschwendung, das sie zu diesem Mann gehörten.
Sie hörte Geräusche. Mehr Schritte. Schwerer Atem. Männliches Grunzen, als hebe jemand schwer. Etwas wurde abgestellt, über den Boden geschliffen. Wieder Schritte. Eine männliche Stimme fragte: »Brauchst du sonst noch etwas, Boss?«
»Nein«, erwiderte Monas Peiniger ohne den Blick von ihr zu nehmen. »Aber ich will nicht gestört werden. Wenn Tie hier auftaucht, schick ihn weg und sag ihm, er soll heute Abend wieder kommen.«
»In Ordnung«, wurde erwiderte, dann hörte Mona, wie die Tür geschlossen wurde.
Während all das geschah, hatte sie brav zu ihrem Entführer aufgesehen. Er hatte nicht gesagt, dass sie den Blick abwenden durfte, also tat sie es nicht.
Mona hatte sich während der Angstzustände geschworen, ihn ganz genau beim Wort zu nehmen. Sie hoffte, das würde ihr weitere Strafen ersparen. Die Frage war nur, ob die Strafen schlimmer waren als das, was er noch von ihr verlangen würde.
Kein Mann hielt eine Frau bei sich fest ohne etwas ganz bestimmtes mit ihr vorzuhaben. Und davor fürchtete Mona sich am meisten. Schläge, Peitschenhiebe, an der Decke hängen ... alles ertragbar ... alles irgendwie überlebbar. Aber wenn er sie gegen ihren Willen anfassen und »nehmen« würde, wusste sie nicht, ob sie das je überwinden könnte.
Plötzlich zog er schmunzelnd eine dunkle Augenbraue hoch.
»Braves Mädchen«, sagte er voller stolz, »du kapierst wirklich sehr schnell. Alle anderen versuchen beim ersten Mal, irgendwie die Tür zu erreichen, um zu fliehen.«
Dann war das wohl auch eine Art Test gewesen. Sie war wirklich froh, ihn bestanden zu haben.
»Du siehst furchtbar aus«, stellte er beinahe bedauernd fest. Er wandte sich um und blickte zur Wasserflasche, die Mona nicht angerührt hatte.
Ihr Vorhaben, es sich einteilen zu wollen, hatte sie verworfen, als ihr Verstand wieder klarer geworden war und sie erkannte, dass etwas nicht stimmen konnte. Niemals hätte er ihr einfach so Wasser da gelassen. Es würde dem widersprechen, was er mit ihr vorhatte. Sie sollte von ihm abhängig sein, die Flasche hätte ihr einen Funken Unabhängigkeit gegeben.
Er grinste und sah wieder auf sie herab. »Warum hast du nichts getrunken? Antworte!«
Ihre Stimme hörte sich kratzig an, als sie erklärte: »Ihr ließt mir die Flasche da, aber Ihr habt mir nie erlaubt, sie anzufassen oder davon zu trinken, Herr.«
»Du bist klug.«
Mona erwiderte nichts. Das durfte sie nicht.
»Hm«, machte er nachdenklich und ließ die Lederstreifen der Peitsche durch seine Handinnenfläche gleiten. »Also gut. Zwei Tests hast du mit Bravur überstanden. Was erstaunlich ist, denn bisher haben alle versagt.«
Mona musste sich eingestehen, das sie ein kleines bisschen stolz auf sich selbst war. Immerhin hatte sie ihn zweimal durchschaut und war so zwei weiteren Strafen entgangen.
Sein Lächeln wurde milde. »Okay. Ich versprach die eine Belohnung und du sollst sie erhalten.«
Mona hoffte auf Essen oder Wasser, das naive Mädchen in ihr erhoffte sich die Freiheit, doch ihr war bewusst, dass er ihr diese niemals schenken würde. In dem Moment, als sie sich für ihr Leben entschieden - als er die Waffe weggesteckte hatte - war ihr bewusst geworden, dass sie nie wieder frei sein würde. Selbst, wenn man sie rettete. Das, was sie hier erlebt hatte, würde sie nie wieder loswerden. Und es würde sicher nicht besser werden.
Ihr Peiniger steckte die Peitsche hinten in seinen Hosenbund, dann streckte er einen Arm aus und bot ihr seine Hand dar.
Mona sah ihm reglos in die Augen.
Er wartete ... und wartete ...
Gut eine Minute verging, bis er grinste den Befehl gab: »Nimm meine Hand! Steh Auf!«
Mona holte Luft, eher sie zögerlich ihre Hand in seine legte.
Es war komisch, ihn von sich aus zu berühren. Gerne hätte sie sich vor ihm geekelt, aber dieser Mann war geradezu perfekt. Seine Hand war weder warm noch kalt, sondern angenehm kühl und trocken. Lange und kräftige Finger und eine seidenweiche Haut. Er roch gut, sah gut aus. Kein einziger Makel. Es war schlimm für Mona, nichts an ihm zu finden, was sie verachten konnte. Bis auf seinen Charakter. Wäre sie ihm draußen auf offener Straße begegnet, hätte sie ihn attraktiv gefunden. Er hätte locker ein Filmstar sein können und war sicher ebenso beliebt bei den Damen. Nur wussten all diese Frauen nicht, dass er Mona entführt hatte und festhielt. Das er sich einen Spaß daraus machte, sie zu quälen. Das er sie geschlagen, aufgehängt, angepinkelt und ausgepeitscht hatte. Das er sie demütigte und ihren Willen brechen wollte.
Mona machte diesen Frauen keinen Vorwurf, sie hätte es sicher auch nicht geglaubt, wenn sie nicht selbst betroffen wäre.
Und genau da lag das Problem der Gesellschaft, oder?, fragte sie sich, als er sie vorsichtig in die Mitte des Raums schob. Viele hatten Vorurteile, glaubten, dass man den Menschen das Böse ansehen konnte. Vermutlich wurde gerade Monas Nachbar verhört, der aussah wie ein typischer Sonderling. Jemand, der immer für sich blieb und aus dem Fenster starrte, wenn junge Mädchen daran vorbei liefen. Er stotterte, wenn man ihn ansprach, war sehr schüchtern und ängstlich. Er wurde schon einmal verhört, als ein Mädchen für mehrere Tage verschwand. Die zehnjährige tauchte allerdings von selbst wieder auf. Sie war weggelaufen, wegen eines Streits mit ihrem Vater. Monas Nachbar wurde seither trotzdem gemieden, obwohl er unschuldig war.
Bestimmt wurde er erneut verhört, bestimmt hieß es, er habe sie verschleppt, missbraucht und ermordet, während sie tatsächlich vom neuen Schönling der Stadt festgehalten wurde.
Sie konnte sich also nicht auf die Gesellschaft verlassen, doch sie war sich sicher, dass die Polizei sie finden würde. Aber das war kein Trost für sie. Denn ihr Entführer hatte recht gehabt. Bis man sie fand und rausholte, würde sie so kaputt sein, das ein normales Leben nicht mehr möglich sein würde.
Wollte sie das?
Sitzung um Sitzung bei einem Therapeuten um immer wieder zu erzählen, was geschehen war. Um immer wieder alles zu durchleben, während ihr Vater darauf wartete, das man sie reparierte, damit er sie zum nächsten Jobangebot jagen konnte, damit er sie los wurde?
»Steig hier rein!«, riss ihr Entführer sie aus ihren Gedanken.
Mona blinzelte überrascht, dann blickte sie nach unten und erkannte eine niedrige Metallwanne mit Wasser.
Das hatten die Männer also herein getragen.
»Hier. Ich helfe dir. Nimm meine Hand.«
Mona ergriff erneut seine Hand und hob einen Fuß, um über den Wannenrand zu steigen. Das Wasser darin war angenehm warm. Am liebsten hätte sie sich aufseufzend hinein fallen lassen. Aber den Befehl dazu hatte sie nicht erhalten. Also stieg sie lediglich hinein und blieb stehen. Das warme, klare Wasser reichte ihr bis zur Hälfte ihrer Waden. Die Wanne war also nicht groß genug um darin ein ordentliches Bad nehmen zu können.
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