In der Bäckerei hatte ich mich eingearbeitet. Wir kannten jetzt einander und auch den Arbeitsbereich der verschiedenen Kollegen und versuchten, wenn nötig, einander zur Hand zu gehen. Es waren zwei Bäcker da, der Lehrling und natürlich der Chef, der immer irgendwo am ‚Einspringen‘ war, obwohl es manchmal auch ohne ihn gegangen wäre. Das sahen wir, als er zusammenklappte und ein paar Tage ‚außer Gefecht‘ war wegen eines ‚Fast-Herzinfarktes‘. Einmal wieder auf den Beinen, war er richtig stolz darauf und erzählte uns, welche Chefs der Konkurrenzunternehmen alle schon einen Infarkt hinter sich hatten. Somit war er nun Vollmitglied in der Gilde der Infarkt-Bäckereibesitzer! Im Laden herrschte seine Frau mit zwei Verkaufsmädchen, die auch im Café mithalfen oder mal in der Bäckerei auftauchten zu einem Schwätzchen oder zum Schäkern. Besonders Rosi war stark in diesem Bereich. Sie hatte sich blond gemacht und mit viel Lippenstift erreicht, dass sie Marylin Monroe ähnelte, deren Figur hatte sie ja. Auch hatte sie etwas derer anmacherische Art angenommen. Es geschah bisweilen, dass einer der Bäcker beim Beschicken des Ofens sich versehentlich mit dem langen Stiel seines Schiessers (flache Holzschaufel zum Einbringen oder Herausholen der Brote) unter dem Röckchen von den Mädchen verfing. Dann kreischten diese vor Glück so laut, dass sogar die Chefin angerannt kam, um zu sehen, was da passiert sei, wenn sie nicht gerade kassierte. Wären nicht die chronischen 10 Minuten Verspätung hereinzuarbeiten gewesen, hätte es fast gemütlich sein können. Weiterhin wuselte der Konditor durch diese Hektik, darauf bedacht, ein weitgehend unbesetztes Stück des Arbeitstisches für sich zu haben, worauf er seine Spezialitäten herstellen konnte. Bisweilen half auch er im Backbetrieb mit, vor allem, wenn jemand ausgefallen war. Er war derjenige, der meist mit mir zusammen Feierabend machte. Es war entweder der Konditor, der vor dem Gehen den Vorteig für den nächsten Tag ansetzte oder der Chef selber. Und da kommt es genau auf Temperatur an und auf einen aktiven Sauerteig oder Hefe. Ja, und dann war da noch die Oma, eine große, beleibte alte Dame, die Moralhüterin des Betriebes, die mich mindestens einmal täglich fragte, wann wir denn endlich heiraten würden. Ich vertröstete sie immer mit einem „Bald!“
Bisweilen hupte es draußen vor der Bäckerei ohne Unterlass. Anfangs eilte ich hinaus, den Lieferwagen besser zu parken, denn das war eine Nachbarin mit ihrem Mercedes, immer dieselbe, die da nicht durchkam. Manchmal war es auch ein Liefer-LKW, der die Straße einnahm. Die Frau hätte auch mit einer Seite auf den Gehsteig fahren können oder die andere Zufahrtsstraße nehmen, etwas unterhalb. Nein, sie musste hier durch! Rührte sich bei uns nichts, ließ sie ihr Auto stehen, ging nach Hause (es waren nur 30 Meter) und rief die Polizei an. Der Chef meinte nur, „lass das Auto noch 10 Minuten stehen, vorher ist die Polizei eh nicht da. Dann fahre es weg. Dann ist es nämlich sie, die die Straße blockiert!“ Am schlimmsten war es während des Umbauens, da brachte diese Frau die Polizei schier zur Verzweiflung!
Die 10 Minuten morgendliche Verspätung hatten natürlich oft einen Grund. Jemand hatte verschlafen. Der Ofen wollte nicht anspringen, es war jemand ausgefallen, es war Glatteis und ich musste die Ketten aufziehen, oder der Teig war nicht richtig gegangen. Da blieb nicht viel Zeit zum Schimpfen, es wurde einfach losgelegt und irgendwie kriegten wir es immer auf die Reihe. Vielleicht war es auch gerade das, was diesem Beruf seine spezielle Note gab: dieser unterschwellige Stress, der einen dazu veranlasste, alles zu geben, wie ein Sportler, der rannte, weil er seines Sieges gewiss war. Und mittags hatten sie gesiegt! Die Stadt war gefüttert, sie ließen sich auf das Sofa fallen wie ein Sportler auf den Rasen…
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