Ich war sehr erstaunt und wußte nicht, ob ich recht oder unrecht gethan hatte, jedenfalls, dachte ich bei mir selbst, that ich es aus bester Absicht: ich setzte es also auf die Spille zu meiner Seite auf dem Verdeck. Der Kapitän und der erste Leutnant gingen nun hinab und O'Brien kam herauf.
»Was ist das für ein Schiff«, sagte ich.
»Nach meinem besten Ermessen ist es eine von unseren Badmaschinen, welche mit Depeschen heim geht«, gab er zur Antwort.
»Eine Badmaschine?« sagte ich, »ich dachte sie seien alle auf den Strand gezogen.«
»Das ist die Brightoner Sorte; allein diese sind nicht dazu gemacht, aufzugehen.«
»Was denn?«
»Nun, sie gehen unter, das ist gewiß, und entsprechen ihrem Zwecke ausnehmend gut. Ich will Dich nicht länger irre machen, mein Peter, ich spreche wirklich höllügerisch, was, wie ich glaube, so viel heißt, als eine Hölle voll Lügen. Es ist eine von unseren Zehnkanonenbriggen, soviel ich weiß.«
Ich erzählte dann O'Brien, was vorgefallen war, und wie böse der Schiffsmeister auf mich sei. O'Brien lachte herzlich und sagte, ich solle mich nicht darum kümmern, sondern in der Nähe bleiben und ihn beobachten.
»Ein Glas Grog ist ein Köder, welchen er umkreisen wird, bis er ihn verschlingt. Wenn Du es an seinen Lippen siehst, so gehe keck auf ihn zu und bitte ihn um Verzeihung, wenn Du ihn beleidigt habest, und dann, wenn er ein guter Christ ist, für den ich ihn halte, wird er sie Dir nicht abschlagen.«
Dies dünkte mich ein sehr guter Rat, und ich wartete unter dem Bollwerk an der Leeseite. Ich bemerkte, daß der Schiffsmeister immer kürzere Wendungen machte, bis er endlich an der Spille stillstand und den Grog betrachtete. Er wartete ungefähr eine halbe Minute, dann nahm er den Humpen und trank ihn ungefähr halb aus. Der Grog war sehr stark, und er hielt inne, um Atem zu schöpfen. Ich dachte, es sei nun die rechte Zeit und ging auf ihn zu. Der Becher war wieder an seinen Lippen und ehe er mich sah, sagte ich:
»Ich hoffe, Sir, Sie werden mir verzeihen, ich hörte nie von einem Nachtteleskop, und da ich wußte, daß Sie schon so lange auf dem Verdecke gingen, so dachte ich, Sie seien müde und brauchten etwas zu trinken, um sich zu erfrischen.«
»Gut, Herr Simpel«, sagte er, nachdem er das Glas geleert hatte, mit einem tiefen, vergnüglichen Seufzer, »da Sie es freundlich meinten, so will ich Sie diesmal gehen lassen, aber vergessen Sie nicht, daß, wenn Sie mir wieder ein Glas Grog bringen, es nicht in Gegenwart des Kapitäns oder ersten Leutnants geschehen darf.«
Ich versprach es ihm ganz getreulich und ging seelenvergnügt davon, weil ich nun mit ihm Frieden geschlossen hatte, und noch mehr, weil der erste Leutnant gesagt hatte, wegen dessen, was ich gethan, sei ich kein Gimpel.
Endlich war unsere Wache vorbei, und gegen zwei Uhr wurde ich von den Seekadetten der nächsten Wache abgelöst. Es ist sehr unangenehm, nicht zur Zeit abgelöst zu werden, aber wenn ich ein Wort sagte, so durfte ich sicher darauf rechnen, den andern Tag unter irgend einem Vorwande gedroschen zu werden. Auf der andern Seite war der Seekadett, welchen ich ablöste, auch viel größer als ich, und wenn ich nicht vor ein Uhr droben war, wurde ich niedergeworfen und von ihm geschlagen, so daß ich zwischen den zweien viel mehr als meinen Anteil Wache hielt, ausgenommen, wenn der Schiffsmeister mich ins Bett schickte, bevor die Sache vorüber war.
Der erste Leutnant verschreibt für einen seiner Patienten. – Seine Recepte bestehen nur in »Zügen«. – O'Brien endigt seine Lebensgeschichte, in welcher das Sprichwort: »Je mehr, desto lustiger« gänzlich widerlegt wird. – Das Einschiffen von einem neuen Paar Stiefel verursacht das Ausschiffen ihres Besitzers. – Heimkehr nach einem Balle. – O'Brien trifft ein Unfall.
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Den andern Morgen stand ich um sieben Uhr auf dem Verdeck, um nachzusehen, daß die Hängematten weggestaut wurden, wobei ich Zeuge war, wie der erste Leutnant, Herr Falkon, zu einem seiner Mittel Zuflucht nahm, um einen Bramstengenjungen vom Rauchen zu kurieren, eine Gewohnheit, welche er nicht leiden konnte. Wenn Matrosen in der Galeere Tabak rauchten oder kauten, legte er sich nie dazwischen; er wollte bloß die Jungen, d. h. Burschen von zwanzig Jahren oder darunter verhindern, daß sie sich nicht zu früh dieser Gewohnheit hingaben. Der erste Leutnant roch Tabak, als der Junge auf dem Hinterdeck an ihm vorüberging.
»Wie, Neill, Du hast geraucht«, sagte der erste Leutnant, »ich dachte, Du wüßtest, daß solchen Jungen wie Dir der Gebrauch des Tabaks untersagt ist.«
»Sie erlauben, Sir«, versetzte der Bramstengenjunge, indem er an seinen Hut langte. »Ich habe Würmer, und man sagt, Rauchen sei gut für sie.«
»Gut für sie!« sagte der erste Leutnant, »ja, sehr gut für sie, aber sehr schlimm für Dich. Mein guter Junge, sie wachsen vom Tabak, so lange, bis sie so groß werden, wie Meeraale. Hitze lieben die Würmer, aber Kälte, Kälte tötet sie. Nun, ich will Dich kurieren. Quartiermeister, kommen Sie her. Gehen Sie mit diesem Jungen den Gang an der Wetterseite auf und ab, und jedesmal, wenn Sie vorne an den großen Halsblock kommen, halten Sie sein Gesicht gegen den Wind, drücken ihn scharf im Nacken, bis er seinen Mund weit aufsperrt, und dann lassen Sie die kalte Luft durch seinen Schlund ziehen, so lange, bis Sie zehn zählen; dann gehen Sie zurück, und wenn Sie wieder vorne sind, tritt dasselbe Verfahren ein, wie zuvor. – Kälte tötet die Würmer, mein armer Junge, nicht Tabak, – ich wundere mich, daß Du nicht schon gestorben bist.«
Der Quartiermeister, der, wie alle Seeleute, den Spaß gern hatte, packte den Burschen, und sobald sie vorne ankamen, gab er ihm einen solchen Druck in den Nacken, daß er seinen Mund aufsperren mußte, wenn es auch nur gewesen wäre, um vor Schmerz zu schreien. Der Wind ging sehr frisch und blies ihm so stark in den Rachen, daß er eigentlich pfiff, und so mußte er, um sein Inwendiges abzukühlen, fast zwei Stunden auf und ab gehen, bis der erste Leutnant nach ihm schickte und ihm sagte, er glaube, daß alle Würmer nun tot sein müßten; wenn dies aber nicht der Fall wäre, so solle der Bursche nicht seine eigenen Mittel anwenden, sondern um eine andere Dosis zu ihm kommen. Der Junge jedoch war derselben Ansicht, wie der erste Leutnant, und beklagte sich nie mehr über Würmer.
Einige Nächte darauf, als wir die Mittelwache hatten, fuhr O'Brien in seiner Geschichte fort.
»Wo bin ich denn stehen geblieben?«
»Damals, wo Sie aus dem Arrest entlassen wurden.«
»Richtig und ich ging nicht gern an meinen Dienst. Doch da es nicht anders sein konnte, so spazierte ich wie zuvor das Verdeck auf und ab, meine Hände in der Tasche und dachte an Alt-Irland und meinen großen Ahnherrn Brien Borru. So ging es fort; ich führte mich als ein echter Gentleman auf und kam in keine Verlegenheit mehr, bis die Flotte in den Hafen von Cork einlief, und ich nur einige Meilen von meines Vaters Hause entfernt war. Du kannst Dir denken, kaum hatte der Anker den Grund berührt, so begab ich mich zum ersten Leutnant und bat um Urlaub, um ans Land zu gehen. Der erste Leutnant war gerade nicht in der besten Laune, da ihn der Kapitän scharf vorgenommen hatte, weil er seinen Dienst nicht zu seiner Zufriedenheit erfüllte. Er antwortete mir daher sehr mürrisch, ich dürfe das Schiff nicht verlassen. ›Beim Blitz‹, sagte ich bei mir selbst, ›das darf nicht geschehen.‹ Ich begab mich daher zum Kapitän und erinnerte ihn, während ich an meinen Hut langte, daß ich Vater und Mutter habe und einen hübschen Haufen Brüder und Schwestern, welche sich sterblich sehnten, mich zu sehen, und daß ich hoffe, er werde mir Urlaub geben.
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