„Ruhig Blut! Du weißt doch wie eine Geburt abläuft, und dass Nachtschatten nicht gestört werden darf. Erinnere dich an das vergangene Jahr als deine Söhne zur Welt kamen!“
„Diesmal ist es anders“, sagte Büffeltöter. „Das kann ich wittern.“ Er zog die Nase kraus und schnüffelte aufgeregt in den sanften Frühlingswind.
Heult-in-der-Nacht sprach ihm gut zu. „Vertraue auf den Schöpfer, die Kraft von Manitu. Er ist der Herr unseres Schicksals. Der Lenker jedes Augenblicks. Was immer auf der Welt geschieht, es passiert nach seinem Plan.“
Während die alte Wölfin sprach, glänzten ihre Augen weiß wie die Sterne. Büffeltöter schaute sie gebannt an.
Er bewunderte wieder einmal die Gelassenheit und Weisheit, die er im Gesicht seiner Schwester entdeckte. Auf ihrer Stirn schlängelten sich die silbergrauen Haare zu einem Muster, das wie die Sichel eines Halbmonds aussah. Ein Zeichen, dass sie mit den Mächten des Himmels im Bunde war.
„Schwester, ich weiß, du verstehst dich auf das Wirken unseres großen Gottes Manitu. Du kannst in die Zukunft sehen. Warum dauert es diesmal so lange? Was geschieht mit Nachtschatten?“, fragte Büffeltöter.
Bevor Heult-in-der-Nacht antworten konnte, kam Freddy, der Fuchs, aus einem Busch gewetzt. Er fragte freundlich: „Na, habt ihr eure Jungen schon?“
Büffeltöter knurrte: „Was geht`s dich an, du elender Hühnerdieb? Hau ab und verschwinde, wenn dir dein Leben lieb ist!“
Der entsetzte Freddy rannte schleunigst weg.
„Der ist genauso feige und faul wie diese widerlichen Raben“, sagte Falkenauge.
„Mein Sohn, da hast du Recht“, stimmte der Leitwolf zu. „Wenn ich an dieses Diebsgesindel nur denke, wird mir übel.“
Mit ihrer heiseren Stimme mahnte Heult-in-der-Nacht den werdenden Vater: „Anstatt auf die Raben einzuhauen, solltest du hoch zum Himmel sehen. Du wolltest doch wissen, warum du so lang auf deine Welpen warten musst.“
Büffeltöter nickte schweigend und sah hinauf.
Seine Schwester sagte: „Achte auf den Lauf der Sonne!“
Goldene Strahlen tanzten über das klare Wasser des nahen Flusses, brachen durch die Baumkronen am Waldrand und landeten direkt vor Büffeltöters grauen Pfoten.
„Das, mein Lieber, ist ein Zeichen Manitus! Ein Ereignis von Besonderheit steht bevor“, verkündete Heult-in-der-Nacht. „Und auf Besonderes muss man immer ein wenig länger warten“, fügte sie schmunzelnd hinzu. Ihre Nase wies auf einen Schmetterling, der durch das Sonnenlicht flatterte. „Siehe den Falter! Er ist ein Symbol für Veränderung, die uns Wölfen bevorsteht.“
Alle Mitglieder des Rudels stellten ihre spitzen Ohren auf. Was sollte sich denn bei ihnen verändern? Die Dinge waren doch gut, so wie sie waren.
„Veränderung? Zum Guten oder zum Schlechten?“, fragte Büffeltöter misstrauisch.
Heult-in-der-Nacht schloss für einen Moment ihre weißen Augen, als würde sie tief in sich schauen, um die Antwort zu finden. Dann meinte sie: „Deine Welpen, die soeben den ersten Duft der Erde riechen, werden uns Wölfe auf einen neuen Kurs führen.“
„Neuer Kurs?“, sagte Büffeltöter irritiert. „Habe ich das Rudel bisher etwa falsch geführt?“
Stopft-sich-voll jubelte: „Vielleicht zeigen sie uns ein Schlaraffenland, in dem jeden Tag der Mittagstisch reichgedeckt ist mit Fleisch und Fisch.“
Silberfell schüttelte ihre leuchtend helle Mähne, die genauso sauber gepflegt war wie ihre blankgeputzten Zähne. „Denkst du immer nur mit deinem Magen?“, fragte sie. „Also ich brauche keine Veränderung. Schon gar keine Luftveränderung. Ein Umzug würde mir überhaupt nicht passen. Ich find`s schön in unsrem Wald. Für meine Haut ist das Klima ideal. Dazu gibt es genug Pflanzen, Gräser und Beeren für eine gesunde und biologisch einwandfreie Ernährung.“
„Gras? Pah!“, schnaubte Stopft-sich-voll. „Da verputze ich doch lieber einen Wapiti-Hirsch!“
Silberfell streckte sich und hob stolz ihren zierlichen Kopf.
„Man sieht`s dir an, wie viel Fleisch du frisst. Ich dagegen habe eine tadellose Figur dank meiner Salat-Diät.“
„Ein vegetarischer Wolf. Hat man sowas schon gehört? Du spinnst ja, Schwesterchen“, entgegnete Stopft-sich-voll.
Die beiden hätten ihre übliche Zankerei sicher fortgesetzt, wenn nicht ein lieblicher Gesang erklungen wäre. Brautschauer erkannte ihn sofort. „Es ist Mamas Stimme! Ich glaub, die Kleinen … sie sind da!“
Nachtschatten sang ihren Dank zum Himmel für die gesunden Babys, die ihr geschenkt worden waren.
„Komm und schau dir das Wunder an!“, rief sie Büffeltöter zu.
Der große Wolf war sofort zur Stelle und spurtete schleunigst in die Höhle, um nach seiner Frau zu sehen. Sie sah müde aus,doch auch dankbar und zufrieden. Zwischen ihren Pfoten lagen zwei kleine Wölfchen. Noch blind und taub und mit kurzen flauschigen Haaren bedeckt. Ihr Fell bekamen sie erst später, wenn sie älter wurden. Auch Augen und Ohren öffnen sich bei den Wölfen erst nach ein paar Wochen.
„Wir haben einen Sohn und eine Tochter – ist das nicht schön?“, fragte Nachtschatten. Liebevoll leckte Büffeltöter über die Wange seiner Gefährtin und sah fröhlich grinsend auf seine beiden Kinder.
Brautschauer, der seinen Hals in die Höhle reckte, meinte: „Oh weh, die sehn ja aus wie Schweinchen mit ihren kurzen Beinen und dem rosa Stummelschwanz! Hattest du nicht gesagt, aus denen soll etwas Besonderes werden?“
Heult-in-der-Nacht nickte bedächtig. „Mancher hat klein und unscheinbar angefangen, der nachher großen Ruhm erwarb.“
Büffeltöter stieß ein Jubelgeheul aus, das er sonst nur nach einer erfolgreichen Jagd erklingen ließ. Das Rudel stimmte ein und selbst die zarten Welpen begannen, vor sich hin zu kläffen.
Die ganze Familie Wolf hatte ein Lächeln im Gesicht. Nur Falkenauge blinzelte verstört. Würden ihm seine Geschwister die Nachfolge von Büffeltöter streitig machen wollen? Dann bekämen sie nichts zu lachen, schwor er still bei sich...
Kapitel 2, in dem Familie Rabe ein Fest feiert
Nicht sehr weit entfernt von den Wölfen lebte ein Rabenpaar auf einem Ahornbaum. Das Männchen hieß Odin und war der Chef des Rabenclans. Seine wunderschöne Frau, um die ihn alle Männchen beneideten, trug den Namen Freya. Beide warteten ungeduldig darauf, dass ihr Küken schlüpfte. Als es in einer mondhellen Nacht endlich die Schale seines Eis durchbrach, war die Freude riesengroß. Es war das erste Küken von Freya und Odin. Ein Junge! Der kleine Rabe sollte einmal mutig und voller Stolz das Erbe der Eltern antreten und die Leitung der Rabenfamilie übernehmen. Deshalb war Odin der Meinung, dass sein Kind nach einem mächtigen Gott benannt werden sollte. Also nannte er ihn nach dem Gott des Donners: Thor. Und noch etwas war ganz besonders an Thor. Er kam aus dem einzig noch verbliebenen Ei des Nestes. Denn eigentlich waren es zu Beginn vier Eier gewesen, aus denen vier Küken schlüpfen sollten.
Doch eines Nachts, als Freya auf Jagd und Odin einen kurzen Augenblick eingeschlafen war, kam ein Eindringling zum Ahornbaum und raubte die Eier. Eines hatte er allerdings übersehen und zurückgelassen. Alle Raben hatten die Wölfe im Verdacht. Sie waren schließlich Raubtiere und jagten alles, was ihnen in den Weg kam. Beide Familien waren seit Generationen verfeindet. Da lag es doch nur nahe, dass ihnen die Wölfe eins auswischen wollten, dachten die Raben. Bestimmt war es ihr Anführer Büffeltöter gewesen, der die Idee für diesen Raub ausgeheckt hatte. Der Schock und die Trauer um die verlorenen Eier waren groß. Aber die Freude über die Geburt von Thor tröstete die Eltern. Sie nahmen sich vor, ihr geschlüpftes Küken nicht mehr aus den Augen zu lassen und es immer zu beschützen.
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