Der Ursprung von Menschlichkeit liegt jedoch nicht etwa im Menschen selbst. Sie ist eine existenzielle Grundgesinnung, zu der man durch geistige Entwicklung bewusst fähig wird und die man folglich verinnerlichen soll, wie Mitgefühl oder Liebe, nicht von sich weisen, leugnen oder verachten, aufgrund von Gier, Machthunger oder anderen krankhaft egozentrischen Denk- und Verhaltensweisen.
Wenn zehn Personen über Menschlichkeit nachdenken, entstehen bald zehn unterschiedliche Ansichten und Meinungen. Wenn zehn sich aber der Menschlichkeit öffnen, werden sie in ihr vereint, vertreten unbedacht gleichen Ethos und gleiche Werte. Individuell wird man Humanität finden, durch Verbundenheit und Einigkeit wird sie spürbar.
I.03 - Tierische und menschliche Natur
sea1.03 ~ Humanität steht nicht im Gegensatz zur tierischen Natur, aus der der Mensch selbst hervorgegangen ist. Vielmehr stellt sie eine Fortentwicklung dieses Zustandes dar. So kann ein Tier einzelne menschliche Züge aufweisen und der Mensch ganz natürliche noch durchaus tierische. Das Tier ist nicht in der Lage, dies zu erkennen oder willentlich zu steuern. Der Mensch hingegen besitzt durchaus die Möglichkeit, sich aus ungewollten Verhaltensmustern zu lösen und humanitäre Eigenschaften anzunehmen, wenn die diesbezügliche Einsicht und der Wille dazu vorhanden sind.
Unmenschliches, verrohtes, brutales oder gewissenloses Verhalten wird oft als tierisch bezeichnet, was nicht zutreffend ist. Tierisches Verhalten folgt vererbten, genetischen Instinkten. Eine entmenschlichte Seite hingegen basiert auf eigenen Gedanken, Absicht oder emotionaler Überreaktion. Zwischen diesen und dem tierischen Wesen liegt ein gravierender Unterschied! Das Tier agiert instinktiv, nicht logisch oder wissentlich. Seiner Handlung oder dessen Konsequenzen ist es sich im Voraus nicht bewusst. Der Mensch, im Gegensatz dazu, kann die Folgen seines Tuns abschätzen und moralisch abwägen.
Ein Tier mag gemäß seiner Genetik andere Individuen töten, um Nahrung zu gewinnen und in der freien Wildbahn zu überleben. Dies entspricht dann seinem normalen, gesunden Verhalten. Werden Tiere ihrer natürlichen Umgebung beraubt, kann sich ihr Verhalten durchaus ändern, können krankhafte, atypische Züge zum Vorschein treten.
Auch der Mensch war die meiste Zeit seiner Entwicklung in der Natur alleine auf sich gestellt, ohne eine fortschrittliche Zivilisation, die ihn beschützt und versorgt. In dieser Situation habe sich kleine Gruppen aus der Natur genommen, was sie benötigten, haben um ihr Überleben gekämpft.
In der modernen Gesellschaft aber wird gedankenlos und maßlos konsumiert. Was über Generationen gewachsen ist, entbehrungsreich, durch harte Arbeit und unter Beihilfe von unzähligen klugen Köpfen, die ihren Teil an das benötigte Wissen besteuern konnten, erscheint heute selbstverständlich, wird selten gewürdigt. Viel mehr nimmt man für den eigenen Luxus achtlos Raubbau an der Natur und am Menschen in Kauf, lässt im Maschinentakt Urwald abholzen oder Tiere schlachten.
Unbedacht lässt man für den Wohlstand töten, verdrängt das damit verbundene Leid oder will es nicht wahrhaben, nennt dies gar Fortschritt. Das eigene natürliche Verhalten aber hat man dadurch abgelegt, hat aus eigenem Willen atypische Züge angenommen, so wie Tiere dies nur unfreiwillig tut, wenn sie in einer künstlichen, artfremden Umgebung gehalten werden.
Durch Technologie und Fortschritt erschließt sich dem Menschen eine neue Verantwortung. Töten, Zerstören oder Ausrotten, maßlos, unnötigerweise oder gar zum Vergnügen, nur weil man die Macht dazu hat oder der Gier erlegen ist, ist nie ein tierisches und auch kein humanes Verhalten. Diese Züge des Egos sind einzig entmenschlicht, respektlos und grausam.
I.04 - Entartetes Verhalten
sea1.04 ~ Sobald sich ein Tier nicht mehr verhalten mag, wie man es von ihm erwartet, nennt man sein Verhalten entartet. Wenn jedoch der Mensch sich kaum menschlich verhält, wird dies gesellschaftlich akzeptiert, wenn es den allgemeinen Erwartungen entspricht. Manchmal wird ein solches Verhalten gar gefordert oder gefördert. Im Besonderen trifft dies zu, wenn diesbezügliche Aspekte im System höheres Ansehen genießen als die humane Seite.
So wird in einem stark materialistisch ausgerichteten System die Habsucht, der Neid oder die Gier unbedacht und leichtfertig gebilligt und so bald überhandnehmen. Das Gedeihen von Menschlichkeit wird dadurch unterdrückt. In einem totalitären Staat wiederum bilden Unterwerfung, blinder Gehorsam und systematische Angst ständige Hinderungsgründe. In einem reaktionären System treten Achtlosigkeit, Gleichgültigkeit und Feindseligkeit an deren Stelle. So simpel solche Verallgemeinerungen erst klingen, sind sie aus bewusster Betrachtung heraus doch weit verbreitet und überaus real.
Tiere sollen sich an klare Verhaltensmuster halten, welche ihrer tierischen Natur entsprechen, ansonsten bezeichnet man sie als krank und entartet. Wenn aber der Mensch sämtliche Menschlichkeit vermissen lässt, sich vergeht an der eigenen Gesundheit, an seinen Mitmenschen, an Tier oder Natur, schweigt man still und nimmt es als eine wohl notwendige Gegebenheit hin.
Ein Tier kann sein Verhalten nicht oder nur in geringem Maß reflektieren. Der Mensch jedoch ist in der Lage, sich bewusstzumachen, was Menschlichkeit bedeutet, was sie ausmacht, wie hilfreich sie im Zusammenleben und für die eigene Entwicklung ist. Mit dieser Einsicht besitzt er die Verantwortung, die viel zu oft hinter den Interessen und Machenschaften des Egos zurückstehen muss. Im Verstand wird man sich dessen durchaus gewahr. Die Vernunft aber setzt sich viel zu selten durch.
Obwohl man über die Gabe der Humanität verfügt, nützt man sie nicht. Im Gegenteil findet man es wichtiger und klüger, den törichten, aufgesetzten Verlangen zu folgen. Dies ist eine verschenkte Möglichkeit, ein verweigertes Geschenk. Beinahe gleichgültig gibt man dadurch eine wertvolle Tugend verloren.
Die Fortentwicklung vom tierischen Ursprung, die sich im Menschen zugetragen hat, wird auf diese Weise nicht sinnbringend genutzt. Man hat viel Wissen erlangt, kann damit in der Natur entartetes Verhalten feststellen, besitzt aber nicht die Klarheit, dies bei sich selbst in Bezug auf Menschlichkeit zu tun. Gegen jede Tendenz und jeden Trend soll man damit für sich beginnen, sich wahrer Werte und wesentlicher Belange besinnen.
I.05 - Die humanistische Verantwortung
sea1.05 ~ Aufgrund der Entwicklung im Verstand, die sich evolutionär über Jahrmillionen zugetragen hat, wurde der Mensch zur Menschlichkeit fähig. Das Erlangen der Selbsterkenntnis hat diese Möglichkeit geschaffen. Im Zuge dessen hat man die dazugehörige Verantwortung gewonnen.
Mit der Verantwortung verhält es sich so: Wenn man eine Möglichkeit oder Fähigkeit nicht besitzt, kann man keine diesbezügliche Verantwortung tragen. Wer sie besitzt, aber nicht erkennt, versäumt sein tatsächliches Potenzial. Wer sie besitzt und erkennt, aber gleichwohl nicht nützt oder ihr gar zuwiderhandelt, vergibt sein Potenzial, seine Möglichkeiten und lädt oft Schuld auf die eigenen Schultern.
Ein Beispiel zur Erläuterung: Wer im Gelände keine Orientierung besitzt, kann nicht die Verantwortung übernehmen, andere sicher zu führen. Wer sich orientieren kann, aber dies nicht erkennt, weil man sich von allem ablenken lässt, sich nicht kümmert oder traut, nutzt nicht das Potenzial, welches man besitzt, um sich und anderen helfen zu können. Wer die Fähigkeit besitzt und erkennt, aber nicht helfen will oder aber andere absichtlich in die Irre führt, stellt sich nicht der Verantwortung, vergibt sein Potenzial, handelt zum eigenen und zum Schaden anderen und lädt damit Schuld auf sich.
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