Ich verziehe den Mund. Samir hat auch nichts von dieser Zurückhaltung der Tuareg, die man mir weisgemacht hat, so dass sich eine Zeitlang ein Wüstennomade mit japanischen Umgangsformen vor meinem inneren Auge spiegelte. Der hier trampelt herum wie ein Elefant im Porzellanladen.
Die ganzen kleinen Flugzeuge, eine Handvoll vielleicht, stehen abseits des Landefelds. Sie geben ein tristes Bild neben einigen flachen Hangars ab. In lediglich einem davon glimmt eine nackte Glühbirne mit einer Neonröhre um die Wette. Beide Leuchtkörper sind so schwach auf der Brust, dass der Ausgang des Zweikampfes unmöglich vorherzusagen ist.
»Kriegen nie genug.« Samirs Kommentar passt auf viele Situationen dieser Art in Afrika. Soeben streichen zwei Hausa, soldatisch uniformiert, ihr Bakschisch ein und lassen es ohne jegliche Geheimniskrämerei in ihren Allzwecktaschen verschwinden. »Muss jedes Mal mehr sein«, knurrt der Tuareg mürrisch und stoppt den Wagen fünfzig Meter hinter den Wachtposten mit einer Vollbremsung.
Die Last des Fahrzeugs gräbt tiefe Löcher in den aufgeschwemmten Boden. Ein paar Regentropfen treffen mich noch. Die Luft ist erfrischend. Die Kühle wird nicht lange anhalten.
Samir sieht mich nach oben schauen. »Da ist kein Regen, wo wir hinfliegen«, sagt er.
»Ich weiß.« Wofür hält der mich? Außer für eine goldene Gans, die man schröpfen kann? Agadez liegt im Norden des Landes. Zwei Flugstunden entfernt. Dort sind die Leute für jeden Wassertropfen dankbar. Habe ich extra nachgelesen.
Ein gedrungener Mann in einem Fliegeroverall kommt hinter dem Leitwerk einer Sportmaschine hervor. Eine Hand langt zum Höhenruder, hebt und senkt es prüfend, bevor er auf den Targi zugeht, die Arme ausstreckt und den anderen Mann an den Unterarmen fasst. Samir lässt diese Berührung nicht nur zu, der Targi erwidert sie herzlich.
»Das ist keine Cessna.«
»Was?« Der Pilot wendet sich von Samir ab. »Natürlich nicht. Das ist eine Do27.« Sein Französisch ist sehr breit gezogen. Entweder ist er kein waschechter Franzose oder er ist angetrunken. Er könnte beides sein.
»Damit sind schon die Grzimeks geflogen.«
»Wer?«
»Tierfilmer«, sage ich. Kurze Frage, kurze Antwort.
»Das ist Julien. Nennen ihn bloß Frenchy.« Der Targi deutet auf ein verblichenes Staffelabzeichen auf Brusthöhe des Overalls. Es sieht wie das Emblem eines martialischen Jagdgeschwaders aus. Ein waschechter Franzose also. Was bedeutet – Dreck! Da wabert wirklich eine beträchtliche Fahne aus dem Mund von Julien. Von der Statur her könnte er ein Jockey sein. Dennoch schafft es die Mischung aus Kautabakaromen und alkoholisch transportierten Duftstoffen bis hinauf in meine Etage. Der Zwerg grinst mich mit besoffener Herzlichkeit an. Normalerweise würde ich die Freundlichkeit in irgendeiner Form erwidern, jetzt gelingt mir nur ein nervöses Augenzucken. Julien klettert überraschend geschmeidig ins Cockpit des Flugzeugs, Samir wählt den Copilotensitz.
Ich bin ihm gefolgt und versuche mich durch die hintere Luke in die Passagierkabine zu zwängen. Kopfüber zuerst, dann krabbelnd wie ein beschissen unbeholfener Käfer, krümme ich mich endlich auf beiden Sitzen gleichzeitig zusammen. Diese Pappschachtel wurde nicht für Menschen meiner Größe gebaut. Alles vibriert plötzlich. Eine Pappschachtel mit Flügeln, denke ich kurz und hoffe noch, dass Julien besser fliegt, als Samir fährt. Wider Erwarten bringt der Luftjockey die Do27 nach einem holprigen Anlauf besser vom Boden hoch als die Piloten der Klapperkiste, mit der ich ins Land gekommen bin. Dunkelheit umgibt uns. Wir tauchen in die tiefhängenden Wolken ein. Es fühlt sich einen Moment lang nach Schwerelosigkeit an. Für einen winzigen Augenblick verschwindet der trennende Horizont zwischen Himmel und Erde. Frieden – von vorn schnappe ich einige Worte Samirs auf. Ich höre »Bruder« und »Krebs«. Das letzte Wort wird nur zögerlich ausgesprochen. Ich glaube, Samir hätte auch »Tod« sagen können. Mehr weiß er von der Krankheit nicht. Eben war es noch ein fröhliches Gesicht. Jetzt stehen da Abschied und Hilflosigkeit geschrieben. Obwohl ich den Targi vor kaum einer Stunde zum ersten Mal getroffen habe, wünsche ich ihm beides nicht. Er spürt, wie ich ihn beobachte. Die Lebensfreude weckt die Lachfalten um seine Augen auf. Das ist bloß eine niedrige Fassade. Kenne ich. Habe ich vor Jahren in meinem Spiegel gesehen. Mehr nicht. Dahinter staut sich die Trauer.
[Nathalie Pagnol]
Pascale ist jetzt zwölf Jahre alt, und ich nehme an, dass es bald Probleme geben wird. Die Vorboten der Pubertät sind bereits zu sehen. In ein paar Monaten werden seine Hormone ihn auf einen Kurs schicken, mit dem er überhaupt nichts anzufangen weiß. Zet wacht gut über Pascale, was allerdings geschehen wird, wenn der Junge noch nervöser wird als sonst, vermag ich kaum vorherzusagen.
Pascale ist mit seinen feinen Ohren ein wandelndes Ortungsgerät. Er registriert leiseste Veränderungen in laufenden Geräuschen. Jede Abweichung, die einem künftigen Schaden vorausgehen könnte, wird von ihm entdeckt oder wiedererkannt. Wenn er hier im Gebäude stehen bleibt und lauscht, weiß ich, dass etwas nicht stimmt.
Mechanik liebt er. Er kann sie einordnen. Klassische Musik liebt er. Draußen setzen wir ihm in extremen Situationen Kopfhörer auf. Mozart, Beethoven und Bach beruhigen ihn. Musik ist sein schützender Kokon.
Bevor wir das alles wussten, war Pascale ein zutiefst verstörtes Kind. Fremde Stimmen, selbst meine, lösten Schreikrämpfe bei ihm aus, die minutenlang andauern konnten. Zet brachte die endgültige Wende. Ausgerechnet ein Anubisavian hatte nicht nur die Geduld, er besaß zudem das nötige Fingerspitzengefühl, um mit Pascale zu arbeiten. Ein Affe ist für Pascale die emotionale Brücke zu den Menschen.
Fertig angezogen, mit Plänen im Kopf, bereit für den Tag, optimistisch sogar, hüpfe ich beinahe den Gang entlang und werfe während meines übermütigen Tänzelns einen Blick in die Zimmer von Claude und César. Alles ist wunderbar. Antoine, einer unserer Mitarbeiter, ein Hausa und guter Freund, wird bald kommen. Er wird mir helfen, alles für unsere Abreise vorzubereiten. Alles wird gut. Beim Eintreten in den Büroabschnitt versuche ich mich zu erinnern, wo meine Tasse geblieben ist. In einem albernen Versuch die Helfer meiner Jungen nachzuäffen, wittere ich dem Kaffeeduft hinterher. Tatsächlich rieche ich etwas – ich spüre einen Luftzug.
Der Schlag erfolgt von links gegen meine Schläfe.
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