»Oui, Monsieur Forbach!« Ich grinse.
»Setz dich, setz dich. Mein Gott, Eddie, ist das schön dich zu sehen. Zuletzt - wie lange ist das her? Vier Jahre? Mein Gott! Setz dich doch. Trink was. Hier, das ist gut bei der Hitze. Keine Bange, kein Wasser. Nur gekühlt, kein Eis.«
Meine Nervosität zwingt mich dazu, mir den Whisky in den Rachen zu schütten. Ich habe Bertrand bei einem inoffiziellen Empfang meines ersten Arbeitsgebers in den Staaten, der UNDP, des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen kennengelernt. Damals war ich ein Greenhorn und habe ihm seine herzliche Masche noch abgekauft.
»Ich sollte gar nicht hier sein, Eddie. Was für ein Glücksfall!«
»Dass du hier bist?«
Er schmunzelt. »Gleich zur Sache?«
»Wir haben über die Einzelheiten telefoniert. Lange telefoniert. Und jetzt bist du hier. Als Feuerwehrmann?«
Bertrand winkt unbestimmt nach einem Kellner. Ein neues Glas, wieder zu zwei Fingern breit mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit gefüllt, landet so schnell neben seiner auf dem Tisch liegenden Hand, als gelte es, einen Geschwindigkeitsrekord in Arschkriecherei aufzustellen. »Eigentlich sollte Maged Leroux, der führende Manager dieser Niederlassung ...«
»Von ARTAUD«, unterbreche ich.
»Inkompetenz ist mir peinlich. Das weißt du, Eddie. Das bringt mich zum Fremdschämen. Maged Leroux, ein gebürtiger Ägypter, hat sich bei ARTAUD hervorgetan, aber ...«
Ich will Bertrand nicht in Verlegenheit bringen. Und sollte ich gerade auf eines seiner Spielchen hereinfallen – scheiß drauf! »Bertrand, ich werde lediglich auf der Basis dessen, was ich vorfinde, eine Begutachtung durchführen. Personelle Probleme haben mich dabei noch nie interessiert. Ich bin fair«, betone ich.
»Das weiß ich.« Ein theatralischer Seufzer leitet den Schlussakkord ein. »Es geht einzig und allein um personelle Probleme. Es hat Vorfälle gegeben. Vorfälle, die es notwendig machen, im Sinne der Konzernpolitik, Maged Leroux auszutauschen. Paris hat mich zum Aufräumen geschickt.« Der Franzose gibt vor, nach den passenden nächsten Worten zu suchen. »Es fehlt nicht mehr viel, um die Tuareg verdammt wütend zu machen.«
»Du brauchst keinen Buhmann in den Ring zu schicken! Ich weiß, dass die Tuareg an den Gewinnen beteiligt werden wollen. Ihr speist sie mit einem Taschengeld ab.« Ich rücke meine Aufgaben im Geist zurecht. »Das ist eure Angelegenheit. Bertrand, es wird auf jeden Fall eine offizielle Untersuchung geben, egal, wie eure interne Situation aussieht. Leroux ist der UNEP völlig schnuppe.«
Irgendwo hinzukommen, wo man vorher noch nicht gewesen ist, und trotzdem mögen einen die Leute nicht, war und ist für mich ein merkwürdiges Gefühl. Bei der Entwicklung war das anders. Da brachten wir Geld mit. Bei der UNEP machen wir den Konzernen unnötige Schwierigkeiten. So jemand ist nie beliebt. Sie bohren nach Öl, bauen Autos oder baggern nach Uran. Möglichst wenige Sicherheitsvorkehrungen, möglichst wenige Kosten, Entschädigungen schon gar keine. Das United Nations Environment Programme nimmt ihre Machenschaften unter die Lupe, listet sie auf, macht sie öffentlich, international einsehbar.
Bertrand und ich sehen uns an. Er weiß das alles. Und schämt sich wahrscheinlich kein Stück dafür. Ich begreife ihn nicht. Einiger Schaden, der in der Natur und an den Menschen angerichtet wurde, ist kaum wieder gutzumachen. Nicht zu unseren Lebzeiten.
Kapitel 2: Nächtliche Aktivitäten
[Nathalie Pagnol]
Ich horche in die Dunkelheit. Es bleibt ruhig. Das mir bekannte Geräusch kehrt nicht zurück. Eine kleine Lampe spendet nach einem zigmal vorgenommenen Handgriff ein tröstliches Licht. Immer noch stürzt sich niemand auf mich, und ich gebe mein tapferes Lauschen auf. Erleichtert setze ich mich im Büro auf einen alten Stuhl und nehme eine Pinzette zur Hand. Wenn wir etwas im Übermaß besitzen, sind es Pinzetten, die überall im Haus verteilt sind. Ich entledige mich der pieksenden Widerhaken in der Haut und kaue vor Müdigkeit meine Unterlippe mürbe. Es dauert mehrere Minuten, bis ich sicher bin, jeden der Quälgeister erwischt zu haben. Erleichtert suche ich die Kaffeedose und koche zwei Tassen. 1:47 Uhr. Die Zahlen leuchten mir von einem kleinen Wecker entgegen, ein Überbleibsel eines seltenen Arztbesuches. Der Mediziner brachte ihn bei einem durch europäische Spendengelder finanzierten Gesundheits-Check-up der Kinder mit. Der Herd, ein unüblicher Gegenstand in einem Büro, tickt von der Hitze im Sekundentakt. Wind lässt den Sand über die Lehmwände und das Wellblechdach nebenan prasseln. Auf den Holztüren vermeine ich zeitweilig jedes einzelne Sandkorn auftreffen zu hören.
Ich schalte den Computer ein, stelle die Satellitenverbindung zum Internet her und rufe meine E-Mails ab. Zuoberst in der Liste, die ich seit Tagen nicht mehr abgerufen habe, ist eine Nachricht meiner Eltern. Sie ist mit »Vaters Geburtstag« betitelt. Ich weiß, was meine Mutter will. Das, was sie jedes Jahr will, und aus dem ich mich mit Ausreden stets herauswinde: Nach Boston kommen, wo sie sich zur Ruhe gesetzt haben. Nur zur Feier, schreibt meine Mutter jedes Mal.
Die Liste wird länger. In der Mitte finde ich eine Mitteilung eines Freundes aus Niamey, Nigers Hauptstadt. Sie trägt die Betreffzeile »Leroux sucht dich«. Hinter die drei Worte wurden drei Ausrufezeichen gesetzt.
»Nathalie«, schreibt mir Benoît Moussa, »ich hatte heute eine Anfrage von unseren Freunden von ARTAUD. Man würde sich gerne mit dir in Verbindung setzen. Man wolle eine Ansprechpartnerin beim UNFPA vor Ort zwecks einiger Spendenvorhaben. Offenbar hat deine Dienststelle keine Daten herausgegeben. Ich habe nicht nachgeforscht, da ich keine unerwünschten Fragen aufwerfen will. Wir wissen beide, dass es unmöglich um Spenden gehen kann. Als ich den Kontakt zwischen dir und Lerouxs Frau hergestellt habe, habe ich mich nicht verweigern wollen, aber damals schon befürchtet, dass Maged Leroux irgendwann dahinter kommen wird. Nathalie, es war ein Fehler von dir, in Niger zu bleiben. Wenn du direkten Kontakt zu mir aufnehmen willst, mach es vorsichtig. Ich weiß nicht, wie sehr ich von Nutzen sein kann, da ich fürchte, unter Beobachtung zu stehen.«
Ich schließe die Nachricht. Die Botschaft ist rund fünf Stunden alt. Ich trinke den Rest des Kaffees aus. Meine Hand zittert. Ich glaubte, noch Zeit zu haben. Ich glaubte, in der Abgeschiedenheit von Agadez in Sicherheit zu sein. In Niger kann ein Mensch von der Bildfläche verschwinden. Gewollt – oder ungewollt.
Benoît Moussa arbeitet für das nigrische Außenministerium. Zu einer anderen Gelegenheit würde ich ihn zur Hilfe drängen, darum betteln – aber selbst mit den Finanzmitteln des United Nations Population Fund dahinter, den Geldern, die so wichtig für sein Land sind – ich darf sie nicht als Druckmittel verwenden. Ich würde sein Leben in die Waagschale werfen. Aber alleine schaffe ich es nicht. Meine Überlegungen kreisen um Fluchtmöglichkeiten. Deshalb entgeht er mir fast. Im Türspalt sehe ich soeben noch einen Schwanz verschwinden. Ein leises Tappen kündet von winzigen Affenfüßen. Ix hat nach dem rechten geschaut. Ich kann mich nicht erinnern, dass er das jemals zuvor getan hat. Ich fülle meine Kaffeetasse auf. Einige Schlucke später formt sich ein Plan. Vorsichtig setze ich die Tasse auf dem Schreibtisch ab. Es dämmert mir, wer mir helfen könnte. Die einzigen, die den Mut dazu besitzen. Die einzigen, die einen Maged Leroux nicht fürchten und niemals fürchten werden.
[Eddie Trick]
»Ich kann mich nicht besaufen, Bertrand. Ein Tuareg holt mich«, ich hebe meinen linken Arm und halte das Ziffernblatt meiner Armbanduhr dorthin, wo das Kaschemmenlicht einen goldenen Punkt auf die Tischplatte malt, »um 3:00 Uhr ab. So ist's ausgemacht.«
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