"Das ist nicht zum Lachen..." begann sie - nur, um sich gleich darauf klar zu werden, dass es eben DOCH zum Lachen war. Sie prustete ebenfalls, als Roter Speer schon lachte. "Du Depp", stieß sie heraus, aber ihre Stimme strafte das Gesagte Lügen. Dann lachte die junge Kriegerin auch. Sie lachte, bis ihr die Tränen kamen, was sie in ihrem Leben bislang nur ein- oder zweimal hatte erleben dürfen. Roter Speer hörte ihr Lachen, und er sah ihre gelösten Gesichtszüge, die keinerlei des aufgesetzten, heiligen Ernstes oder der Feindseligkeit ihm gegenüber mehr in sich trugen. Dies war einfach eine junge Frau, die fröhlich, ohne groß nachzudenken, herzlich lachte. Und sie ist...wunderschön, wenn sie lacht, bemerkte Roter Speer mit Staunen. Zum ersten Mal erhaschte er einen Blick durch den Eisenpanzer, den das Mädchen wohl über die Jahre um sich aufgebaut haben musste. Als sie es merkte, hörte sie auf, Verlegenheit zeigte sich auf ihrem Gesicht. Roter Speer schlug jedoch schnell in die Bresche. "Maddy...was bedeutet dieser Name?", fragte er lächelnd. Die junge Frau sah ihn groß an. "Nichts...oh, doch, es ist die Kurzform für Mad Cat. So werde...wurde ich genannt. Im Orden." Roter Speer hob eine Augenbraue. "Eine Verrückte Katze...hm, das passt auf dich." Sie grinste noch verlegener ob des Kompliments. "Was sollte ich gemeinsam haben mit einer Katze?" Der Krieger legte den Kopf schräg. "Du bist schnell im Kampf...sonst hättest du kein Rudel Ödlandwölfe getötet...alleine. Du bist tödlich mit deiner Waffe, wie eine Katze - Klauen und Zähne. Und du bist anmutig und schön wie eine dieser Jägerinnen. Eigentlich eher wie ein Schattenpuma." Jetzt glotzte sie ihn sprachlos an. Zuerst wollte sie ihm sagen, dass er ziemlichen Mist von sich gab, doch das bekam sie nicht heraus. Wie gebannt war sie von seinen dunklen Augen, die so schalkhaft, so offen Heiterkeit auszudrücken vermochte, wie sie es einem...Barbaren...nie zugetraut hätte. Ihre festgefügte Meinung, durch die lange Lehre im Orden der Flamme zementiert, bekam einige heftige Risse.
"Denkst du, du bist schon stark genug, es alleine zu schaffen?", fragte er unvermittelt. Gleichzeitig wurde ihm die Scheinheiligkeit dieser Frage bewusst. Maddy war alleine, zu Fuß, hatte nichts zu essen, nur ein Schwert und offenbar nicht einmal ein konkretes Ziel inmitten der Ödlande. Das Mädchen war im Grunde schon tot, es war sich dessen nur noch nicht bewusst. Dass sie sich zusätzlich fernab der Karawanenwege befand, komplettierte diese Tatsache. Ohne mit der Wimper zu zucken, log sie - denn so dumm war sie nicht, an eine Chance zu glauben. "Klar. Ich marschiere immer nach Osten, da müssten in zwei, drei Tagen die ersten Farmen zu finden sein, dann Dörfer und Städte." Die ich meiden muss, immerhin wird der Fürst ein Kopfgeld auf mich ausgesetzt haben, dachte sie, sagte es aber nicht. "Warum bist du eigentlich so weit im Nordosten? Ich weiß, dass die Stämme hauptsächlich im Südwesten, also auf den weiteren Gebieten vor den Weißen Gipfeln leben. Goethe, einer unserer Lehrer sagte mir mal, diese Berge hießen früher die Appalachen. Du hast also die Gebiete der Grenz-Kriegsherren durchquert", wechselte sie rasch das Thema. Roter Speer hob die Schultern. "Abenteuerlust. Klingt komisch, aber viele Krieger aus den Stämmen drängt es, die Eisenmenschen zu besuchen - nicht wegen ihrer Kirche oder den Fürsten oder den großen Steinbauten, nein. Aber ihr fertigt gute Waffen, außerdem sind Stammesleute als Scouts für Karawanen begehrte Söldner, da kein Raider oder andere Gefahren unbemerkt an einem Stammeskrieger vorbeikommen. Viele von unseren älteren Kriegern sind schon mit vielen Metallwaffen, mit allerlei nützlichen Dingen aus Eisen und auch mit vielen Rindern und Schafen zurückgekehrt, die sie für ihren Dienst bei Handelsherren bekommen haben." Maddy verzog das Gesicht. "Ich habe davon gehört, aber...im Orden sagte man mir, dass es verboten sei, Stammesleuten Eisenwaffen zu verkaufen."
Da lachte Roter Speer wieder. "Ja, das ist es, aber kaum ein Händler außerhalb der großen Städte hält sich daran. Dein Schwert zum Beispiel ist eine solche Waffe, die ich mir kaufen wollte..." Maddys Blick fiel auf ihre Waffe, die der Tribal neben sich liegen hatte. "Ah, gut, dass du davon anfängst...könntest du es mir wiedergeben...mein Schwert, meine ich?", fragte sie vorsichtig. Roter Speer blickte sie daraufhin schweigend an. Fast erwartete sie, er würde sie jetzt auslachen und die gute Klinge einfach behalten - sie hielt es für weit wahrscheinlicher als das, was dann folgte. "Hast du Ehre genug, mich nicht damit töten zu wollen, weil ich dir geholfen habe?", fragte er sehr direkt. Fast erstaunt erwiderte sie seinen Blick. Ihr war gar nicht mehr in den Sinn gekommen, ihn anzugreifen - auch dann nicht, wenn sie ihr Schwert wieder zurückbekommen hätte. Dafür hatte man ihr das Konzept "Dankbarkeit" zu gut beigebracht. "Ich schulde dir mein Leben", sagte sie, wunderte sich ein wenig, dass sie diese für sie eigentlich schmachvolle Tatsache aussprach. "Ich verspreche dir...beim Ewigen Feuer, dass ich dir nichts tun werde, wenn du mir das Schwert zurückgibst", erwiderte sie ernsthaft. Roter Speer zögerte nur kurz, dann warf er ihr die Waffe, die noch in der Lederscheide steckte, zu. Maddy fing ihre Waffe geschickt auf. Der Tribal zögerte mit etwas, und sie erkannte, dass er noch etwas in der Hand hielt. "Dies hier hast DU dir verdient, ehrlich und im offenen Kampf. Ich habe kein Recht darauf, muss aber zugeben, dass ich überlegte, sie zu behalten." Ehe sie selbst hinter den Sinn dieser rätselhaften Worte gekommen war, warf er ihr den Inhalt seiner Rechten zu. Es waren gut gesäuberte Klauen und Reißzähne der Ödland-Wölfe, mit Löchern versehen und auf einer ledernen Schnur aufgezogen. Maddy fehlten die Worte, was Roter Speer zuerst als Zeichen von Ablehnung verstand. Vielleicht hielt die Ordenskriegerin es für einen heidnischen Brauch oder so. "Bei den Stämmen tragen wir Zeichen oder Symbole eines großen Kampfes, der uns dem Weg zu den Himmelswiesen nahebrachte, immer bei uns. Es sagt anderen Kriegern, was wir geleistet haben - oder auch, was wir leisten durften." Verdutzt, aber nun erfreut nahm Maddy die Kette entgegen. "Wann...hast du das...?" "Zwischen den barbarischen Überlegungen, ob ich dich am Spieß brate und den Stunden, in denen ich bösartiger Wilder dich nackt angeglotzt habe, während du bewusstlos warst", erklärte er, ohne mit der Wimper zu zucken. Maddy stand der Mund offen, aber dann, erstaunlich schnell, lachte sie. Sie glaubte ihm kein Wort, dabei hätte sie noch von zwei Tagen einem Tribal weit, sehr weit schlimmere Dinge zugetraut.
Roter Speer war indessen zu einer Entscheidung gelangt, die ihm nicht sehr leichtfiel. Tatsache war: Ließ er Maddy alleine, würde sie - Ausbildung und Kämpfernatur hin oder her, mit Sicherheit sterben. Dass sie ihn nicht weiter um Hilfe bat, mochte an ihrem Stolz oder an ihrer Unwissenheit liegen, vielleicht auch an beidem. Aber das spielte nun keine Rolle mehr, denn nun hatte Roter Speer seine Wahl getroffen. Als er seine Sachen auf seinen Ecar gepackt hatte und aufgestiegen war, hob die junge Kriegerin die Hand zum Gruß. "Danke für alles...ich werde die Kette in Ehren tragen", sagte sie ernst, nachdem sie sie vor seinen Augen angelegt hatte. Ein leises Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, doch bevor sie die Abschiedsworte beenden konnte, streckte er ihr die Hand hin. "Reite ein Stück mit mir. Zu Fuß ist man recht langsam hier draußen." Sie zögerte, was er mit einem Grinsen abtat. "Naja, musst' natürlich ein wenig entgegenkommend sein, wenn ich es warm haben will heute Abend..." Das brachte sie spontan ebenfalls zum Grinsen. Seltsam, wie schnell sie ein gewisses Vertrauen zu diesem Stammeskrieger gefasst hatte, fand sie - doch ihr Instinkt sagte ihr, dass es nichts Schlechtes sei. Scheinbar gleichmütig hob sie die Schultern. "Beim Orden habe ich geholfen, Ecars zu kastrieren. Ich war ECHT gut darin. Hey, ich habe das so oft gemacht, dass ich nur ein männliches Geschlecht sehen muss, und mein Schwertarm zuckt..." Mit einem aufgesetzt schmerzhaften Verziehen seines Gesichts hob Roter Speer die Hand. "Äh, ja, ist gut. Drohung ist angekommen, verrückte Katze. Also kein Bettwärmer heute." Er musste selbst lachen, als sie grinsend seine Hand ergriff und sich hinter ihm in den Sattel schwang. Was er leider nicht bedacht hatte, war der Umstand, dass Maddy sich an ihm festhalten musste, da sie nicht richtig im Sattel sitzen konnte. Dass ihre Hände dabei warm und fest seine Hüfte umschlangen, machte den Ritt zu einer Qual, denn er spürte, wie er unter dem wenigen Stoff des Lendenschurzes steif wurde. "Sitzt...du sicher?", fragte er, gab seiner Stimme mit aller Mühe einen festen Klang. Er spürte durch Maddys Kleidung ihren straffen, jungen Leib, dessen vordere beide Rundungen sich an seinen Rücken drückten, wenn auch nur ansatzweise. Gut gemacht, Roter Speer, beglückwünschte er sich. Das würde ein langer, trockener Ritt werden. Und ein langer, sehr langer Tag.
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