„Na auch egal, wirst schon nicht verhungert sein“ hatte er noch gebrummt. Nein, ich war nicht verhungert und so aussehen tat ich auch nicht. Groß, kräftig, in zu kurzer bunter Hose und hässlichem Pullover unter dem Arm stieg ich mit vollem Rucksack aus dem Bus und hielt Ausschau nach jemandem, der die Verantwortung, mich nach Hause zu bringen, übernommen hatte. Es gab mit Sicherheit jemanden, denn einem Dr. von Hochfelden und seiner reizenden, jungen Frau machte man doch gerne einen Gefallen. Auch wenn es darum ging, dieses verwöhnte Gör nach Hause zu bringen. Das nahm man gerne in Kauf für die Ehre einer Würdigung von Seiten meines Vaters. Aber darauf warteten die meisten vergeblich. Er war ja nie da. Aber vielleicht käme ihm ja zu Ohren, wie großzügig man gewesen war. Also immer schön lächeln und die Kleine nach Hause gebracht.
Diesmal war es die Bürohilfe meines Vaters, Silvia. Sie hatte bereits Feierabend und da ich auf dem Weg lag, na ja nicht so wirklich, aber für ihren Chef halt, fuhr sie mich in ihrem knatternden R4 auf die andere Neckarseite zu unserer Villa. Vor dem Gartentürchen entließ sie mich in den kühlen Schatten meines Geisterbaumes, der mich mit einem Raunen begrüßte. Als das Knarren des R4 schon längst nicht mehr zu hören war, stieg ich die weiße Freitreppe vor unserem Eingang empor und drückte die runde, mit zahlreichen Blumenornamenten verzierte, angelaufene Messingklingel. Ein sanftes Dreiklangläuten erfüllte daraufhin das Foyer des Hauses und verebbte unbeachtet. Noch einmal betätigte ich die Hausglocke, doch ich wusste, auch diesmal würde sie unbeantwortet bleiben. Es war niemand zu Hause. Ich wurde nicht erwartet. Das war nicht neu für mich und so setzte ich mich auf die Treppe vor unserem Haus und packte neugierig und hungrig die Dinge aus meiner Tasche, die ich so schmerzlich im Lager vermisst hatte.
Neben meinem Lieblingspicknickbecher, ich wusste doch, sie hatte ihn mir eingepackt, und dem dazugehörigen Teller, waren noch mein blassrotes Plüschkissen, eine Packung Tempo, natürlich die Originale, zwei Dosen Cola und eine große Tüte Gummibärchen darin zu finden. Wer brauchte schon eine halbe Tafel Schokolade und so ein blödes, besticktes Taschentuch, wenn man eine ganze Tüte Gummibärchen ganz für sich alleine haben konnte.
Ganz zu unterst fand ich dann noch zwei Marmeladenbrote. Hastig befreite ich sie von dem etwas angeweichten Butterbrotpapier und schob sie mir gierig in den Mund. Süß und verführerisch breitete sich die fruchtige Marmelade in meinem Mund aus. Ergoss einen warmen Strom aus tiefem Wohlbefinden durch mein Innerstes.
Schnell waren beide Brote verspeist, mein Magen aber noch lange nicht zur Ruhe gebracht. Im Gegenteil, wachgefüttert fing er jetzt erst recht an zu rebellieren, forderte sein Recht auf Befriedigung lautstark ein. Dem Marmeladenbrot folgten die beiden Coladosen. Und um mich dem sinneraubenden Traum aus watteweicher Verführung endgültig hinzugeben, zelebrierte ich das Gummibärchenköpfen mit ungeahntem Wohlgenuss.
Bemerkt hatte ich das Kommen meiner Mutter nicht. Plötzlich stand sie vor mir, schüttelte den Kopf und schalt mich der Träumerei. Schön und elegant, aufrecht und stolz ging sie an mir vorbei, schloss die Tür auf und trat ein. Sie sah mich nicht mehr, lies den Eingang einen Spalt weit offen, in der Gewissheit, ich würde folgen.
Hastig packte ich Butterbrotpapier, leere Dosen und halbleere Gummibärchentüte zusammen und stopfte sie in meinen Rucksack. Nahm diesen an einem der Träger auf und erhob mich. Zu meinem Unglück hatte ich den zweiten Träger nicht im Blick. Dieser hatte sich in der Eile des Zusammenpackens um mein rechtes Bein geschlungen und just in dem Augenblick, als ich mich aufrichtete und in einer der Haustür zugewandten Drehung den ersten Schritt nach vorne antrat, riss er mich aus meiner Balance und warf mich gefährlich nah an die Treppe zurück. Ich fiel schwer auf mein linkes Knie. Mein Gesicht kam dem Treppenabsatz bedrohlich nahe. Beinahe wäre ich, Kopf voran, die Stufen zum Vorgarten hinuntergefallen, hätte ich nicht instinktiv meine Hände nach vorn gestreckt und so den Sturz gerade noch abgefangen.
Mein Herz schlug mir bis zum Hals und mein Knie schmerzte unerträglich. Tränen schossen mir in die Augen und meine Arme zitterten, als ich versuchte, mich auf sie zu stützen, um aufzustehen. Und dann stand er vor mir. Stand einen Moment lang da, sah mich geringschätzig an und wartete. Wartete, bis ich mich wieder auf meinen Beinen befand. Tränen gab es nicht mehr. Sie waren einfach versiegt. Schmerzen? Oh ja, die gab es schon, stechend und pochend signalisierten sie mir, dass mein Knie schwer in Mitleidenschaft gezogen worden war. Aber das durfte jetzt nicht sein.
„Ich bin stark, ich bin stark!“ toste es durch meinen Kopf. Und so stand ich vor meinem Vater. Mit gesenktem Haupt erwartete ich den Tadel, den ich verdient hatte. Ich hätte besser aufpassen müssen, war immer so ungeschickt und dumm. Hätte ich nicht wie eine wohlerzogene, sittsame Tochter hübsch ordentlich im Eingang stehend auf meine Mutter warten können? Stattdessen hatte ich mich auf die Treppe gelümmelt und in aller Öffentlichkeit gierig Brot und Süßigkeiten verschlungen.
Das gehört sich für ein Mädchen mit deiner Herkunft nicht, hörte ich ihn in Gedanken schon sagen. Doch als ich aufblickte, war er nicht mehr da. War genauso unvermittelt verschwunden, wie er gekommen war. Keine Reaktion, keine Beachtung, keine drei Kieselsteine und vielleicht auch besser so!
Jetzt begann auch wieder mein Knie zu schmerzen, nur meine Tränen, die blieben weg.
Humpelnd folgte ich dem Beispiel meiner Eltern und betrat das Foyer unseres Hauses. Besorgt kam mir meine Mutter entgegen, nahm mir meine verhängnisvolle Tasche ab und brachte mich an einem Arm stützend in die Küche. In der Küche angekommen hob sie mich unter Stöhnen auf den Tisch.
Die Gummibärchen waren schuld. Hätte ich nur nicht so viele Gummibärchen und Marmeladenbrote gegessen, dann müsste meine Mutter jetzt nicht so schwer an mir heben. Aber Moment mal, da war ja auch noch die Schokolade von Esthers Schwester gewesen. Esther war Schuld und ich nur ein bisschen! Jäh wurde ich aus meinen Gedanken gerissen, als meine Mutter das inzwischen freigelegte Knie mit einem in Jod getränktem Wattebausch bearbeitete. Ein stechender Schmerz durchfuhr meinen Körper, ließ mich aufheulen und reflexartig stieß ich die verursachende Hand beiseite. Streng umfasste mich diese am Handgelenk und wieder wurde der Wattebausch auf die blutende Wunde gedrückt. Ich wehrte mich nun mit Händen und Füssen, zappelte wie ein Fisch auf dem Trockenen und ließ meiner Mutter keine Chance. Ich musste hier weg, runter vom Tisch, doch in dem Moment, als ich vom Tisch sprang, zwang mich ein erneuter Schmerz in die Knie. In das Knie. Ich knickte weg, direkt in die Arme meiner Mutter und ins Blickfeld meines Vaters, der, durch den Tumult aufmerksam geworden, die Küche betreten hatte. Schnell wurde ich wieder auf den Tisch gesetzt und weiter verarztet. Immer unter den kritischen Blicken des Mannes, den ich so sehr fürchtete.
Diesmal machte ich keinen Mucks, hielt ganz still, auch wenn es mich innerlich fast zerriss. Auch meine Mutter schien hochkonzentriert bei der Sache, doch ihr leichtes Zittern und ihre kalten Hände verrieten ihre Unsicherheit. Mit desinfizierter Wunde und sauberem Verband wurde ich, vorbei an meinem Vater aus der Küche hinausgeschoben.
„Das Kind wird zu dick“, hörte ich meinen Vater noch sagen, bevor ich in meinem Zimmer verschwand. Also doch, ich war zu dick. Ich war zu groß, zu verträumt, zu dumm, und bestätigter Weise, zu dick.
Mit angezogenen Beinen setzte ich mich auf mein Bett, das linke eben soweit es ging. Fest schloss ich mein Kummertier, einen kleinen Stoffesel mit treuen, großen, schwarzen Augen in die Arme und begann in sein graues, weiches Fell zu weinen. An manchen Stellen war sein Fell schon ganz verklebt von den Tränen, die er im Laufe seiner Zeit bei mir schon hatte auffangen müssen. Aber gerade dafür liebte ich ihn. Er war der Einzige, der mich wirklich weinen sah. Langsam glitten meine Hände über sein sich warm anfühlendes Plüschfell. Doch was war das? Er fühlte sich gleichmäßig und neu an. Sein Geruch war so künstlich, nach Plastik und Spielzeugladen. Erschrocken und skeptisch hielt ich ihn von mir weg, betrachtete ihn aufmerksam, untersuchte ihn gründlich und fand, was ich bereits ahnte. Die Waschanleitung an seinem linken Hinterlauf. Die hatte ich meinem Kummertier, schon längst entfernt, weil sie so kratzig gewesen war und mich gestört hatte. Dieser Esel aber hatte sie noch. Er sah genauso aus wie meiner, genauso grau, genauso groß, genauso weich, aber es war nicht meiner. Dieser hier war neu und kannte mich nicht. Er wusste nicht, wie es mir wirklich ging, kannte meine Geheimnisse nicht und noch dazu grinste er mich unverschämt an. Es schien, als lache er mich aus. Voller Wut schleuderte ich das Stofftier in die Ecke. Dunkle Ahnung beschlich mich. Mein Esel war entführt worden und ich wusste auch von wem. Ich würde ihn nie wieder sehen, ihn nie wieder in meine Arme schließen können, mich niemandem mehr anvertrauen können.
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