Seine Gedanken waren nur noch auf die Landschaft und seine Begierde nach neuem Wissen gerichtet. Er musste die Regeln dieser Welt erfahren, wollte sie und sich selbst endlich verstehen und am liebsten jedes der von Mia angedeuteten Geheimnisse aufdecken. Wo sollte er anfangen? Eric lockerte die strenge Kontrolle über seine eigenen Gedanken, fühlte sich wieder ruhig genug, um sie frei fließen zu lassen. Er suchte nach einer realen Konstante im Leben, einem Faktor, der sich nie veränderte, dem Grundstein aller Geschehnisse. Wenigstens etwas, worauf man sich unbedingt verlassen konnte. Es dauerte nicht lange, bis er die richtigen Ideen geordnet hatte. Vielleicht gab es wirklich nur dieses eine Prinzip: Kausalität. Aktion, Reaktion … was jemand wollte, würde zu Taten führen, welche ihrerseits Neues bewirkten … Eric schnüffelte, erkannte zufrieden den leichten Geruch von Baumharz. Sein Verstand taugte doch noch was. Ein erster Schritt schien getan, nichts konnte existieren, ohne dem Prinzip der Kausalität zu unterliegen. Was bedeuten würde, dass er dieses Prinzip im Geiste einfach umdrehen könnte, um zu begreifen, was gerade eigentlich vor sich ging. Welcher Wille oder welche Ereignisse hatten zur Gegenwart geführt? Das Was verlor an Bedeutung, das Warum wurde wichtiger. Woher kam die Finsterns und warum gab es sie überhaupt?
Eric überlegte. Kausalität … Wirklich eine Konstante im Üblichen Sinne? Was wäre, falls sich gar nichts ändern würde, falls alles stillstünde und es keine Aktionen mehr gäbe? Was sollte dann noch folgen? Könnte es überhaupt jemals zu so einem Moment kommen, nun, wo sich doch seit unbestimmter Zeit ständig alles veränderte und bewegte? Die Natur definierte sich durch Wandel und Entwicklung. Konstante Veränderung. Eine konstante Variable. Paradox … Und diese Variable, vielleicht wie ein X in einer Gleichung, war vor allem durch Menschen völlig unkontrolliert beeinflusst. Zumindest auf der Erde. Setzte man ein bestimmtes Ziel voraus, den Fortbestand von Vielfalt und dem Leben, wie Menschen es kannten, so ginge die Gleichung längst nicht mehr auf. Ihre Aktionen führten derzeit keinesfalls zu den gewünschten Reaktionen, im Gegenteil. Zu vieles entfernte sich beständig von dem, wonach Physik und Naturgesetzte verlangten: Balance, Ausgleich. Alles hatte einen Preis. Irgendetwas würde immer verbleiben und fortbestehen, sich wieder wandeln. Ob es das war, was die Menschen gerne hätten, war eine ganz andere Frage. Finster fragte sich Eric, warum sie überhaupt gegen diesen Herrscher ankämpften, wenn sie die Zukunft doch gar nicht sehen konnten, weil sie die Vergangenheit nicht völlig verstanden und nicht jederzet über jede Veränderung Bescheid wissen konnten. Vielleicht hatte der Herrscher eine Lösung für all ihre Probleme und sie wussten es nur nicht. Seltsamerweise erschien es Eric möglich, dass jener Herrscher etwas zu tun vermochte, was Menschen seit Anbeginn ihrer Zeit nicht geschafft hatten. Aber vielleicht wussten die Menschen sehr wohl, was der Herrscher wollte, bloß gefiel die Lösung ihnen nicht, der Preis war zu hoch oder der Weg zu schwer. Oder schlichtweg inakzeptabel nach ihren Maßstäben.
Und was war mit der Magie, von welcher er jeden Tag mehr mitbekam? Oder Telepathie? Nach seinem Kenntnisstad durch aktuelle Wissenschaft weder vollständig erklärt noch nachgewiesen, sogar äußerst unwahrscheinlich im Rahmen bekannter Naturgesetze und Regeln. Die wären dann wohl zumindest unvollständig, dachte Eric. Einstein hätte vermutlich nie eine Formel gefunden, die es ermöglicht hätte, einen Jungen in einen riesigen und echten Drachen zu verwandeln. Oder hätte Thomas Edison geglaubt, dass der Mensch selbst eine Quelle sichtbaren Lichtes sein konnte? Eher nicht. Dennoch, das Leben mit einer mathematischen Gleichung erklären zu wollen, erschien Eric unmöglich. Vielleicht sogar sinnlos. Zumindest mit den Werkzeugen, welche die Menschen sich bisher erschlossen hatten. Er stellte fest, wie lange es her war, dass er sich auf diese Art Gedanken gemacht hatte. Variablen und Konstanten des Lebens und beides zusammen … Letztendlich konnte man immer die Frage stellen nach dem Glauben an das, was sich nicht erklären ließ oder nach dem Zweifel an etwas, was eigentlich unberechenbar war und somit einem Zweifel keine wirkliche Grundlage bot. Warum musste überhaupt immer eine Erklärung gesucht werden?
Eric flog langsamer, wollte sich nicht zu sehr beeilen und noch länger allein sein. Eine Veränderung des Aufwindes, von dem er sich jetzt tragen ließ, brachte ihn dazu, seine Augen zu öffnen und nach unten zu sehen. Er erblickte einen riesigen See, silbern glitzernd und auffallend still. Sein Spiegelbild schwebte darüber hinweg, Eric betrachtete es nachdenklich. Er hatte sich selbst noch nie so gesehen. Er glitt nach unten, ließ seine Füße durch das Wasser fegen und spürte ein fremdartiges, extrem hochfrequentes Kribbeln in den Krallen. Es war wunderbar kühl aber nicht eisig und das Wasser war so sauber, dass er viele Meter tief auf den Grund in Ufernähe schauen konnte. Wenn er sich nicht immer so schwergetan hätte, ins Wasser zu kommen, hätte er gleich sein erstes Bad als Drache genommen. Einige hundert Meter vor sich sah er einen Felsen im See, der ein paar Hände breit aus dem Wasser ragte. Eric spreizte die Flügel, bremste und trippelte ein paar Schritte über den gigantischen Stein.
Ein schwarzer Brocken, wie Steinkohle. Als Eric nach ein paar Schritten einen Rand erreichte, stellte er sprachlos fest, dass die Kante perfekt Winkelrecht war und die drei Oberflächen, welche er an der Ecke zwei Meter weiter links sah, waren ebenfalls alle im rechten Winkel zu einander. Eric musterte den riesigen Brocken und dachte nach, ob er jemals einen solchen Stein gesehen hatte. Definitiv nicht. Eric vermutete, dass er auf einer Art Würfel stehen könnte. Und der müsste riesig sein, denn an dieser Stelle war der See bereits weit über einhundert Meter tief.
»Woher kommst du denn?«, flüsterte Eric gedankenverloren.
Zu seiner großen Überraschung sah er plötzlich Bilder vor seinem geistigen Auge. Einen verdunkelten Himmel, bewölkt und abendrot. Eine Art Insektenschwarm tanzte in scharfen, geometrischen Mustern über den Bäumen. Die Bäume waren anders als jene, welche er jetzt sah. Sie hatten keine Blätter, sondern eine Art Fell, waren deutlich flacher und irgendwie weicher, wie überdimensionierte Büsche. Ein Lichtfleck erschien, immer heller werdend. Ein gigantisches, glühendes Objekt brach durch die Wolkendecke, es zog einen Feuerschweif hinter sich her, so hell, dass das Bild kurz komplett weiß erstrahlte. Dann berührte der Quader die Erde, fiel mitten in einen Wald. Ein blendend heller Blitz riss den Boden auf, rote Fluten geschmolzenen Gesteins und Feuers folgten der flirrenden Schockwelle und die seltsamen Pflanzen wurden von glühenden Stürmen einfach zerstäubt. Die gewaltige Explosion ließ Boden und Luft beben. Der Fremdkörper bohrte sich mit roher Gewalt in den Grund, trieb mehr und mehr des Bodens in alle Richtungen davon, ganze Fetzen des Waldes erhoben sich und brachen wie eine vernichtende Welle über ihrer Umgebung zusammen. Als die sich auftürmenden, brennenden Massen Eric fast erreicht hatten, verschwand das Bild und langsam nahm der See um ihn herum wieder Gestalt an.
Eric guckte sich um und hatte gar keine Zeit, sich zu fragen, warum er plötzlich diese Bilder erfuhr. Er saß mitten in dem großen See, der von hieraus fast wie ein Meer wirkte. Nur die grüne Wand aus Bäumen, die ihn in weiter Ferne umgab, erinnerte an einen See im Wald. Schließlich fiel sein Blick auf seine Krallen, die sich tief in den weichen Stein gegraben hatten. Er kratzte ein wenig herum, scharrte und schnüffelte. Es war eine dünne, pulvrige Schicht zu spüren und der Stein roch nach Eisen, leicht verbrannt. Er saß also auf einem fremden und ziemlich großen Objekt, das hier vor Urzeiten auf den Planeten geprallt war. Und diese Gewalt hatte einen gigantischen, neuen Lebensraum geschaffen. Die Fruchtbarkeit der näheren Umgebung wäre somit erklärt. Vielleicht lag der Stein auf einem kleinen Vulkan, der durch den Aufprall ausgebrochen war. Aber wie konnte dieser Brocken perfekt viereckig sein? Das legte nahe, dass intelligentes Leben dieses Objekt hervorgebracht hatte, denn Kristalle, welche in solch rechtwinkligen Strukturen wuchsen, würden nie zu solch großen Gebilden heranwachsen und vor allem die Gewalt eines solchen Aufpralls nicht einfach überstehen. Erneut kratzte Eric mit den Krallen über die Oberfläche. Kein Kristall, also keine natürliche Form. Jemand hatte dieses Objekt willentlich erschaffen oder geformt. Er blickte zum Himmel. Warum eigentlich nicht? Er saß auf einem fremden, mit vielfältigem und komplexem Leben überzogenen Planeten. Selten war es ihm wahrscheinlicher oder natürlicher vorgekommen, dass es noch viel mehr solcher Planeten und vermutlich auch hoch entwickelte Zivilisationen geben musste. Er fragte sich, wie lange es her sein mochte, dass dieser gewaltige Kubus hier die Grundlage für einen See geschaffen hatte. Millionen oder Milliarden Jahre? Unwichtig. Er saß doch gemütlich, also war das Alter des Objektes völlig egal. Zumindest, solange er nicht forschen wollte. Eric hielt inne. Relativität. Es kam auf die Situation und den Betrachtungswinkel an, ob das Alter jetzt eine Bedeutung hatte oder nicht. Wobei Bedeutung schon wieder ein Wort oder vielmehr eine Idee war, welche so unglaublich schwierig zu definieren war. Eric nickte abwesend. Ein weiterer Schritt.
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