»Ja, mein König«, bestätigte Bellzazar.
Mit hängendem Kopf erkannte der König richtig: »Der Brunnen in der Schwarzfelsburg? Der Brunnen, der die Trinkwasserversorgung der umliegenden Dörfer der Burg sichert. Dieser Brunnen? Der Brunnen, dessen Wasser unzählige unschuldige Bauern trinken?«
Desiderius schluckte schwer. Er hatte insgeheim darauf gehofft, dass der König erkennen würde, dass es keine andere Möglichkeit gegeben hatte. Aber König Wexmell war einer dieser Könige, der nicht den Tod Unschuldiger mit irgendwelchen Ausflüchten rechtfertigen wollte. Nicht einmal wenn das geopferte Leben vermutlich einen verheerenden Bürgerkrieg verhinderte.
Und genau deshalb war ein Mann wie Wexmell König, und nicht jemand wie Desiderius. Denn Desiderius würde vieles in Kauf nehmen und vieles opfern, um Nohva davor zu schützen, von Menschenvölkern übernommen zu werden.
Bellzazar erinnerte den König mit verärgerter Stimme: »Der Brunnen, dessen Wasser auch die Soldaten trinken, Wexmell! Sei nicht dumm, erkenne die Vorteile darin!«
König Wexmell ignorierte seinen Berater und engsten Freund, er sah Desiderius an und fragte eindringlich: »Hättet Ihr die Tür nicht aufbrechen können?«
»Bei allem Respekt, Eure Majestät«, erwiderte Desiderius ungerührt, »aber ich hatte weder die Zeit dazu, noch wäre es klug gewesen, sie aufzubrechen. Bedenkt, dass die Gebirgsmenschen den Einbruch bemerkt und aus reiner Vorsicht die Vorräte nicht mehr angerührt hätten.« Desiderius warf einen Blick zu Bellzazar, ehe er noch bedeutsam hinzufügte: »Dann wäre unsere Reise umsonst gewesen und ich hätte mein Leben im Dienst der Krone umsonst riskiert.«
Der König atmete aus, es schien, als stimmte er Desiderius zu, sprach es aber nicht aus. Stattdessen sah er Bellzazar an, musterte ihn kurz, und fragte ihn schließlich: »Wieso bist du nicht mit der Phiole hinter die Tür? Du hast doch derartige Fähigkeiten.«
»Wie du weißt, habe ich die Wachen abgelenkt.«
»Das hätte doch der Junge machen können!«, warf der König ein.
Desiderius mochte es nicht, ständig als Junge bezeichnet zu werden. Bei den Luzianern war er das vermutlich auch noch, aber die meiste Zeit hatte er mit gesetzlosen Menschen verbracht, unter denen er mit seinen siebenundzwanzig Sommern alles andere als ein Junge war. Doch er schluckte seinen Ärger darüber hinunter und ließ den Halbgott in Ruhe mit dem König weiter debattieren.
»Verrate mir, wie der Bursche ohne meine besonderen Fähigkeiten vor den Wachen hätte fliehen können, aus einer Burganlage, die dafür berühmt ist, weder ein, noch ausbrechen zu können, wenn man nicht gerade ein Dämon ist, der sich in Rauch auflösen kann«, zischte Bellzazar den König an.
Allmählich bekam Desiderius einen Eindruck davon, wie nahe sich die beiden standen. Aber das war wohl nicht verwunderlich, denn der Halbgott kannte den König bereits seit seiner Geburt.
Kopfschüttelnd ließ der König sein Haupt hängen.
»Ich hätte das Leben des jungen M’Shier opfern können, um in den Speicher zu gelangen, und um das Leben vieler Unschuldiger zu retten«, stimmte Bellzazar zu. »Aber wäre dir das wirklich lieber gewesen?«
Der König hob den Blick. Er sah Bellzazar an, holte Luft, als wolle er etwas erwidern, doch er sagte nichts. Seine Augen glitten zu Desiderius, musterten ihn, wirkten bekümmert dabei. Schließlich seufzte der König leise und schüttelte auf Bellzazars Frage hin den Kopf.
»Der Junge hat das Richtige getan, das weißt du«, sprach Bellzazar auf den König ein.
Dieser nickte zustimmend. Doch Desiderius hörte ihn murmeln: »Manchmal frage ich mich, ob diese Krone es wirklich wert ist, darum zu kämpfen.«
»Du übst dich in letzter Zeit zu viel in Melancholie, mein König.« Bellzazar lächelte milde.
Bekümmert blickte der König auf. »Wenn ich nicht auf meine Herrschaft bestehen würde, hätten die Menschen keinen Grund, Krieg anzuzetteln.«
Desiderius mischte sich nun doch ein: »Ein Mensch auf dem Thron würde Dunkelheit und nur noch mehr Krieg über Nohva bringen, Eure Majestät. Die Menschen in den Ebenen und im Gebirge würden einen religiösen Krieg anzetteln, ebenso das Wüstenvolk im Westen, und niemand würde aufgeben, bis alle Völker ihren Glauben angenommen haben. Ihr müsst regieren und König sein, weil Ihr die Macht besitzt, den Frieden zu wahren.«
Der König grübelte über diese Worte nach.
Ein Augenblick verging, doch dann begann er aufgemuntert zu lächeln und nickte Desiderius zustimmend zu.
Just in diesem Moment schwang die Tür zum Arbeitszimmer auf und jemand stolperte voller Hast in das kleine Zimmer, das mit Regalen voller Schriftrollen und Büchern zugestellt war.
Bellzazar und Desiderius fuhren herum, während König Wexmell belustigt den hereingeplatzten Störenfried anlächelte.
»Ja, mein Sohn?«, fragte der König amüsiert. »Was möchtest du?«
Prinz Wexmell sah mit offenem Mund zwischen den Anwesenden hin und her. Es schien, als hätte er zu spät bemerkt, dass er ungefragt in eine Unterhaltung geplatzt war.
Desiderius musste sich bei seinem Anblick ein erheitertes Schmunzeln verkneifen, was ihm leider nicht recht gelang.
Prinz Wexmell bemerkte es und lächelte peinlich berührt zurück. Er atmete aus, doch das Geräusch, das er dabei verlauten ließ, hörte sich eher nach einem recht dümmlichen Auflachen an.
»Nichts, Vater ... « Prinz Wexmell kratzte sich an der Schläfe, während er wieder langsam rückwärts zur Tür schlurfte, die bei seinem Hereinstürmen laut gegen die Wand gekracht war.
»Ich wollte nur sehen, ob die Gerüchte stimmen.« Dabei glitt sein Blick zu Desiderius, und seine blauen Augen musterten diesen. »Sie stimmen wohl.«
Der junge Prinz wandte sich ab und zog die Tür wieder hinter sich zu.
Desiderius hatte seiner schlanken Gestalt noch so lange nachgesehen, bis er verschwunden war. Erst als er sich wieder dem König zuwandte, bemerkte er, dass zwei Augenpaare ihn ruhig beobachteten.
Unbehaglich räusperte Desiderius sich, tat aber ansonsten so, als wäre nichts geschehen.
Der König richtete sich wieder auf und sagte an Desiderius gewandt: »Er mag Euch sehr.«
Desiderius schüttelte verneinend den Kopf. »Er kennt mich doch gar nicht.«
»Mein Jüngster kennt aber einen Mann, der ihn vor vielen Jahren bei seinem Besuch der M’Shier Burgfestung vor gemeinen Burschen beschützt und ihm für die restlichen Tage Gesellschaft geleistet hat. Der mit ihm gespielt und ihm beigebracht hat, wie man sich wehrt. Jener Mann, der ihm bei seinem zweiten Besuch erneut geholfen hat, indem er dem König bewies, dass der junge Prinz ein guter Kämpfer und vollwertiger Mann geworden ist, trotz seiner jahrelangen Krankheit«, warf der König ein und lächelte dabei gerührt.
Desiderius wusste nicht, was er sagen sollte, weshalb er stumm den Blick senkte. Der König gab ihm das Gefühl, etwas unbeschreiblich Wohltätiges getan zu haben, dabei hatte Desiderius nur das getan, was er für richtig gehalten hatte. Er hatte sich davon nichts erhofft und bekam nun mehr, als ihm recht war. Für ihn war es ungewohnt, dass man ihm für etwas dankbar war. Und er stellte fest, dass ihm Dankbarkeit unangenehm aufstieß.
»Seit Ihr ihm damals, als er sechs war, geholfen habt, spricht er nur ehrfurchtsvoll von Euch«, erzählte der König froh. »Mein Sohn war überglücklich, als ich erlaubte, dass er zu Eurem Vater mitreisen durfte. Er war so aufgeregt, Euch endlich wieder zu sehen.«
Tief in seinem Inneren erwachte ein Teil, von dem Desiderius gehofft hatte, dass er längst ausgetrocknet und gestorben war. Jener Teil, der mehr als nur gerührt war, dass zwölf Jahre lang ein Junge immer an ihn gedacht hatte, während er sich nichts ahnend draußen in der Welt bewegt hatte. Er wollte nichts fühlen, konnte aber dennoch nicht verhindern, dass er gerührt war, egal, wie stark er dagegen ankämpfte.
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