Sehr häufig traten in die Blauaugen der jungen Mutter Tränen, wenn Frau Wagner erklärte, Bärbel solle doch endlich vernünftig sein und sich nicht von vornherein selbst nervös machen.
»Ich bin keine schlechte Mutter gewesen, Bärbel, ihr seid alle gesund geblieben; du hattest doch stets Vertrauen zu mir, behalte es auch weiterhin.«
Dann schluckte Goldköpfchen die Tränen hinunter, nickte mit dem Kopf und meinte kleinlaut:
»Aber einen einzigen Augenblick könnte man nach ihm sehen.«
Als Großmama Lindberg wieder einmal nach Heidenau gekommen war, um sich nach dem Befinden von Mutter und Kind zu erkundigen, versuchte Bärbel mit der alten Dame ein Komplott zu schmieden.
»Es ist gewiß richtig, Großmama, was die Mutti sagt, aber das mag bei kräftigen und robusten Kindern zur Anwendung kommen. Hermann ist doch aber ein schwaches Kindchen, das jeder Infektion ausgesetzt ist. Möchtest du nicht einmal mit Mutti reden?«
Die Großmutter lachte Bärbel aus. Das schmächtige Kind hatte bei der Geburt neun volle Pfund gewogen, und der Arzt, der es sich später angesehen hatte, behauptete, daß er selten einen so kräftigen Jungen gesehen habe.
Da auch die Großmutter Bärbel nicht beistand, hoffte sie auf die Hilfe des Gatten.
Eines Tages vertraute sie ihm ihren Kummer an.
»Sieh 'mal, Häschen, so ein erstes Kind muß immer ganz besonders sorgfältig behandelt werden, – das siehst du doch ein. Habe ich es unter Augen, dann ist ja alles gut; aber ich leide Höllenqualen, wenn ich es nicht sehe. Es könnte sich aufrichten, aus dem Bettchen fallen, sich mit den Fäusten die Augen ausstoßen, es könnte sich den Bettzipfel tief in den Schlund stopfen und daran ersticken. Es könnte –«
Lachend schlang Harald seine Arme um die Ängstliche. »Aufrichten kann es sich noch nicht, und geschehen wird ihm auch nichts, kleine ängstliche Mutter; deine Mama sorgt schon, daß alles seine Ordnung hat. Du kannst ihr ruhig in allem folgen, mein Goldköpfchen.«
»Und wenn ihm etwas zustößt, ist es zu spät!«
»Aber, Bärbel, was soll dem Kleinen denn zustoßen? Du mußt doch nicht überängstlich sein. Schau, es ist ganz verkehrt, wenn man jede Sekunde dem Kleinen opfert. Du darfst über dem Buben deine anderen Pflichten nicht vergessen.«
»Das ist jetzt alles anders geworden. Harald, unser Romeo ist nun einmal der Pol, um den sich alles dreht. So wird es von nun an bleiben.«
»Das wäre mir eine nette Wirtschaft, wenn sich alles um das Baby drehen wollte. Noch dazu um einen Romeo. – Wer ist denn das?«
Bärbel machte ein verlegenes Gesicht. »Ich muß dir ein Geständnis machen, Harald, aber du darfst nicht lachen. Ich habe mir so lange überlegt, wie ich den Jungen nennen soll. An den Namen Romeo aber habe ich gar nicht gedacht. Ro–me–o. Höre doch nur, wie das klingt, dreistimmig, – feierlich, – da habe ich mir gedacht. Romeo ist viel netter als Hermann. – Nein, Hermann klingt nicht nett Wir haben uns da vertauft. Ich denke, wir nennen ihn bei der Taufe doch noch anders. Du gehst noch einmal zum Standesbeamten und läßt den ›Hermann‹ streichen.«
»Kleines verdrehtes Frauchen! Ich bin mit meinem Hermann durchaus einverstanden Puh. Romeo, – wie würde der arme Junge später ausgelacht werden, wenn er Romeo Wendelin hieße. Finde dich nur damit ab, daß er Hermann heißt.«
Bärbel seufzte auf. »Immerfort muß ich mich mit etwas abfinden! Ach, Harald, ich habe es verteufelt schwer! Du sagst es, die Mutti sagt es, und die Großmutter hat es auch gesagt. – Ja, ist eine junge Frau denn nur dazu da, um sich mit allem abzufinden?«
»Du wirst noch vieles lernen müssen, mein liebes Bärbel.«
»Ja, – man wird alt wie ein Haus und lernt niemals aus. So wird es bis an mein Lebensende gehen. Da habt ihr Männer es doch besser. Wenn ihr fertig studiert habt, seid ihr ausgelernt, und kein Mensch wagt es, euch auch nur ein einziges Mal zu sagen: ›Damit mußt du dich abfinden.‹«
»Oho, kleines Goldköpfchen, mir hat man auch schon allerlei gesagt und sagt es auch jetzt noch. Gerade heute habe ich mich einer Anordnung des Werkmeisters gefügt.«
»Du – der Oberingenieur?«
»Ja, – ich bin doch nur ein kleines Rad in der großen Maschinerie.«
»Also kein Pol, um den sich alles dreht? Ach nein, das ist nur unser Cheruskerfürst. – Aber etwas muß ich dir noch sagen, Harald, ich denke, du wirst mich verstehen. Als ich mich verheiratete, habe ich mir gedacht, nun wird alles ganz anders werden. Das Bärbel, das sich immer fügen mußte und das immer korrigiert wurde, ist nun etwas ganz anderes geworden, selbständig, wissend, na und so weiter. Und was ist nun? Kein Mensch sieht mir an, daß ich etwas anderes geworden bin. Genau so wie damals, als ich ins Atelier zu Brausewetter ging, laufe ich auf der Straße, niemand zeigt hinter mir her, keiner sagt: ›Das ist die junge Frau aus Heidenau.‹ Eigentlich ist das eine kleine Enttäuschung für mich. Das verstehst du doch?«
»Ich kann mir schon denken, was du meinst, Goldköpfchen. Aber möchtest du denn, daß alle Menschen hinter dir herzeigen und sagen: ›Seht doch 'mal, da geht das Bärbel Wendelin.‹ – Laß gut sein, mein liebes Goldköpfchen, es genügt doch, daß wir beide durch die Eheschließung unsagbar glücklich geworden sind.«
»Ja, – und da wir nun unseren Pol haben, – ach, Harald, manchmal kann ich es gar nicht fassen, daß das liebe, süße Wesen mein alleiniges Eigentum ist. Mein – mein Kind!«
»Gehört mir denn nicht auch etwas davon, Bärbel?«
»Natürlich, Häschen, – aber mir gehört es doch noch etwas mehr.«
»Vom juristischen Standpunkt aus ist deine Behauptung unrichtig, Bärbel. Ein Kind gehört dem Vater und der Mutter zu gleichen Teilen.«
Bärbel machte ein unglückliches Gesicht. »Vom juristischen Standpunkt, – na ja, aber wir brauchen doch nicht gleich zum Gericht zu gehen.«
»Der weise Salomo hatte schon recht, als er –«
Ein Aufschrei kam aus dem Munde der jungen Mutter. »Du Rabenvater! Harald, ich flehe dich an, – Harald, was sind das für Gedanken!«
Lachend drückte er ihren Kopf an seine Schulter. »Kleines Schäfchen, wir können doch unseren Pol nicht halbieren. Behalte du deinen Jungen, ich nehme mir mein Recht schon von selbst. Die Hauptsache ist, daß er ein gesunder und tüchtiger Junge wird. Wirst mich schon noch rufen, Bärbel, wenn es nötig wird. So ein Papa versteht das Prügeln immer viel besser als eine Mama.«
Sie fiel ihm entsetzt in den Arm. »Prügeln willst du das zarte Geschöpfchen? Harald, mit Prügel erzieht man kein Kind. Soll es verängstigt in der Ecke hocken und mit entsetzten Augen den Rohrstock ansehen, der an der Wand hängt? – Harald, wenn wir uns niemals gezankt haben, – aber es würde zu einer Katastrophe kommen, wenn du einen Stock ins Haus brächtest.«
»Wie war es doch, Bärbel? – Es ist noch kein Vierteljahr her, da erzählte mir jemand, daß die Erziehung vom ersten Tage an einsetzen müsse, und daß Prügel die beste Erziehungsmethode seien. – Kannst du mir nicht sagen, wer diese Äußerung getan hat?«
»Was muß das für eine Mutter gewesen sein,« sagte Bärbel entrüstet, »irgendeine, die –« Plötzlich verstummte sie. wurde glühend rot und sagte leise: »Die das gesagt hat, wußte noch nicht, wie es ist, wenn ein Baby da ist. – Ich sagte dir ja, Harald, man lernt nie aus.«
»Na also, – da wollen wir uns heute über den Rohrstock nicht streiten, in einigen Jahren wirst du selbst gehen und dir solch einen Helfer anschaffen.«
»Niemals!« rief Bärbel feurig, »ich kenne mich, es ist eine grausame Folter, es geht auch ohne ihn. Paß auf, bei unserem Pol geht es ohne. – Sieh dir doch den Jungen 'mal genau an, solch ein liebes Kindchen. In seinen Augen steht nichts von Schlechtigkeit und Falschheit. Also noch einmal: Rohrstock ausgeschlossen! – Aber nun habe ich meine Pflichten als Mutter schon wieder schmählich vernachlässigt, Häschen, der Pol braucht mich.«
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