»Probieren Sie es und sagen Sie es mir«, sagt Tian, worauf Cathy mutig zustimmt und aus dem Glas
Tram Tram nippt. Nachdenklich lässt sie die Geschmacksstoffe auf ihrem Gaumen zergehen, blickt dabei lieblich in die blauen Augen ihres Sitznachbarn.
»Und? Nach was schmeckt Ihres?«
Noch nicht vom Geschmack überzeugt, nippt Cathy noch einmal an dem Glas mit dem undefinierbaren Inhalt. Völlig in das Getränk vertieft, bekommt sie nicht einmal mehr das Lachen der Männer neben ihr mit, geschweige denn, wie die Weibsbilder hinter ihr mittlerweile die Köpfe der Junggesellen anknabbern und sich das Blut aus deren Wunden über dem ovalen großen Tisch entlang verbreitet.
»Also, dieses Tam Tam .«
» Tram Tram «, verbessert Tian liebevoll die Aussprache von Cathy, worauf sie das Glas vor sich hinstellt und nickend zugibt.
»Ja, dieses Tram Tram schmeckt irgendwie nach Glück. Nein, darf ich mich bitte verbessern?«
Ein kurzer Geschmackssinn mit der Zunge über die Lippen entnommen, korrigiert Cathy ihre Aussage.
»Das Tram Tram schmeckt nach Liebe.«
»Dann trinken Sie aus Milady, dann soll es wohl nach Liebe schmecken«, spricht Tian zwinkernd und trinkt auch aus seinem Glas.
»Nach was schmeckt Ihres, Tian?«
»Nach Erfüllung«, antwortet er schnell mit einer Aura der Glaubwürdigkeit, wobei Cathys zauberhaftes Lächeln das erste Mal zu erblicken ist.
»Und was für ein Geschmack hat Erfüllung?«
»Nach was soll denn Liebe schmecken?«, kontert Tian selbstsicher, worauf sie nur ein Lächeln als Antwort weiß und daraufhin einen kurzen rechten Blick hinter sich wirft – sichtlich geschockt vom Anblick der halb aufgefressenen Junggesellen, die noch immer umzingelt von den Weibsbildern sind.
Mit plötzlicher Angst erfüllt, rennt sie ohne jeglichen Blick für irgendwas oder irgendwen aus der Kneipe, schnell an den Weibsbildern vorbei. Schnell möchte Cathy aus diesem Albtraum entkommen und verlässt in Panik versetzt die gemütliche Holzhütte.
Umhüllt von der Nacht, die mit Sternenglanz umgeben wird, fällt sie auf einmal von dem schwebenden Stück Land hinunter. Vergebens versucht sie sich noch an einem greifbaren Stern festzuhalten.
Doch ziellos fällt Cathy mit einem mulmigen Bauchgefühl hinab durch unzählige Wolken, bis sie auf einmal kurz vor dem Aufprall in ihrem vertrauten Bett erwacht.
Verwirrt, wie sie nach dem Lackieren der Nägel überhaupt ins Bett gelangt ist, schaut sie nach oben an die Decke.
Mit einer gewissen Unruhe im Körper versehen, richtet sich Cathy auf und setzt sich auf die Bettkante. Umgeben von der Dunkelheit, die in ihrem Schlafzimmer herrscht, verspürt sie ein Verlangen, das befriedigt werden will.
Eilig verlässt sie ihr Schlafgemach und betätigt schwer atmend mit zitternden Händen den Lichtschalter im Flur des 1. Stocks, um sich den Weg zur Küche im Erdgeschoss zu offenbaren.
Dort angekommen, öffnet sie sofort hastig den Kühlschrank und erblickt freudig eine Flasche Rotwein. Cathy setzt mit dem Durst nach Trost die ganze Flasche an. Vom plötzlichem Ekel gepackt, erbricht sie den Rotwein samt ihres Mageninhaltes wieder in die Spüle zurück, während sie am ganzen Körper zitternd die Flasche fallen lässt. Der entstandene blutrote Fleck auf dem schönen weißen Teppich, könnte Cathys Seele gleichen.
Sie hält sich mit den Tränen ringend am Spülbeckenrand fest, damit sie nicht ihr Gleichgewicht verliert und spuckt ihre Traurigkeit in die Spüle. Völlig entleert und mit wirren Gedanken, erfrischt sie ihr Gesicht mit Leitungswasser, um gedanklich wieder einen klaren Kopf zu erhalten.
»Oh mein Schatz, wo bist du nur?«, fragt sie sich und nimmt völlig aufgelöst auf dem Sessel im Wohnzimmer neben dem Tannenbaum, der als einzige Lichtquelle dient, Platz. Dort zittrig angespannt schaltet Cathy den Fernseher ein, um auf andere Gedanken zu kommen.
Flackernd erweckt das wechselnde Licht in Cathys Gesicht eine beruhigende Ader in ihr. Der laufende Film gibt ihr das Gefühl, sie wäre nicht allein. Schläfrig klappen Cathys Augenlider herunter, bis eine eigenartige Gestalt in dieser dunklen Sekunde von weiter weg auf sie zu kommt.
Erschrocken öffnet Cathy wieder ihre Augen und sieht den Film vor sich weiterlaufen. Doch die Gestalt kommt noch näher an sie heran, da ihr die Lider plötzlich ungewollt wieder heruntergefallen sind. Von einem Muskelzucken in ihrem Körper verursacht, blinzelt Cathy aufgeweckt. Und unaufgefordert bei jedem Blinzeln, kommt sie dem hässlichen Etwas immer näher, bis dieses so nahe an ihrem Gesicht klebt, dass Cathy fast vor Schreck im Wachzustand nach vorne vom Sessel kippt.
Komplett überwältigt von dieser schrecklichen Situation, richtet sie sich auf, um wieder gedanklich Boden unter den Füßen zu fassen. Zitternd mitten in einem großen Raum und wie angewurzelt dastehend, verinnerlicht Cathy diese Einsamkeit.
»Hallo, ist noch jemand hier? Bin ich denn alleine in diesem Haus?«
In Sekunden eingefroren und völlig alleine, begibt sich Cathy dann zum Telefon im Flur, damit sie ihren Ehemann kontaktieren kann. Ungeduldig zählt sie das Geräusch, das jede zweite Sekunde aus dem Hörer erklingt, mit der Hoffnung, Noah gehe gleich dran.
Doch ohne Erfolg. Weinend legt sie den Hörer wieder auf und begutachtet tränenreich die Bilder an der Wand, die vom Flimmern des Fernsehers erhellt werden.
Schöne Erinnerungen an längst vergangene Tage spiegeln sich in diesen Bildern wider. Tage, die Cathy so schön fand, dass sie diese Familienmomente festgehalten hat. Schluchzend wischt sie sich die Tränen vom Gesicht und bleibt bei einem bestimmten Bild stehen, das ein kleines Baby lächelnd zeigt.
Mit einem Trauerausbruch verursacht von dieser Erinnerung, hängt sie stillschweigend das Bild ab, sodass sie dem Baby noch näher sein kann. Stumm weinend und völlig in diese Einsamkeit gerissen, hält sich Cathy ihr Baby ganz nahe ans Herz. So nahe ans Herz, dass sie plötzlich voller Wucht diesen Bilderrahmen gegen den Fernseher wirft. Scherben des Rahmens und des Fernsehdisplays fliegen umher.
»Warum hast du mich verlassen, wieso? Wieso nur hast du mich verlassen?«
Gefolgt von Selbstvorwürfen und dem ausgelösten Wutausbruch alter Schicksalsschlägen, kann Cathy nicht mehr standhalten und nimmt sich nun eine Flasche Wodka aus dem Vorratsschrank. Sie gibt den Kampf auf und schüttet sich ihre Zuflucht in ein Glas, um mit endloser Hoffnung, den Kummer und die Trauer somit hinunterspülen zu können.
»Opilie? Kannst du auch nicht schlafen?«, ertönt es zur gleichen Zeit leise aus Sandys Mund, die in ihrem Nachthemd gekleidet an Gerds Schlafzimmertür steht und hineinsieht. Beruhigend und vom Fernseherflimmern angestrahlt, blickt Gerd von seinem Bett aus zu seiner Enkelin und bittet sie herein.
»Wo ist denn Omilie?«
»Deine Oma schläft im Zimmer nebenan, Kleines«, antwortet Gerd freundlich und macht daraufhin den Fernseher aus. Damit sie sich aber nicht ganz im Dunkeln befinden, schaltet er zugleich den Sternenhimmel an, der über dem Bett hängt.
»Habt ihr etwa Streit?«
»Nein mein Kind, komm doch her. Omilie schläft seit geraumer Zeit nicht mehr bei mir im Zimmer.«
»Wieso denn? Habt ihr doch Streit, wie Mama und Papa, jedes Mal?«, übermittelt Sandy im Arm von Gerd liegend, während ihre Begeisterung in den Augen wegen des Sternenhimmels zu erkennen ist. Schmunzelnd gibt Gerd zu, dass er nun mal sehr laut schnarcht und man in einem gewissen Alter sich zwar immer noch liebt und respektiert, man aber nicht mehr alles so teilen muss, wie man es früher immer gemacht hat.
»Und deine Eltern machen eine schwere Phase durch, die nicht einfach so zu bewältigen ist. Gib Mama und Papa etwas Zeit und empfinde keine Angst. Die Person auf dem Himmelschleier, wird schon dafür Sorge tragen, dass alles zu seiner Zeit geheilt wird.«
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