Roberts Haus war flach, windschief und nach drei Seiten mit Holz provisorisch ausgebaut. Raum an Raum, verwinkelt und muffig. Im hinteren Bereich befand sich eine Art Großküche. Robert war bekannt für seinen Brataal und seine Frikadellen, die er an Imbissbuden lieferte, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Ein „Lebemann“, wie sein Vater ihn nannte, ein „Windhund“, wie die Mutter es ausdrückte. Robert war eine außergewöhnliche Erscheinung und faszinierte den kleinen Müller allein schon optisch.
Das dunkle und im Nacken über den Kragen fallende Haar kämmte dieser sehr große und spindeldürre Mann ölig straff nach hinten und seine imposanten Koteletten wuchsen wie bei Noddy Holder unterm Kinn beinahe zusammen. Robert trug stets den gleichen Anzug; schmal geschnittenes auffälliges Glencheck-Muster, die Hose mit Schlag, spitze braune Halbschuhe. Dazu die passende Weste und ausnahmslos pastellige Hemden mit gleichfarbiger Krawatte. Das taillierte Jackett zog er nur aus, wenn er zum Kochen und Backen eine Schürze umband. Dabei bewegte er sich so selbstverständlich in dieser Aufmachung, dass der kleine Müller glaubte, einem Rockstar zu begegnen. Zumindest lag die Vermutung für den kleinen Jungen recht nahe, da Robert ein großer Johnny Cash-Fan war und ausschließlich Schallplatten des ihm erstaunlich ähnlich sehenden Sängers auf den Teller seines Lenco-Plattenspielers legte. Mit tatterigen Händen ließ er die Nadel dabei unsanft auf die erste Rille plumpsen, manchmal rutschte sie dabei direkt in den ersten Song und verursachte ein unangenehmes Kratzen.
„ When I was just a baby, my mama told me: Son,
always be a good boy, don't ever play with guns.
But I shot a man in Reno, just to watch him die.
When I hear the whistle blowin', I hang my head and cry.“
Von der Küche aus kam man in einen großen ehemaligen Bootsschuppen an dessen Rückwand mehrere durchlöcherte Zielscheiben und Blechschilder hingen. Robert und Müllers Vater machten sich gelegentlich einen Spaß daraus, mit Kleinkalibergewehren oder Revolvern auf die Scheiben zu schießen, während sie dabei Reval rauchten, Cola-Rum tranken und die ofenwarmen Frikadellen mit Senf aßen.
Der kleine Müller musste währenddessen warten. Vom Wohnzimmer aus hörte er gedämpft die Schüsse, vor sich ein Glas Milch, einen Teller mit Frikadellen und Ketchup. Um ihn herum hantierte Susi, Roberts Freundin, denn auch sie durfte nicht mit dabei sein. Susi schielte höllisch, trug keine Brille, dafür reichlich Lidstrich, Wimperntusche, Lippenstift und eine Art Negligé, welches bei ihm unangenehme Gefühle auslöste.
Vor allem, wenn sie sich ihm gegenüber in einen Sessel setzte, die Beine übereinanderschlug und mit ihren rot lackierten Fingernägeln eine orientalische Zigarette aus der exotischen Schachtel zog. Susi hantierte dabei fürchterlich umständlich mit einem Tischfeuerzeug, bis der Tabak endlich glühte, zog lang und tief, blies den Rauch genau in seine Richtung, hielt den Raucherarm seltsam angewinkelt nach hinten und legte die Zigarette nach einem zweiten Zug in den Aschenbecher, wo sie dann langsam verqualmte. Würde an dem Filter nicht so dermaßen viel Lippenstift kleben, Müller hätte glatt mal versucht, daran zu ziehen. Denn diese aufreizende Art war für den kleinen Jungen verwirrend und peinlich zugleich, obwohl er ahnte, dass sie all das nicht für ihn machte.
Dafür liefen diese Nachmittage zu sehr nach dem gleichen Muster ab. Erst saßen alle zusammen im Wohnzimmer, dann verschwanden Müllers Vater und Robert, es knallte eine gute Stunde im Schuppen, dann kehrte Robert zurück ins Wohnzimmer, um mit Müller die Zeit totzuschlagen während Susi für die nächste halbe Stunde verschwand. Danach tauchte dann auch sein Vater wieder auf, packte schweigend ein paar Frikadellen ein, überreichte Robert noch einige Geldscheine, vermutlich für die sehr teuren Frikadellen und beide Müllers verschwanden wieder.
Warum dauerte es nur dieses Mal so lange? Ihm wurde langsam schlecht von der Hitze, die Sonne brannte auf das matte monzablau, der Taunus heizte sich mehr und mehr auf, die schwarze Nadel berührte den roten Bereich. „Meine Güte“, dachte Müller, „fast 50 Grad. Rekord!“.
Er schaute durch die Frontscheibe auf die wabernden Hitzewellen über dem Asphalt und entdeckte einen kleinen Lastwagen auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Ein junger Mann hantierte am linken Hinterrad, versuchte nach einem Reifenwechsel die Radmuttern festzuschrauben. Als ihm sein Werkzeug wiederholt aus der Hand rutschte, brach er die Arbeit unvollendet ab und entfernte sich kopfschüttelnd. Müller fiel noch die ebenso schlampig angebrachte Beschriftung an der Seite des schmuddelig grauen Kastens auf; konnte aber mit „Ottos 1a deutsch“ nicht viel anfangen und schnappte sich vor lauter Langeweile den Vierfarbkugelschreiber seines Vaters aus dem Mittelfach. Lieblingsstück und eigentlich tabu für seine Kinderhände. Die filigrane Technik im Inneren des Stifts war ihm ein Rätsel. Er schob den blauen Knopf herunter und hätte zu gern nachgeschaut, wie die Minen gelagert sind, wie der Mechanismus funktioniert und warum sein Vater ständig fluchte, wenn die innen gelagerten Minenschächte hakelten. Das taten sie häufig; und trotzdem behielt er den Stift. Während Müller darüber nachdachte, hatte er bereits unwillkürlich am oberen Ende die Kappe abgeschraubt. Zwei Federn sprangen ihm entgegen, flutschten durch die Finger, landeten im Nirgendwo zwischen Autositz und Mittelkonsole. Als ob das Unglück noch nicht groß genug war, rutschten zudem die drei anderen Minen heraus und purzelten auf seinen Schoß. Müller sammelte sie klopfenden Herzens ein, stopfte sie in den Schacht und verschraubte das obere Ende.
Er testete den Mechanismus. Nichts. Es hakelte. Also alles wie zuvor. Dann legte er schuldbewusst den Stift zu den Cassetten in die Mittelkonsole und verdrängte das Geschehene. Für viele Jahre.
Der Parkplatz lag nun im gleißenden Licht der Sonne, die ein gutes Stück weitergewandert war. Selbst dem großen Mietshaus schien der Schatten abhandengekommen zu sein. Wie weggebrannt. Keine Menschenseele zu sehen, es gab keine Bewegung, nur Stillstand.
Hitzekoller.
Er begann innerlich zu kochen, schwitzte in seinen Nicki-Pullover, sein Hirn wurde weich, der Mund trocken. Er vernahm fremde Geräusche, ein Pfeifen, ganz hoch, dann ein Brummen, ganz tief, untermalt von einer Melodie, begleitet von einem Zirpen, einem Zwitschern...
„ Every sha-la-la-la
Every wo-o-wo-o, still shines“
Müller musste an das Mädchen denken.
„ Every shing-a-ling-a-ling
That they´re startin to sing´s so fine…“
Ihr Gesicht tauchte auf, wurde größer. Sie blutete aus der Nase, schaute ihn traurig an und löste sich auf, wandelte sich zu einem weit entfernten weißen Punkt, wie am Ende eines dunklen Korridors.
Dann kippte nach vorne, mit der linken Wange auf das Armaturenbrett.
Ein Vorhang zog sich vor die Augen.
Dunkelheit.
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