Jones war bleich geworden. Einen Moment sah es so aus, als würde er das Gespann geradewegs gegen die beiden Reiter rennen lassen. Dann stemmte er sich gegen die straffen Zügel. Die Pferde gerieten ins Stolpern, der Wagen schwankte heftig, dann stand er.
»Da haben wir ja am richtigen Fleck gewartet!«, stellte Kellocks flachsblonder Vormann Emmet Leach grinsend fest, während er mit seinem Colt auf Jones’ Kopf zielte. »Der Boss hat sich das fein ausgerechnet. Nur ruhig, Jones, lass deine Kugelspritze brav stecken. Du willst doch dein Mädel nicht zur Waise machen, he?«
»Banditenpack!«, knurrte Jones. Seine Hände zitterten. Hinter ihnen dröhnte Hufschlag den Fahrweg entlang. Gleich darauf tauchte Kellock mit den beiden anderen Cowboys zwischen Sträuchern und Felsen auf. Die Männer schwärmten aus und bildeten einen engen Ring um das Fahrzeug, als ihre Pferde zum Stehen kamen. Das Metall der Revolver schleuderte silberne Strahlenreflexe im Sonnenschein.
»Gut gemacht, Leach!«, nickte Kellock seinem Vormann zu. »Ich wusste ja, dass es klappen würde!«
Jones starrte ihn voller Hass an. »Eine Falle! Ein richtiger Überfall! Kellock, damit hast du den Bogen überspannt! Das geht auch einem Mann wie dir nicht mehr durch!«
»Du vergisst, dass du dich vor einer Stunde außerhalb des Gesetzes gestellt hast«, lächelte ihn Kellock auf seine finstere Art an. »Kein Mensch kann verlangen, dass ich zimperlich mit einem Banditen umspringe.« Als Jones zum Holster griff, ließ Kellock seinen Revolverhahn knacken. »Das würde ich lieber nicht versuchen! Fünf Eisen gegen eines, das ist ein ungleiches Verhältnis! Und ich brauche dich noch!«
»Kellock!« Mary-Lou sprang vom Sitzbrett hoch. »Dazu haben Sie kein Recht! Sagen Sie Ihren Leuten, sie sollen uns den Weg freigeben.«
»Gewiss! Nur werden Ihr Vater und ich vorher ein kleines Geschäft abschließen!«
»Schon wieder meine Ranch, was?«, brummte Jones grimmig, »Erraten!« Kellock zog ein zusammengerolltes Papier aus der Innentasche seiner Kordjacke. »Leach hat Tinte und Feder in seiner Satteltasche. Du brauchst nur deine Unterschrift aufs Blatt zu setzen, und zwischen uns beiden gibt es keine Feindschaft mehr. Das alte Angebot, Jones. Tausend Dollar für deinen Besitz. Diesmal zum letzten Mal!«
»Die Hölle soll sich auftun und dich verschlingen, du Halsabschneider! Meine Antwort darauf hat sich nicht geändert! Nein und nochmals nein, zum Teufel!«
»Du bist zu voreilig! Du vergisst, was in Greenhill passiert ist. Wenn ich will, weiß morgen schon das ganze County, dass du versucht hast, einen Bankräuber und Mörder aus dem Jail zu holen. Jones, du bist in diesem Land erledigt.
Kein Mensch wird noch mit dir ein Geschäft abschließen, niemand wird noch mit dir reden. Im Store werden sie dir nichts mehr verkaufen, und wenn du im Saloon einen Drink nehmen willst, werden sie schon dafür sorgen, dass du draußen auf der Straße landest. Es ist aus mit dir, Freund Jones! Warum musst du dir ausgerechnet einen Kerl wie Amarillo zum Freund aussuchen? Ich biete dir hier wirklich eine anständige Chance, die du vielleicht gar nicht verdienst.«
»Tausend Dollar!« Jones spie die Worte förmlich heraus. »Ich habe dreihundert Rinder auf meiner Weide stehen. Droben in Cheyenne bekomme ich für sie allein schon fast fünftausend Bucks. Du kommst dir wohl sehr gerissen vor, Kellock, was? Du meinst, ich sitze in einer Klemme und drücke dir auch noch dankbar die Hand! Nichts damit, Kellock! Wenn du mir nicht mehr zu bieten hast …«
»Doch!«, sagte Kellock schneidend. »Eine Kugel! Wenn dir das lieber ist!« Jones erstarrte, als er merkte, wie entschlossen der K-Star-Rancher war.
Mary-Lou flüsterte tonlos: »Nein, das wagen Sie nicht, Kellock! Sie haben auch noch mit mir zu rechnen. Einen Mord können Sie nicht riskieren!«
Kellock starrte Jones unverwandt an. »Du weißt es besser, nicht wahr? Eine Zeugenaussage gegen fünf. Die Tochter eines Banditenfreundes gegen einen angesehenen reichen Rancher und seine Cowboys. Sag es ihr doch, Jones!«
»Du bist ein Teufel, Kellock!«
»Ich will was anderes hören!«, lächelte Kellock hart. »Ich will hören, dass du endlich unterschreibst! Ich habe die tausend Dollar bei mir. In fünf Minuten ist alles geregelt. Also?«
Zwischen den Sträuchern hervor sagte eine lässige Stimme: »Moment noch! Kellock, Sie haben sich vorhin geirrt! Es wird noch einen Zeugen geben – mich!« Die Köpfe der Männer fuhren herum. Im Schatten übermannshoher Juniperen und Cottonwoods saß Jim Santana kühl lächelnd auf seinem hochbeinigen Rappen. Die Faust, die einen langläufigen Frontier-Colt umklammerte, ruhte ganz locker auf dem steilen Sattelhorn. Es sah wie Zufall aus, dass die Mündung genau auf Bruce Kellock zielte.
An der Stirn des K-Star-Ranchers schwoll eine Ader. Mühsam beherrscht sagte er: »Für einen einzelnen Mann kann es verdammt ungesund werden, dauernd hinter anderen Leuten her zu schnüffeln. Sie sollten lieber verschwinden und alles vergessen, Santana.«
»Wieso? Mein Finger liegt am Drücker. Keiner Ihrer Männer schießt schnell und sicher genug, um es mit mir aufzunehmen, Kellock. Oder zweifeln Sie daran?«
»Santana!«, schnaufte Hank Jones erleichtert. »Das werde ich Ihnen nie vergessen. Jagen Sie diese Schufte zum Teufel.«
»Langsam, langsam«, lächelte Jim Santana. »So einfach liegt die Sache für Sie leider nicht, Jones. Ich habe frühzeitig gelernt, dass man nie umsonst auch nur das leiseste Risiko eingehen soll.«
Jones holte tief Luft. »Verstehe! Nun gut, Santana, wie viel?«
»Fünfhundert Dollar!«, rief Kellock schnell. »Fünfhundert auf die Hand, Santana, wenn Sie sich da heraushalten!«
»Boss!«, knurrte der Vormann Emmet Leach. »Wir sind zu fünft. Dieser hergelaufene Revolverschwinger …«
Kellocks herrische Handbewegung brachte ihn zum Verstummen.
»Nun, Santana?«
Der schwarzhaarige Reiter aus den Elk Mountains schüttelte lässig den Kopf. Kellocks Mundwinkel verkniffen sich.
»Tausend!«, stieß er hervor. »Genau die Summe, die ich Jones bieten wollte! Das ist auf jeden Fall das Limit!«
Santana sagte ruhig: »Ich will mit Mr. Hank Jones ein Geschäft abschließen, nicht mit Ihnen. Und ich will kein Geld. Jones, ich warte.«
»Santana, ich verstehe Sie nicht!«, keuchte der stämmige Kleinrancher. »Fragen Sie Ihre Tochter!«
Jones’ Augen ruckten zu Mary-Lou herum. Glühende Röte übergoss jäh die Wangen des Mädchens. Sie senkte die Wimpern.
»Er will mich, Dad!« Ihre Stimme war kaum zu hören.
Jones zuckte wie unter einem Hieb zusammen. »Santana, Sie …«
»Vorsicht, Jones, bedenken Sie, dass Ihr Leben auf dem Spiel steht. Sie sollten nicht an meine Vergangenheit denken und an das, was man sich über mich in Greenhill erzählt. Ich bin der Mann, der Ihnen mit seinem schnellen Colt aus jeder Schwierigkeit heraushelfen kann. Der richtige Partner. Meine Gefühle für Ihre Tochter sind ehrlich, Jones. Ich will Mary-Lou zur Frau.«
Schweiß glänzte auf Jones’ Gesicht. »Weißt du das schon lange, Mädel?«
Sie nickte nur stumm. Ihre roten Lippen waren fest zusammengepresst. Jones starrte den Geächteten flammend an.
»Sie verlangen zu viel!«
»Heißt das … nein?«
»Zum Teufel!«, brach Jones los. »Meinen Sie im Ernst, ich werde Mary-Lou eine solche Entscheidung aufzwingen? Wie können Sie von einem Mann erwarten, dass er seine eigene Tochter …«
»Es ist Ihr Leben!«, unterbrach ihn Jim Santana kühl. »Vielleicht sollten Sie lieber Ihre Tochter reden lassen, Jones. Nun, Mary-Lou?«
»Du benimmst dich wie ein abgefeimter Bandit, Jim!«, flüsterte das Mädchen herb. »Ich fange an, alles zu glauben, was in Greenhill über dich geredet wird.«
»Es ist die Chance, auf die ich gewartet habe! Entscheide dich, Mary-Lou.« Die Schultern des Mädchens zogen sich fröstelnd hoch. In einer Mischung aus Entsetzen und Ungläubigkeit starrte es den Reiter an. Jones stieß hervor:
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