Ein Mädchen in der ersten Reihe. Alleine. Sie trug Kopftuch und war nicht hässlich, im Gegenteil, sie war sogar sehr hübsch, nur sie machte sich irgendwie nicht schön. Als würde sie es extra machen, um nicht aufzufallen. Ihr Kopftuch war ganz einfach gebunden und auch ihr Klamottenstil ist ungewöhnlich einfach. Sie konnte noch viel mehr aus sich rausholen. Geschminkt war sie auch nicht, sie hatte eine natürliche Schönheit.
„Was ist mit ihr?“, fragte ich und zeigte auf sie. Neugierig lehnte ich mich mit meinen beiden Unterarmen auf den Tisch zwischen Rabia und Lina.
„Du kannst jede klären außer sie“, antwortet Lina als sie verstand wen ich meinte. Ich musste lachen: „Wie oft noch, ich will mir niemanden klären“.
„Ja Lina, Bilal ist anständig, nerv ihn nicht damit“, verteidigte sie mich und lachte mit mir.
„Was ist jetzt mit ihr?“, wurde ich noch neugieriger.
„Sie heißt Nassira und ist naja.. komisch“, antwortete Lina und Rabia stieg darauf vom Tisch, um sich auf einen Stuhl neben mich zu setzten. Sie atmete tief durch und ich schaute sie verwirrt an.
„Keiner versteht sich wirklich mit ihr. Ich habe auch einige Male versucht mich mit ihr anzufreunden. Aber sie ist zu verschlossen", fängt Rabia an. Lina spricht weiter, sodass ich meinen Kopf auf die andere Seite drehen musste um sie zu sehen: „Sie ist letztes Jahr auch neu in unsere Klasse gekommen, seit dem hat jeder mindestens einmal versucht sich mit ihr anzufreunden, aber keiner hat wirklich etwas von ihr erfahren. Ich glaube sie will keine Freundschaften“. Nachdem Lina das ausgesprochen hatte, ergänzte Rabia: „Das einzige, was ich dir über sie noch sagen kann und weiß ist, dass sie verdammt schlau ist. Ihre schlechteste Note war vielleicht eine 2+. Sie weiß sehr sehr viel, versteht auch alles sehr schnell und lernt immer. In jeder Arbeit und Prüfung schreibt sie Einsen, aber mündlich kassiert sie überall, wirklich überall sechsen. Nur Herr Hamlin nimmt sie immer dran, obwohl sie sich nicht meldet, weil sie die Antworten kennt. So kann er ihr wenigstens noch eine 4 mündlich geben. Sie spricht nur das nötigste und antwortet fragen sehr knapp. Aber ihre Intelligenz fasziniert mich“. Verwirrt schaute ich beide an.
„Wieso spricht sie nie?“ Ich kann es einfach nicht nachvollziehen.
„Tut mir leid, damit überforderst du uns“, zuckte Lina mit den Schultern und Rabia stimmte ihr zu. Ich nickte verstehend.
„Und wer ist das?“, fragte ich weiter und zeigte angewidert auf ein viel zu knapp angezogenes Mädchen mit so viel bunter Schminke im Gesicht, dass sie glatt mit einem Clown verwechselt werden könnte.
„Ach das ist Dilaras beste Freundin Nisa. So wie die beiden aussehen, ticken die auch. Nimm acht. Sie versuchen es mit jedem. Du wirst ihre neue Herausforderung sein“
Traurig. Wie kann man nur seinen Körper so verkaufen?
„Ekelhaft“, sagte ich noch bevor unser Deutsch Lehrer rein kam..
Entspannt laufe ich durch die angenehme Sommerluft. Ich liebe es einfach mal in Ruhe durch die frische Luft zu laufen und einfach der Natur zur lauschen.
Ich bin gerade auf dem Weg nachhause. Mein erster Schultag in der neuen Schule verlief relativ gut. Ich hab mich schnell daran gewöhnt und bin auch darüber erstaunt wie herzlich sie mich empfangen haben.
Ein wenig über mich: Ich laufe nachhause, obwohl ich auch fahren könnte. Ich besitze mehrere Autos und sogar einen Chauffeur. Aber ich genieße lieber die Natur und atme die frische Luft ein. Außerdem bin ich nicht die Person, die gerne ihr Besitz präsentiert.
Meinen Nachnamen Radwan habe ich mit Absicht den ganzen Tag nicht einmal erwähnt. Warum? Wir sind eine sehr angesehene Familie und meine Elternteile besitzen beide sehr viele Unternehmen. Sie sind Sponsoren an besonderen Anlässen und Spenden auch viel. Aber ich will Freunde wegen meines Charakters bekommen und nicht wegen meines Vermögens. Da habe ich schon genug Erfahrungen auf der alten Schule gemacht.
Entspannt ohne Musik und Handy kam ich Zuhause an und wurde direkt von Bodyguards begrüßt. Mir wurde die Tür geöffnet und dankend lief ich rein.
Wenn ich so reich bin, müsste ich doch eigentlich nicht mehr zur Schule. In Handumdrehen würde ich eine Stellung ganz oben bei meinem Vater und/oder meiner Mutter bekommen. Meinen Eltern ist aber beiden die Bildung sehr wichtig.
Ich weiß gar nicht, warum sich meine Eltern getrennt haben und mein Vater neu verlobt ist. Beide haben ein reines Herz und eine schöne Seele. Beide haben dieselbe Denkweise und beide haben dieselben Interessen. Aber keiner von beiden wollte mir den Grund vor einem Jahr wirklich nennen und keiner hat irgendetwas dazu geäußert.
"Hey Bilal, komm setzt dich zu uns. Wir wollten gerade anfangen", sagte meine Stiefmutter Nora zu mir als ich das Wohnzimmer betrat. Ich erwiderte die Begrüßung, ging meine Hände waschen und setzte mich zu denen.
Mutter Nora ist seit fast einem Jahr mit Baba verlobt, aber zur Hochzeit kam es nie. Ich mag Nora und hab sie als meine zweite Mutter akzeptiert, aber sie hat irgendetwas an sich, was sie abstoßend wirken lässt. Bis jetzt habe ich noch nicht heraus gefunden, was genau an ihrer Art mir nicht gefällt. Mich hat sie bis jetzt auch immer sehr gut behandelt.
Außer sie und Baba leben noch weitere mit uns in der Villa. Ich bin Einzelkind, aber die beiden jüngeren Brüder von meinem Vater, Onkel Musa und Onkel Rayan, leben auch hier mit deren Frauen und Kinder. Angestellte und Bodyguards leben tagsüber auch hier. Manche arbeiten auch nur in Teilzeit. Meine Großfamilie werdet ihr aber noch kennenlernen.
"Bilal mein Sohn, wie war dein erster Tag in der neuen Schule? Hat es dir gefallen?", fragte Baba mich liebevoll.
"Ja Baba, alle waren sehr nett und freundlich und haben mich herzlich willkommen geheißen. Ich muss mich nur noch an das Schulsystem gewöhnen. In NRW ist es etwas anders als in Baden-Württemberg", sagte ich und wischte mein Mund an einer servierte sauber. Schon seit ich klein bin, wurden mir Manieren und Anstand gelehrt.
Am Abend nach dem Gebet, saß ich auf meinem großen Balkon und schaute mir die Sterne an. Ich konnte das Mädchen, das nie spricht, nicht aus meinem Kopf bekommen. Sie ist einfach zu mysteriös. Nassira . Wieso redest du nie? Wieso bist du so still? Was steckt hinter deinem Schweigen? Was ist der Grund für all das? Ich glaube, niemand handelt so, wie man Handelt einfach so. Ich denke, alles hat seinen Grund und alles ist von Gottes Schicksal bestimmt worden..
Jetzt bin ich schon ein Monat auf der Schule und habe mich eingelebt. Die Zeit verfliegt sehr schnell, fast schon zu schnell.
Mit Nassira habe ich immer noch nicht versucht zu reden. Ich meine, wenn sie es nicht will, lass ich sie. Aber was hinter dem Schweigen steckt, würde ich trotzdem gerne wissen.
Heute war der Tag gekommen, an dem ich das erste Mal mit Nassira sprechen werde. Heute ist Projekttag und wir werden in verschiedenen Gruppen eingeteilt. Soeben habe ich erfahren, dass ich mit Nassira in einer Gruppe sein werde.
Wer ist unser Held und warum? Unser Auftrag: den Lehrer und die Klasse am Ende des 15- Minütigen Vortag davon zu überzeugen, warum er/sie unser Held ist. Jeder Junge wurde einem Mädchen zugeteilt und wir haben ab jetzt drei Stunden Zeit.
Sobald Herr Hamlin den Auftrag fertig erklärt hatte, hatte ich direkt schoneine Idee. Ohne länger zu warten, nahm ich meinen Stuhl und setzte mich gegenüber von Nassira. Jetzt trennt uns nur noch ein Tisch.
„Ich würde vorschlagen, dass wir unsere Eltern als Helden nehmen. Mama und Baba sind meine Vorbilder und Helden, aber wenn es bei dir nicht so ist oder du einen anderen Vorschlag hast, können wir auch jemanden anderen nehmen“, schlug ich vor, als ich merkte, dass sie nicht zuerst reden wird. Sie schaute mich kurz an, nickte und schaute dann wieder runter. Diese paar Sekunden Blickkontakt waren neu für mich. Sie hat hellbraune Augen, die auf ihren perlenweißen Augapfel strahlen.
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