„Also nehmen wir unsere Eltern?“, fragte ich noch mal nach und sie nickte, dieses Mal, ohne mich dabei anzusehen.
„Ich hole uns Plakat und Eddings“, sagte ich bevor ich aufstehe. Ich musste zwar bisschen suchen bis ich was fand, aber es dauerte wirklich nicht lange. Als ich aber zurück kam, hatte Nassira schon ein ganzes Blatt vollgeschrieben.
„Wow wie viel du in so kurzer Zeit geschrieben hast. Komm lass mich weiter machen, damit du nicht alles allein machen musst“, schlug ich vor worauf sie mir ihr Block gab. Ich bin zwar auch relativ schnell, wenn ein Thema mir gefällt oder ich besonders gut darin bin, aber so schnell wie Nassira bin ich nicht.
Ich nahm ihr Block und fing an zu lesen. Was sie schrieb war einfach nur beeindruckend, Herz ergreifend. Ich könnte niemals, das was mir meine Eltern bedeuten, so gut formulieren.
„Wow“, flüsterte ich erstaunt und fing an weiter zu schreiben. Ich schrieb ein wenig mehr als die Hälfte als Schluss und gab es Nassira zum durchlesen. Währenddessen dachte ich über Gleitfragen nach. Das ist nicht so mein Ding, Plakat Gestaltung konnte ich besser. Als sie Stumm nickte, suchte ich Hilfe bei ihr: „Hast du eine Idee, was wir als Gleitfragen nehmen könnten?“. Kurz darauf drehte sie den Block wieder zu sich und las sich erneut den Text durch. Keine Minute später fing sie an Fragen an den Rand zu notieren.
„Ich muss sagen, du bist sehr intelligent“, rutschte es mir beeindruckt raus, weil die fragen einfach perfekt passten. Sie fing leicht an zu lächeln, aber ließ sich nicht stören. Ich nahm ebenfalls lächelnd das Plakat und fing an es zu gestalten..
„Lass uns Pause machen bevor wir mit der Texteinteilung weiter machen“ schlug ich vor, nachdem wir fleißig gearbeitet hatten und mit dem Plakat fertig wurden. Sie nickte und ich machte mich auf dem Weg in die Mensa um dort zwei belegte Brötchen zu kaufen. Auf dem Rückweg lief ich an Rabia und Onur vorbei, die eine Türkisch-Deutsch Diskussion führten, darüber welchen Held sie nehmen sollen. Amüsiert lief ich weiter bis zu meinem Platz.
„Ich hab dir ein Brötchen mitgebracht“, sagte ich nachdem ich mich wieder gesetzt hatte und reichte es ihr.
„Danke“, sprach sie kaum hörbar das erste Mal mit mir. Ihre Stimme hatte ich zwar schon einmal gehört, als Herr Hamlin ihr Fragen zum Unterricht gestellt hatte, aber ihre Lautstärke reichte trotzdem meistens nicht bis in die letzte Reihe. Vorsichtig nahm sie das Brötchen aus meiner Hand.
„Nichts zu danken“, antwortete ich. Ich lehnte mich zurück und fing an zu essen. Bis jetzt kennt noch immer keiner außer dem Lehrer meinen Nachnamen. Es hat aber auch keiner gefragt.
„Lass uns den Fragen nach, abwechselnd reden“, hörte ich ihre leise süße Stimme wieder.
„Ja gute Idee. Willst du anfangen?“, fragte ich und sie nickte. Rabia und Lina hatten recht. Nassira redet nur das nötigste und nicht mehr.
Wir teilten uns den Text ein, lernten ihn und übten es danach zusammen. Als wir dann fertig waren, hatten wir immer noch eine Stunde Zeit. Da Nassira sowieso nicht mit mir sprach, dachte ich darüber nach, wie ich mich beschäftigen könnte. Sie holte ein Buch raus und fing an zu lesen, weshalb ich aufstand und gelangweilt durch die Klasse lief.
„Was ist los Bilal? Kann ich dir helfen?“, fragte mich Herr Hamlin als er mich sah. „Nein danke, wir sind schon fertig“, antwortete ich lächelnd. Er zog seine Augenbrauen zusammen und schaute mich verwirrt an: „Wer ist dein Partner?“
„Nassira“, antwortete ich worauf er seine Augen verdrehte und stöhnte, was ich zuerst nicht verstand.
„Ich hätte einen schlechteren Schüler mit Nassira einteilen sollen und nicht so einen Einser Schüler wie dich“, nahm er die Erkenntnis, was mich zum Lachen brachte.
„Du kannst ja schauen wer Hilfe braucht und etwas deinen Mitschülern helfen“, riet er mir, was ich dann auch tat. Als es los ging, setzte ich mich wieder zu Nassira. Wir hörten uns Vorträge von Stars wie Ronaldo oder von Menschen, die sich für Rechte einsetzten wie Nelson Mandela an. Eltern hatte aber zum Glück niemand.
"..Und da unsere Eltern vieles für uns geopfert haben, große Dinge und kleine Dinge wie Freizeit oder den letzten Keks, und da sie alles getan haben um uns glücklich zu machen, sind unsere Eltern in unseren Augen ein Held", beendete Nassira unseren Vortrag bevor alle Klatschen und Herr Hamlin uns eine eins gab, nachdem wir kurzes Feedback bekamen.
Als alle Vorgetragen hatten und alle ihre Noten bekamen, durften wir endlich nachhause gehen.
„Voll Krasser Vortrag“, boxte mir der Lockenkopf auf die Schulter.
„Vallah war wirklich voll schön“, unterbrach Rabia Onurs Erzählung, der vor Anwar und mir die Treppen runter stieg.
„Übertreibt nicht. Ihr hattet alle voll schöne Vorträge“, erwiderte ich ernstgemeint.
„Keiner hatte einen so guten wie ihr“, mischte Zain hinter uns jetzt auch mit.
„Danke“, sagte ich verlegen um das Thema abzuschließen und hielt Zain und Lina die Ausgangstür auf worauf hin sie sich leise bedankten.
Die Jungs und Rabia liefen seit ich da bin auch immer zu Fuß nachhause. Nur Lina wurde immer von ihrem Bruder direkt mitgenommen, aber heute lief sie sogar auch mit. Zum größten Teil laufen wir alle denselben Weg, bis zur einen Kreuzung, an der wir uns alle aufteilen. Leider bin ich der einzige, der alleine weiter geradeaus laufen muss.
„Ej wisst ihr was mir letztens aufgefallen ist“, fragte Zain begeistert bevor wir uns an der Kreuzung verabschieden mussten. Erwartungsvoll schauten wir ihn an.
„Da vorne, wenn man ganz geradeaus geht und dann irgendwann rechts, da gehört ein riesen Grundstück den Radwans. Bilal du wohnst einfach bei denen in der Nähe“, sprach er begeistert seinen Geistesblitz aus. Ich musste mir mein Lachen verkneifen.
„Ja ich weiß, voll geil nh?“, stimmt ihm Onur zu.
„Es ist voll schwer da ein Haus zu bekommen und Wohnungen gibt es da erst gar nicht“, sprach jetzt Rabia mit.
„Kennst du die Radwans“, fragte mich Anwar und lenkte somit die Aufmerksamkeit auf mich. Ich nickte. Ich kenne sie nicht nur, ich bin ein Radwan.
„Was hält ihr von denen“, fragte ich interessiert und setzte mich auf die Bank an der Kreuzung.
„Ich kenne die schon richtig lange vom Fernsehen und so. Ich finde Zara und Khalid waren soo ein süßes Paar. Ich weiß gar nicht, warum die sich getrennt haben“ schwärmte Rabia und setzte sich zu mir auf die Bank.
Zara und Khalid sind meine Eltern und nicht einmal ich weiß, wieso sie sich getrennt haben.
Auch Onur hinterließ ein Kommentar: „Die neue Frau von Khalid kann ich irgendwie gar nicht leiden“.
„Nora“, klärte Rabia direkt auf. Fassungslos schaute ich Rabia an und musste dann lachen.
„Die sind nicht mal verheiratet, nur verlobt“, sprach Zain mit. Interessant zu beobachten, wie gut die sich mit meiner Familie auskennen.
„Man sagt, dass der einzige Sohn von Zara und Khalid jetzt seit kurzem wieder bei seinem Vater lebt“, erzählte Rabia magisch.
Zain schaute Rabia überrascht an: „Ehrlich? Davon hab ich nichts gehört“.
Jetzt war auch Lina am schwärmen „Doch davon habe ich auch gehört. Und ich habe auch gehört, dass er voll hübsch sein soll“.
Danke. Ich fange an über die Auflösung nachzudenken. Es ist nicht cool einfach den Mund die ganze Zeit zu halten, obwohl ich sie auflösen könnte. Andererseits hab ich erst meine neuen Freunde gewonnen, ich will nicht, dass sie anfangen mich anders zu behandeln weil sie wissen, dass ich zu den Radwans gehöre..
„Lass ihm einen Namen geben, dann ist er nicht mehr so Namenslos“, schlug Zain vor, aber Lina war sofort dagegen: „Nein, was ist, wenn er einen wunderschönen Namen hat, aber wir es mit einem Ersatz zerstören“.
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