Die Einordnung der Borderline-Erkrankung ist oftmals schwierig, da sie meist mit Begleit-erkrankungen einher geht. Unter Umständen treten Depressionen, Essstörungen wie beispielsweise Magersucht und ADHS auf.
Auch wenn es einige Anzeichen für Borderline gibt, so sind die Symptome sehr vielfältig und zeigen sich häufig bereits bei Jugendlichen. Betroffenen fällt die Einordnung ihrer Gefühle so schwer, dass sie häufig gar nicht merken, wenn sie traurig oder verärgert sind.
Aus Gesprächen mit den Therapeuten ist mir auch bekannt, dass das limbische System und Teile des Gehirns im Stirnbereich im Zusammenhang mit Borderline untersucht wurden. In diesem Bereich werden beispielsweise die Gefühle und Gedanken verarbeitet, die wiederum mit dem Verarbeitungsprozess von Bewegung und Motivatoren zu tun haben. Dabei wurde festgestellt, dass bei Borderline-Patienten bestimmte Bereiche im Gehirn weniger stark ausgeprägt sind. Diese veränderten Hirnstrukturen können Folge von traumatischen Ereignissen und chronischem Stress sein, so wird vermutet. Die Amygdala (sie ist ein paariges Kerngebiet des Gehirns im medialen Teil des jeweiligen Temporallappens und des limbischen Systems) ist beteiligt an der Entstehung, Wiedererkennung und körperlichen Reaktion auf Angst.
Borderline-Betroffene reagieren bereits auf schwache Reize mit einer körperlichen Aktivierung, was eine Folge daraus ist, dass sie negative Reize oder Umweltereignisse, die eine emotionale Komponente haben, schneller als relevant bewerten.
Das wiederum hat zur Folge, dass wir verletzlicher und anfälliger für Stress sind. Oftmals erscheinen unsere Reaktionen unserem Umfeld als unangemessen. Und im Gegensatz zu gesunden Menschen, geraten wir schneller in Hochspannungszustände, die bei uns auch erheblich langsamer abklingen.
Häufiger Auslöser der Borderline-Störung ist emotionale Vernachlässigung bereits im frühen Erwachsenenalter. Ca. 3 % der Erwachsenen sind betroffen und so komplex wie die Symptome sind auch ihre Ursachen und von rund 40 bis 70 % der Betroffenen wird von fehlender emotionaler Zuwendung in der Kindheit und mangelnde Anerkennung durch wichtige Bezugspersonen berichtet. Leider auch von Misshandlung und sexuellem Missbrauch.
Da nicht jeder Borderline-Patient unter den gleichen Symptomen und Verhaltensmustern leidet, ist eine Diagnose nicht einfach zu stellen und so steht Fachärzten ein international standardisierter Diagnoseschlüssel zur Verfügung, um andere psychische Erkrankungen auszuschließen oder als Begleiterkrankung identifizieren zu können.
Die Behandlung eines Borderliners gehört unbedingt in die erfahrenen Hände eines Psychotherapeuten oder Facharztes für Psychiatrie und Psychotherapie, da die Borderline-Persönlichkeitsstörung wegen des selbstgefährdenden Verhaltens eine ernstzunehmende und schwerwiegende Erkrankung darstellt.
Der ICD-Code (die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) lautet:
F60.3
Emotional instabile Persönlichkeitsstörung
Eine Persönlichkeitsstörung mit deutlicher Tendenz, Impulse ohne Berücksichtigung von Konsequenzen auszuagieren, verbunden mit unvorhersehbarer und launenhafter Stimmung. Es besteht eine Neigung zu emotionalen Ausbrüchen und eine Unfähigkeit, impulshaftes Verhalten zu kontrollieren. Ferner besteht eine Tendenz zu streitsüchtigem Verhalten und zu Konflikten mit anderen, insbesondere wenn impulsive Handlungen durchkreuzt oder behindert werden. Zwei Erscheinungsformen können unterschieden werden: Ein impulsiver Typus, vorwiegend gekennzeichnet durch emotionale Instabilität und mangelnde Impulskontrolle; und ein Borderline-Typus, zusätzlich gekennzeichnet durch Störungen des Selbstbildes, der Ziele und der inneren Präferenzen, durch ein chronisches Gefühl von Leere, durch intensive, aber unbeständige Beziehungen und eine Neigung zu selbstdestruktivem Verhalten mit parasuizidalen Handlungen und Suizidversuchen.
Doch die gute Nachricht: Es gibt bewährte Therapiekonzepte und in einem der folgenden Kapitel werde ich auf meine eigene Therapiezeit, meine Erfahrungen damit und was ich aus dieser Zeit für mich Positives gelernt habe, berichten. Auch ist es mir ein sehr wichtiges Anliegen mitzuteilen, dass ich in dieser Therapiezeit, die parallel aus einer Einzeltherapie und einer Gruppentherapie bestand, sehr viel über die Störung/Erkrankung, ihre Auswirkung auf mich und die Möglichkeiten gelernt habe, gegen sie anzugehen und ein Leben mit ihr durch die Anwendung von erlernten Skills zu führen, das wirklich lebenswert ist.
Die Sehnsucht nach dem Tod und der Gedanke, dass durch den eigenen Tod alles besser wird? Ist mir bekannt. Ich habe mein Leben oft als nicht erträglich angesehen und der Tod erschien mir in meiner Welt die einzige Lösung zu sein. Allein der Gedanke daran entspannte mich und das Beschäftigen mit den Gedanken über die Art und Weise stimmte mich ruhig. In diesen Momenten konzentrierte ich mich völlig auf mich. So merkwürdig das auch klingt, aber in Gesprächen mit anderen Borderlinern wurden mir diese Gedankengänge oftmals als durchaus bekannt bestätigt.
Wichtig ist wirklich nur, dass man sich Hilfe bei speziell ausgebildeten Fachleuten holt. Nichts gegen Hausärzte oder Neurologen: aber ich weiß aus eigener Erfahrung, dass die mit 'uns' nichts anfangen können und wir sie schlichtweg überfordern. Dem Zusammenwirken mehrerer, sehr lieber Menschen ist es zu verdanken, dass ich 'entdeckt' wurde, worauf ich im weiteren Verlauf noch eingehen möchte. Einem ganz besonderen Menschen bin ich besonders dankbar. Durch sie hat sich mein Leben völlig verändert. Aus diesem Grund möchte ich ihr auch
Danke, liebe Sophie
sagen und nach Fertigstellung und Veröffentlichung dieses Buches wird es mir eine große Ehre sein, ihr ein Exemplar zukommen zu lassen. Ich wünschte, dass jeder psychisch kranke Mensch jemanden hat, der ihn an die Hand nimmt und die richtigen Schritte einzuleiten weiß. Da ist, wenn man selbst nicht mehr weiterkann, sich nicht traut oder überfordert ist. Vieles ist schnell dahin gesprochen:
Stell dich nicht so an
Hab dich nicht so
Das bildest du dir nur ein
Was du immer hast
Mach dich nicht wichtiger, als du bist …
Wie oft ich diese Sätze wohl schon gehört habe. Heute weiß ich: zu oft!
Doch was können Angehörige tun?
Nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für Partner, Familie und Freunde ist das Leben mit einem Menschen mit Borderline-Persönlichkeitssyndrom eine große Herausforderung. So haben meine Stimmungsschwankungen häufig für Unverständnis und Belastung der zwischenmenschlichen Beziehung gesorgt. Schon der Gedanke daran, wie es meinen Kindern im Umgang und Zusammenleben mit mir gegangen sein muss, ist für mich sehr hart und ich schäme mich auch dafür, dass sie mir und meinen Verhaltensauffälligkeiten so lange ausgeliefert waren. Nicht, dass ich ihnen körperlich etwas angetan hätte, um Gottes willen. Ich liebe meine Kinder sehr und wollte ihnen auch niemals etwas Böses, aber ich konnte sie vor den psychischen Belastungen durch mich nicht schützen. Leider war auch niemand aus meinem Umfeld für sie da. Erst als Sophie in mein Leben trat, wurde es auch für meine Kinder erträglicher, denn ihr Vater war nicht in der Lage, mit meinem psychischen Problem umzugehen oder sich Hilfe zu holen. Von ihm stammen die zuvor aufgeführten Sätze und erst als ich meine Frührente bezog, war diese Erkrankung für ihn relevant. Aber auch dazu später mehr.
Und gerade deshalb ist es wichtig, sich als Angehöriger und Partner zuallererst gut über die Erkrankung zu informieren. Dies ist eine wesentliche Grundlage, damit 'Gesunde' ein besseres Verständnis für Borderline-Patienten entwickeln können. Auch können Unsicherheiten im Umgang mit 'uns' aus dem Weg geräumt werden und sie werden lernen, das schwierige Verhalten der Erkrankten nicht persönlich zu nehmen, denn die Ursache ist die Erkrankung, nicht der Mensch. Den Borderliner bei seinem Weg durch die Therapie zu begleiten und ihn zu unterstützen, erfordert viel Kraft und daher sollten Angehörige oder Partner immer auch ihr eigenes Wohl im Blick behalten.
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