„Nein?“, fragte Sarah erstaunt.
„Nein. Sie wissen das nicht, aber ich verfüge nicht nur über das Medizinstudium und den Facharzt für Rechtsmedizin, sondern habe mich im Rahmen meines Ethnologiestudiums auch mit Religionen, Okkultismus, Riten und Ritualen beschäftigt. Und das, was Sie mir gerade zeigen ist, Sie verzeihen den Ausdruck, ziemlicher Bullshit.“
„Sie sehen darin keine Sekte oder einen Teufelskreis oder so etwas?“, hakte Thomas ein.
„Nein!“, sagte Schwarz bestimmt. „Ich sehe eine Mischung aus sehr verschiedenen okkulten Strömungen. Da haben wir Zeremoniengegenstände aus dem Voodoo, Bilder, die dem Satanismus entspringen, sowie Anleihen aus der ägyptischen Mythologie um Thot. Und die Zeichen des keltischen Okkultismus haben in dem Pentagramm weiß Gott nichts zu suchen!“
„Und daraus schließen Sie was genau?“, fragte Sarah.
„Das ist keine Sekte oder ernst zu nehmende okkulte Gesellschaft, die die Hütte so eingerichtet hat. Das ist jemand oder sind mehrere, die meinen , sie seien Teil eines mystischen Ordens, Erben einer Bestimmung oder so etwas. Oder jemand, der den parapsychologischen oder esoterischen Geschichten einfach nur verfallen ist und seinen Fantasien materiellen Ausdruck verleihen will. Dabei hat er so ziemlich aus jeder Zivilisation alles zusammengetragen, das in irgendeiner Weise eine Verbindung zum Übernatürlichen mit sich bringt. Aber einem Geheimbund sind Sie definitiv nicht auf die Spur gekommen. Auch keiner Gruppierung, die es mit ihrer, nennen wir es Neigung zum Okkulten, wirklich ernst meint. Das hier sind eher ein paar durchgeknallte Spinner, die absolut keine Ahnung von dem haben, was sie tun.“
„Irgendwie erleichtert mich das“, entfuhr es Sarah, als sie sich in dem Sessel zurücklehnte. „Denn wenn wir es mit einer professionellen Gruppierung zu tun hätten, wäre es für uns deutlich schwieriger, zu ermitteln. Ganz zu schweigen von der Gefahr, die davon ausgehen könnte. Vielleicht war es nur ein Einzeltäter, den unsere mutige kleine Dame ins Jenseits hat schicken können.“
„Das wird sich ja dann herausstellen.“
Der Unterton in Thomas‘ Reaktion war eher skeptisch.
„Aber da wir beim Thema sind, Dr. Schwarz, was können Sie uns über das Mädchen berichten?“
Sachlich und detailliert informierte der Rechtsmediziner die beiden Polizisten über die Stunden mit Dr. Wiese und die Ergebnisse, zu denen ihre Untersuchungen geführt hatten.
„Das ist der Stand dieser Nacht, heute habe ich noch nichts Neues gehört“, schloss er den Vortrag.
„In Ordnung, um das Mädchen kümmern wir uns im Anschluss. Wir haben schon Nachricht von Frau Dr. Wiese, die Nacht ist wohl friedlich verlaufen. Was für ein tapferes, kleines Ding. Unglaublich, dass sie es trotz Betäubung geschafft hat, sich gegen ihren Entführer zu wehren. Wir haben schon vermutet, dass er sie vielleicht bei Bewusstsein, nennen wir es beim Wort, opfern wollte und sie deswegen dazu in der Lage war.“
Seit Sarah gehört hatte, dass keinerlei sexuelle Handlungen an dem Kind vorgenommen worden waren, und sie auch keine sonstigen Verletzungen aufwies, war sie deutlich redefreudiger geworden.
„Nun, was den Angriff auf ihren Entführer anging, habe ich eine eigene Theorie. Nein, Erklärung. Ich bin mir sicher, dass es sich so verhält.“
„Und das wäre?“, wollte Thomas wissen.
„Ich gehe einfach einmal davon aus, dass der Tote im Keller kein Anästhesist gewesen ist, sondern als Laie versucht hat, sein Opfer mit einem entsprechenden Medikament zu sedieren oder ganz zu betäuben. Da er unerfahren ist, und er seine Gefangene zumindest für eine gewisse Zeit am Leben halten will, ist er mit der Dosierung, die er angewendet hat, sehr vorsichtig gewesen.“
„Und Sie glauben, dass er übervorsichtig war, und deswegen das Mittel nicht in ausreichender Menge verabreicht hat?“, unterbrach Sarah Schwarz.
„Nicht ganz“, lächelte dieser. „Unter normalen Umständen hätte die Dosierung vielleicht gepasst. Aber was er sicher nicht wusste, ist der Umstand, dass man bei rothaarigen Menschen bis zu zwanzig Prozent mehr Anästhetikum verabreichen muss, um sie in Morpheus` Schoß zu schicken. Das würde meiner Meinung nach erklären, warum sie fit genug war, ihn mit dem Messer zu attackieren. Und der darauffolgende Adrenalinschock hat dafür gesorgt, dass sie den Weg durch den Wald überlebt hat.“
„Wollen Sie uns veräppeln?“, schoss es ungefiltert aus Sarah heraus. „Rothaarige brauchen mehr Narkosemittel?“
Das Grinsen in Thomas` Gesicht und das verschmitzte Kräuseln der Lippen seitens Schwarz machten Sarah ihren Fauxpas bewusst.
„Entschuldigung“, stammelte sie. „Ich wollte nicht…also keineswegs war es meine Absicht…“
Schwarz schob anstatt einer Antwort die Whiskyflasche über den Tisch.
„Nehmen Sie sich noch einen“, forderte er Sarah auf, und es fiel ihm sichtlich schwer, einen Lachanfall zu unterdrücken. Zwar hatte Sarah sofort begriffen, dass sie dem Rechtsmediziner keinesfalls auf den Schlips getreten war. Bezüglich des Wahrheitsgehalts seiner Aussage war sie aber immer noch nicht überzeugt, ob er ihr einen Bären aufbinden wollte. Schwarz schien ihre Gedanken zu lesen.
„Ja, meine liebe Frau Hansen, das ist wirklich so. Dabei führt eine Mutation auf Chromosom 16 zur Veränderung des Melanocortinrezeptors. Der Rezeptor wird blockiert und das hat zwei Auswirkungen: Erstens, das Pigment Phäomelanin, das zur roten Färbung der Haare führt, wird vermehrt hergestellt. Zweitens, durch die Blockade kann Melanocortin nicht mehr an dem spezifischen Rezeptor andocken und deswegen seine schmerzreduzierende Wirkung nur zum Teil entfalten. Witzig, oder?“
„Ja, tatsächlich witzig“, antwortete Sarah und schob den Dalwhinnie erleichtert zurück.
Stefan Wellner stand am Fensterund folgte mit seinen Blicken den Flocken, die im Wind umherstieben, um nach etlichen Kapriolen zu ihresgleichen auf den Boden zu fallen und die dichte, weiße Pracht um ein weiteres winziges Stückchen anwachsen zu lassen. Während er an seiner Богатыри sog und den Rauch mit viel Luft inhalierte, schweifte sein Blick über die friedliche, fast märchenhaft anmutende Parkanlage des Anwesens. Der mittlerweile sicher einen Dreiviertelmeter hoch liegende Schnee verwischte die Konturen der Beete, Sträucher, Bänke und Wege, so dass nicht zu erkennen war, wie verwahrlost sich der riesige Garten tatsächlich darstellte. Die Besitzer des Schlösschens, Wellners Arbeits- und Auftraggeber, hatten kein Interesse daran, ihren Besitz in das preziöse Kleinod zu verwandeln, das es mit ein wenig Aufwand wieder hätte werden können. Eigentlich eine Schande, dachte Wellner, denn er hatte etwas übrig für malerische Plätze. Und man musste weiß Gott kein Fachmann sein, um das Potential dieses abgelegenen Orts zu erkennen. Die Frage, warum eine solche Anlage zehn Kilometer von der nächsten Behausung inmitten der fast mystischen Tannenhaine des Schwarzwalds errichtet worden war, hatte ihn beschäftigt, aber nicht so sehr, als dass er sich die Mühe gemacht hätte, einmal etwas über die Geschichte des Hauses zu googeln. Darüber, warum es perfekt geeignet für die Machenschaften seiner Bosse war, brauchte er nicht lange zu sinnieren. Sein Blick blieb an dem Mercedes G hängen, den er am Vorabend mühsam vom Schnee befreit hatte. Noch war er gut zu erkennen, sollte es aber so weiterschneien, würde es abermals sehr viel Mühe kosten, ihn wieder freizuräumen, ganz zu schweigen von der Auffahrt, die er dank der extremen Offroad Eigenschaften des Gefährtes hatte benutzen können, ohne zuvor die motorgetriebene Schneefräse einsetzen zu müssen. Am besten war es, er überwand seine Unlust, das Haus zu verlassen und machte sich die Mühe, den Mercedes in eine der zahlreichen Garagen zu stellen. Lieber jetzt noch einmal raus in die Kälte und am nächsten Tag ein schneefreies Fahrzeug vorfinden, als in Herrgottsfrühe das Auto auszugraben. Immerhin wurde die Verbindungsstraße regelmäßig geräumt, aber die gut anderthalb Kilometer bis dahin vom Schnee zu befreien, stellte einen nicht zu unterschätzenden Aufwand dar. Die Vorstellung, bei diesem Wetter mehrere Stunden hinter der Fräse herzugehen, nur um das möglicherweise drei Tage später erneut tun zu müssen, missfiel Wellner sehr. Er hatte sogar überlegt, zu einem Baumarkt zu fahren, um den G mit einer Art Sperrholzpflug auszustatten und zweimal am Tag den Weg bis zur Landstraße abzufahren. Aber dies wiederum hätte ein deutlich ausgeprägteres Geschick erfordert als jenes, über das er selbst verfügte, und so hatte er den Gedanken schnell ad acta gelegt.
Читать дальше