Brennende Besorgnis erfüllte Chad. Die kalte Stimme des Desperados mit dem Colt drang in seine sich jagenden Gedanken ein. »Weg mit dem Schießprügel, Sheriff. Du kannst damit nichts mehr anfangen.«
Chad drehte sich langsam vollends zu dem Banditen herum.
»Diese Sache bricht euch das Genick. Das verspreche ich dir.«
»Bist du versessen darauf, dass wir dich als Toten zurücklassen? Sei kein Narr, Sternträger!«
Noch während sich Chad drehte, war sein Blick auf einen weiteren Mann gefallen. Er saß in der schattigen Gasseneinmündung neben dem Office unbeweglich auf einem hochbeinigen Rapphengst. Ein großer drahtiger Bursche mit dunkel gebräuntem, scharfzügigem Gesicht und schwarzem Haar, das sich unter dem ins Genick geschobenen Stetson hervorringelte. Der Colt an seiner rechten Seite war auffällig tief geschnallt. Betont lässig hielt der Mann beide Hände auf dem steilen Horn des McClellan-Sattels verschränkt.
Minutenlang vergaß Chad den Desperado, der ihn in Schach hielt.
»Santana!«, flüsterte er grimmig. »Lässt du also endlich deine Maske fallen? Du arbeitest mit Amarillo Hand in Hand?«
»Irrtum, lieber Harbin! Mit der ganzen Sache habe ich nichts zu tun. Bin nur Zaungast.« Er zuckte leicht die Achseln. »Wenn alles vorbei ist, kannst du mir nichts anhaben, Sheriff. Ich werde nur unten in Arizona und New Mexico steckbrieflich gesucht. Wenn es dir auch im Magen liegt, hier in Colorado bin ich so unbescholten wie jeder andere Bürger. Deine Sache, wenn du nicht glauben willst, dass ich ein neues Leben begonnen habe.« Er lachte spöttisch, tippte an die Krempe seines Stetsons, wendete den Rapphengst und ritt gelassen in die schattige Seitengasse zurück.
»Er hält sich ’raus, ein kluger Hombre!«, grinste der Stoppelbärtige. »Solltest seinem Beispiel folgen, Sheriff! Wirf jetzt endlich deine Knarre weg, sonst fällst du tot um!« Er machte einen drohenden Schritt auf Chad zu.
Aus den Augenwinkeln bemerkte Chad, wie sich die Storetür bewegte. Im dämmrigen Spalt wurde ein helles Sommerkleid sichtbar. Mary-Lou! dröhnte es in seinem Kopf. Es blieb keine Zeit mehr zum Überlegen. Er ließ die Winchester sinken. »Hast gewonnen!«, murmelte er dumpf. Dann schleuderte er die Waffe von sich, gab ihr dabei geschickt eine leichte Drehung, und schon zerklirrte das Fenster neben der Officetür unter dem Anprall des Gewehrs.
Instinktiv ruckte der Kopf des Banditen herum. Die Coltmündung geriet aus der Richtung. Chad Harbin ließ sich nach vorn fallen. Der Stoppelbärtige schrie vor Wut. Sein Colt dröhnte. Die Mündungsflamme strich über Chads Rücken weg. Der Sheriff schlang seine Arme um die Beine des Verbrechers und riss mit aller Kraft. Der Mann stürzte auf ihn. Wieder entlud sich der Colt. Chad rollte sich unter dem Desperado hervor und riss seinen eigenen Revolver aus dem Holster. Der Stoppelbärtige wälzte sich auf die Seite und richtete aus nur zwei Armlängen Entfernung die Waffe auf ihn. Chads Stiefel zuckte hoch und erwischte den Kerl genau am Handgelenk. Der Colt wirbelte über die Veranda in den Straßenstaub. Der Bandit brüllte vor Zorn und Schmerzen. Von den Brettern aus schnellte er sich mit krallenartig vorgereckten Händen auf Chad zu … und geriet genau in Chads hochschwingenden Revolverlauf. Wie ein schlaffes Bündel fiel der Verbrecher zurück.
Chad sprang hoch. Die Storetür stand jetzt ganz offen. Hank Jones und seine junge Tochter verharrten wie gebannt auf der Schwelle.
»Zurück ins Haus!«, schrie ihnen Chad zu.
Den rauchenden Revolver in der Faust, stürmte der Sheriff die Verandastufen hinab. Und da kam bereits Amarillo mit seinem wilden Rudel aus der Greenhill-Bank gestürzt …
Sie waren zu viert. Kräftige, sehnige Männer mit kantigen Gesichtern, die von einem wilden, verwegenen Leben gezeichnet waren. Jeder hielt einen Revolver in der Faust. Zwei Banditen schleppten prall gefüllte Leinensäcke auf den Schultern. Chad kannte den berüchtigten Bandenboss Amarillo vom Steckbrief her. Er war ein großer hagerer Bursche mit tiefliegenden, fanatisch glühenden Augen. Sein Gesicht war von vielen dunklen Linien zerfurcht, die ihn älter erscheinen ließen, als er tatsächlich war.
Er gab einen knappen Befehl, und sofort begannen die vier Banditencolts zu krachen. Die beiden Burschen mit den Geldsäcken rannten zu den Pferden. Amarillo und ein rothaariger Kerl sprangen vom Gehsteig und versuchten den Sheriff mit ihren schnellen Kugeln zu erwischen. Die Detonationen hallten ohrenbetäubend zwischen den Häuserfronten. Pulverdampf wehte in dichten Schwaden.
Chad ließ sich auf die Knie fallen. Kugeln umjaulten ihn, fetzten Holzspäne von der Veranda und ließen den Sand neben ihm aufspritzen. Ein Pferd riss sich vom Haltebalken los, geriet genau in den Kugelhagel der Verbrecher, bäumte sich durchdringend wiehernd auf und brach schließlich zuerst nach vorn ein, ehe es auf die Seite kippte und sich nicht mehr regte.
Das verschaffte Chad ein paar kostbare Sekunden. Er dachte nicht an Rückzug. Da drüben lag ein toter Bankangestellter im Sonnenlicht, und dort drüben stand mit feuerspeiendem Revolver der Bandit, der viele Menschenleben auf dem Gewissen hatte. Durch die Schleier aus Pulverrauch und Staub hetzte Chad vorwärts.
»Chad!«, hörte er Mary-Lou Jones angstvolle Stimme durch den wüsten Lärm dringen. Dann kauerte er schon mitten auf der Straße hinter dem zusammengebrochenen Pferd und jagte einen Schuss über den leeren Sattel weg. Amarillo verlor plötzlich das Gleichgewicht, stolperte gegen die Steinwand des Bankgebäudes zurück und rutschte an ihr langsam abwärts.
Den Rothaarigen traf Chad mit dem nächsten Schuss in die Schulter. Der Mann wurde herumgewirbelt und fiel aufs Gesicht in den Straßenstaub. Die beiden Kerle mit den Geldsäcken waren bei den Gäulen angelangt.
Vom Lucky Cowboy Saloon kam Deputy Sheriff Drover mit gezogenem Revolver herangestürmt. Aus der Schmiede polterten zwei, drei schreiende waffenschwingende Männer. Andere Gestalten tauchten auf überdachten schattigen Veranden auf.
Die vor einigen Minuten noch totenstille Stadt Greenhill hatte sich in einen einzigen Hexenkessel verwandelt.
»Halt!«, brüllte Chad den Banditen zu. »Ergebt euch!«
Amarillos Leute fluchten vor Wut, Enttäuschung und Verzweiflung. Der eine löste die Pferdeleinen vom Haltegeländer, der andere schoss wie verrückt zwischen den erschreckt keilenden, sich aufbäumenden Tieren heraus.
Deputy Sheriff Drovers Colt donnerte, die Gewehre und Revolver der anderen Greenhill-Bürger fielen mit ein. Von allen Seiten kamen sie jetzt auf die Bank zugerannt. Das tollkühne Eingreifen ihres Sheriffs und dessen ausschlaggebender Erfolg hatten ihr Zögern und ihre Bedenken weggefegt.
Zwei Banditengäule brachen im Kugelregen zusammen. Der eine Bandit musste, um sich vor den wirbelnden Hufen zu retten, auf die Straße springen. Er wurde von mehreren Geschossen gleichzeitig getroffen und förmlich niedergeschmettert. Der Leinensack öffnete sich. Geldscheinbündel rutschten heraus. Der andere Desperado schaffte es, in den Sattel zu kommen. Er hielt den Geldsack mit der Coltfaust vor die Brust gepresst, mit der anderen Hand lenkte er das Pferd herum.
Chad war hinter dem toten Pferd hochgekommen. Drover schrie den Bürgern zu, das Schießen einzustellen, um den Sheriff nicht zu gefährden. Chad fiel dem Banditenpferd in die Zügel. Das Tier scheute zurück und knickte in die Hanken.
»Gib auf, Bandit!«, keuchte Chad dem Reiter zu.
Der Mann schrie schrille unzusammenhängende Worte und stieß wie rasend mit dem Stiefel nach Chad. Er ließ den Geldsack noch immer nicht los und konnte deshalb den Revolver nicht in Anschlag bringen. Chad packte seinen Fuß und wollte ihn aus dem Sattel zerren. Da wurde ein Gewehrlauf durch ein Bankfenster gestoßen. Der Schuss vermischte sich mit dem Klirren des Glases. Die Kugel traf den Bankräuber von hinten in den Kopf und schleuderte ihn an Chad Harbin vorbei in den wallenden Staub.
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