»Wie kommst du darauf, dass sie Angst vor mir haben?«
»Ich glaub, die spüren einfach, dass du anders bist. Sehr, sehr anders. Und außerordentlich mächtig. Ich kann es jedenfalls fühlen. Die Wärme und … keine Ahnung. Wie jetzt. Ich fühle mich wohl hier. Beschützt. Kannst du seine Gestalt annehmen?«
Crow machte gerade einen großen Schritt nach dem anderen, näherte sich zielstrebig und überrumpelnd jener Information, welche ihn so interessierte. Eric erkannte sofort, dass seine Neugier aufrichtig und ohne Hintergedanken war, obwohl langsam deutlich wurde, dass er es aus einem bestimmten Grund unbedingt wissen wollte. Eric konnte kaum einen klaren Gedanken fassen. Wie bereits öfter mit Jack hatte er plötzlich das Gefühl, dass Crow viel mehr wusste als er.
»Crow«, sagte Eric abwesend. In seiner Stimme lag etwas Drohendes, völlig unbeabsichtigt. Vertraue niemandem blind, hörte er es in seinen Gedanken klingen.
»Habe ich zu viel gefragt? Sorry, das meinte ich nicht so. Manchmal … Mist. Bitte verzeih mir das, Krähen sind sehr beharrlich. Sie sind listig und verfolgen ihre Ziele. Ich wollte nicht unhöflich sein, wirklich nicht. Es tut mir leid.«
Eric lächelte müde.
»Es ist okay. Komm her.«
Crow starrte Eric unsicher an, Eric erkannte einen Funken Furcht in seinen Augen. Doch er löste sich davon, stand auf und kam zu Eric, der sich ebenfalls von seinem Platz erhob.
»Crow, behalte es für dich. Versprich es mir.«, sagte Eric und Crow nickte verwundert. Eric schickte einen Gedanken, zeigte ihm die Gestalt des Drachen. Crow stolperte bestürzt zurück, als er direkt in die Augen des riesigen, fast schwarzen Wesens blickte und kurz aber heftig die enorme Hitze im Gesicht spürte, mitsamt der unglaublichen Kraft, mit welcher der Drache in seine Seele blickte und sie festhielt. Er öffnete schnell seine Augen, als wollte er aufwachen und starrte Eric an wie etwas, was urplötzlich aus dem Nichts aufgetaucht war. Als er die eigene Reaktion erkannte, kam er kleinlaut zurück zu Eric, der ihn nur aufmerksam musterte.
»Okay«, stammelte Crow leise, etwas Schweiß bildete sich auf seiner Stirn, »okay, okay. Es stimmt also. Du bist … Wow. Du siehst … Wie kann man keine Angst vor dem Biest haben? Oh, entschuldige, nichts für ungut. Ich meine, wer dich nicht kennt, also …«
Crow lächelte vorsichtig und neigte sich leicht nach vorn, als wollte er sich verbeugen. Er ahnte langsam, dass Eric das Ganze eher unangenehm war.
»Aber so bist du gerade gar nicht. Jetzt bist du so anders, total anders. Kein Monster.«
»So, bin ich das? Sag mir ehrlich, hast du Angst?«
Eric fühlte sich schmerzlich an den Moment erinnert, welcher überhaupt zu jenem jetzt geführt hatte. Crow sah ihn an. Ihm dämmerte langsam, was Eric die ganze Zeit über beschäftigte und wie sehr seine direkten Worte daran gekratzt hatten. Er holte tief Luft, wischte sich kurz über die Nase und wirkte ziemlich verlegen. Er wurde nervös. Eric sah in den Gedanken des Jungen jenes Gefühl von Wärme und Trost aus dem Moment, in welchem Eric ihn umarmt hatte. Crow hatte die Zuneigung und das empfundene Gefühl von Schutz und Sicherheit tief in sich eingeschlossen, es stärkte ihn.
»Nein. Jetzt nicht mehr. Aber ich hatte Angst. Deshalb kam ich her. Ich glaubte, dass du Jan vielleicht nur aus dem Weg geräumt hast, um selber die Nummer eins … du weißt schon, was Raubtiere eben tun. Krähen übrigens auch, deshalb dachte ich … egal. Aber Haku hat gesagt, ich solle mich trauen und zu dir gehen, du wärst anders als das, was ich gesehen habe. Und was alle anderen gesehen haben. Er meint, du hättest mich und Jack tatsächlich nur schützen wollen. Stimmt ja auch, das weiß ich nun. Ich mag dich sehr, Drachenjunge. Irgendwann will ich auch so stark sein wie du. Darf ich wiederkommen?«
Eric war überfordert von Crows Redeschwall und seiner uneingeschränkt direkten Ehrlichkeit, die schon fast entwaffnend wirkte, obwohl sie einander überhaupt nicht kannten. Er hatte selbst so viele Fragen, so unglaublich viele Reaktionen auf Crows Besuch, dass er nur abwesend »klar« sagen konnte. Crow wirkte mit einem Mal so lebendig, obwohl Trauer und Erschöpfung ihm tief in den Knochen saßen. Er sah Eric dankbar und erleichtert an und Eric erkannte die Hoffnung in ihm, einen Freund entdeckt zu haben. Er lächelte Crow ehrlich an, dann meinte er:
»Crow, du bist wirklich erstaunlich. Wie alt bist du?«
Crow nickte und lachte.
»Sind wir alle. Ich schulde dir was! Keine Ahnung. Mia sagt, vielleicht elf oder zwölf. Was meinst du? Sollte ich das wissen?«
Eric lächelte ihn anerkennend an, hielt ihm seine Faust hin. Crow blinzelte verunsichert, doch nach kurzem Zögern kam er ganz langsam näher und hielt seine eigene Faust gegen Erics, während er dessen Reaktion genau beobachtete. Eric lachte.
»Passt. Ist egal, aber du bist einfach so … ich weiß es nicht. Du bist groß.«
Crow nickte Eric zu, ging zur Tür und verschwand so unauffällig, wie er aufgetaucht war.
Als Eric aufwachte, war sein Kopf wie leergefegt. Völlig entspannt atmete er kaum noch. Die Sonne stand höher, vermutlich Mittagszeit. Er holte tief Luft und ihm wurde leicht schwindelig. Er hatte tatsächlich geschlafen, ohne zu träumen. Zwar kaum zwei Stunden, aber es fühlte sich fast so an, als wäre es etwas komplett Neues.
Jack war noch immer nicht zurück. Eric richtete sich in seinem Bett auf und starrte seine Füße an. Es dauerte mehrere Minuten, bis er wieder in Gang kam und seine Gedanken langsam zurückkehrten. Nach einer Weile fiel ihm Crows Besuch ein und er sah den Tisch an. Sofort begann eine Unmenge an Fragen in seinem Kopf zu kreisen. Gab es noch mehr ihrer Art in diesem Heim? Wie viel wusste Haku und wie viele Geheimnisse hatte Jack tatsächlich? Und Mia. Bei dem Gedanken an sie fühlte er eine kurze Spannung im Bauch. Sie musste so viel mehr wissen als sie preisgab. Er dachte an ihren Brief, erinnerte sich sofort an die Zeilen, in welchen sie sich entschuldigte und meinte, sie hätte so vieles vor ihm verborgen. Aus gutem Grund, wie sie sagte. Was sollte das für ein Grund sein? Falls sie auch nur ansatzweise eine Ahnung hatte, was in ihm vor sich ging, warum sollte sie dann trotzdem … Eric blinzelte. Ruhig bleiben. Er war hier, wegen ihr. Sie hatte ihn aufgezogen und versorgt, kannte ihn besser als jeder andere. Mit Ausnahme vielleicht von Jack. Sie hatte versprochen, alles zu erklären. Sobald sie von hier fort wären. Wohin eigentlich? Noch eine Frage, die Jack und er bisher nur spielerisch gestellt aber nicht wirklich ausdiskutiert hatten. Jack wusste es auch nicht. Also hatte Mia auch Geheimnisse vor ihm. Eric gähnte. Abwarten und vertrauen.
Eric entwirrte seine wilden Haare, rieb sich den Kopf und stand auf. Noch während er so dastand, zwang sich ihm eine Frage auf. Wie hatte Crow seine Eltern verloren? Er hatte nicht nachgefragt, es erschien ihm in dem Moment nicht angemessen, sogar fast unwichtig. Aber jetzt wollte er es wissen. Als er kurz blinzelte, zuckte ein grelles Bild seines bizarren Traumes durch seinen Geist. Eric erschrak, seine Finger krümmten sich wie die Krallen des Drachen und eine kurze, heftige Spannung zuckte durch seinen Kiefer. Er hörte ein paar von Jans Freunden draußen vorbeigehen, sie machten sich wohl auf den Weg in die Stadt.
Als er sich angezogen hatte, machte sich Eric hungrig auf zum Essraum. Die Flure waren leer, die meisten unterwegs, wollten sie doch über das letzte Wochenende vor Schulbeginn noch einiges erledigen. Nur viele der jüngsten waren noch da, meist in ihren Zimmern oder in einem der großen Gemeinschaftsräume, in welchen sie mit ein paar der Betreuer oder Ältesten ihre Zeit verbrachten. Gedankenverloren lief Eric am Eingang zum Essraum vorbei. Die riesige Schiebetür war offen und der ausgedehnte Raum fast leer. Nur Jack und Mia saßen an dem großen Tisch. Eric überlegte kurz, ob er doch lieber draußen bleiben sollte. Der Geruch von gebratenem Fleisch und Kartoffeln sowie Mias Tee wehte ihm in die Nase und sein Hunger wuchs ins Unermessliche. Also doch, hinein. Als er stumm auf den Tisch zu ging, drehte sich Mia zu ihm um. Es war, als hätten sie ihn tatsächlich nicht gehört oder bemerkt.
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