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Nachdem alle drei Teams mit ihren Kapseln wieder zum Mutterschiff zurückgekehrt waren und sicher auf ihren Plattformen angedockt hatten, wurden alle wissenschaftlichen und technischen Mitarbeiter umgehend in die Zentrale gebeten. Der Kommandant hielt eine ›Ansprache‹, die sinngemäß wie folgt lautete:
»Die Detektoren haben die Landegebiete untersucht und diese wurden von unseren Analytikern als gefahrenfrei eingestuft. So ein spontaner Vulkanausbruch war in diesem Gebiet nicht vorhersehbar. Die Teams haben aber korrekt reagiert und der Verlust eines Roboters ist akzeptabel. Trotzdem darf so etwas nicht noch einmal passieren. Deshalb wird der nächste Planet trotz der bisher positiven Voraussagen vorgängig einer Langzeitanalyse unterzogen.«
Der Kommandant übergab das Wort dem wissenschaftlichen Leiter.
»Das Magnetfeld muss früher stärker gewesen sein und hat den roten Planeten vor dem Sonnenwind geschützt. Nach und nach wird die Atmosphäre durch das immer schwächer werdende Schutzschild reduziert. Die abschließenden Analysen der Bodenproben haben ergeben, dass bis vor kurzem höher entwickeltes organisches Leben auf diesem Planeten existiert haben muss. Es wurde jedoch vor kurzem durch eine unbekannte Infektion zerstört.«
Unruhe breitete sich in dem Raum aus. Der wissenschaftliche Leiter wurde telepathisch mit Fragen überschüttet. Er hörte sich das eine Weile an und verschaffte sich dann - diesmal auf akustische Weise - Gehör.
»Eure Bedenken sind berechtigt, aber es ist trotzdem unnötig sich Sorgen zu machen. Sämtliche Proben wurden direkt nach der Analyse vor Ort vernichtet, die Sammelinstrumente, die Landeeinheiten und die Roboter wurden bestrahlt und auch alle Expeditionsteilnehmer wurden bereits gründlich dekontaminiert, wie es nach jeder Planetenexkursion üblich ist.«
Die Briefingteilnehmer begaben sich wieder auf ihre Stationen, um den Weiterflug zum nächsten Ziel, dem blauen Planeten mit der anscheinend vielversprechenderen Atmosphäre in die Wege zu leiten.
Das gigantische kugelrunde Raumschiff näherte sich mit gedrosselter Geschwindigkeit dem nach einer ersten Analyse 3.500 Kilometer messenden Mond, der in einer gebundenen Rotation um den blauen Planeten kreiste. Es wurde entschieden, das Mutterschiff vorerst in einen lunaren Parkorbit zu bringen, um von dort aus das eigentliche Ziel zu erkunden. Die künstliche Intelligenz diagnostizierte, dass wegen der äußerst unwirtlichen Beschaffenheit der Oberfläche sowie der gänzlich fehlenden Atmosphäre und somit einer tödlichen Strahlenbelastung auf dem Trabanten des blauen Planeten kein Leben zu erwarten sei. Deshalb war er für die Aliens vorerst von geringerem Interesse und es wurde keine lunare Landung geplant.
Nachdem das Mutterschiff den endgültigen kreisrunden Orbit um den Mond erreicht hatte, wurden die Vorbereitungen für eine einzelne unbemannte Erkundungskapsel abgeschlossen. Diese hatte die Aufgabe, zur Erde zu fliegen und dort in der Atmosphäre zwanzig kleine Aufklärungsdrohnen auszusetzen. Je nach Ergebnis der Analysen sollte dann das Mutterschiff folgen und in einen Orbit um den Planeten einschwenken. Erst vor Ort würde dann entschieden, ob die zwölf vorgesehenen Landekapseln bemannt oder nur mit Robotern ausgerüstet werden sollten. Es war zwar zu diesem Zeitpunkt nicht vorgesehen, dass die Aufklärungsdrohnen selbst auf dem Planeten landen sollten, aber sie waren natürlich auch für solche Aktionen ausgerüstet.
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Die autonome Erkundungskapsel hatte die obere Mesosphärenschicht erreicht und schoss die erste der runden scheibenförmigen Aufklärungsdrohnen in eine tiefere Schicht der Atmosphäre. Nach einer horizontalen Standortänderung von mehreren tausend Kilometern wurde die nächste Drohne freigesetzt. Nach diesem Procedere wurden alle zwanzig Drohnen in der Erdatmosphäre verteilt. Die Drohnen änderten nach einem vorprogrammierten Ablauf die vertikale und horizontale Position in der Atmosphäre und sammelten Luftproben, die umgehend automatisch analysiert wurden. Zudem wurde die Topographie mit Sensoren abgetastet und visuell aufgezeichnet. Sämtliche Resultate wurden von der Erkundungskapsel zum Mutterschiff übermittelt und dort von den Wissenschaftlern ausgewertet.
Eine der Drohnen, die sich über der heute als Borneo bekannten Landmasse befand, sank langsam bis etwa fünfhundert Meter über den Grund. Aus dieser Perspektive waren einzelne riesige Bäume eines dichten Dschungels erkennbar. Sie ragten weit über den grünen Waldteppich hinaus. Organisches Leben war zwar reichlich vorhanden, aber höhere Lebensformen waren aus dieser Höhe im Dickicht des Dschungels keine erkennbar.
Eine andere Drohne flog tausende Kilometer entfernt über eine weite, von vereinzelten Baumgruppen durchsetzte Steppe. In der Nähe einer solchen Baumgruppe entdeckte der Bewegungssensor etwas ungewöhnliches. Dutzende graubraune vierbeinige Wesen stapften gemächlich auf säulenartigen Beinen durch das hohe Gras. Die Drohne ließ sich bis auf fünfzehn Meter sinken, um die riesigen Lebewesen genauer zu analysieren. Neugierig blieben die Giganten stehen und klappten zwei fächerartige Ohren aufgeregt auf und zu. Vorne am bulligen Kopf befanden sich je zwei lange, nach unten gekrümmte Stoßzähne und dazwischen eine rüsselartige Nase, die nun witternd in die Höhe gereckt wurde. Da von der Drohne kein Geräusch ausging und sie auch sonst keine Gefahr darzustellen schien, blieben die Lebewesen, die als Gomphotherium - den urzeitlichen Vorfahren der heutigen afrikanischen Elefanten - bekannt sind, einfach nur stehen. Sie beobachteten gleichgültig die leicht gewölbte Scheibe, die langsam in sicherer Distanz die Herde umkreiste.
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Laufend wurden die Daten der einzelnen Drohnen von der im Erdorbit kreisenden Erkundungskapsel an das Mutterschiff weiter geleitet. Die Wissenschaftler an Bord klassifizierten die einzelnen Lebensformen in verschiedene Entwicklungsstufen. Intelligentes Leben konnte allerdings in keiner Form nachgewiesen werden, was jedoch nicht zwingend bedeuten musste, dass keines vorhanden war.
Am vierten Tag der Erderkundung ereignete sich ein Vorfall, der die weiteren Vorgehensweisen der Drohnenflüge maßgeblich beeinflussen sollte. Auf einer großen Insel in der nördlichen Hemisphäre - dem heutigen Island - ging eine der Drohnen auf spektakuläre Art und Weise verloren. Sie war in langsamem Tiefflug über die geologisch interessante Insel einem engen Tal gefolgt, als urplötzlich ein gigantischer heißer Wasserstrahl mit extrem hohen Druck die Drohne traf und aus der Bahn warf. Zwar versuchte die KI noch eine rettende Kurskorrektur vorzunehmen, aber dafür war es zu spät. Durch die
Fliehkraft wurde die Drohne gegen eine Felswand gedrückt und zerbarst in mehrere Teile. Der ganze Vorfall wurde in Echtzeit an die Erkundungssonde im Orbit übertragen und von dort zum Mutterschiff weitergeleitet. Eine sofortige Analyse des Bildmaterials und der Flugdaten entkräftete die erste Vermutung einer absichtlichen Attacke. Es war allem Anschein nach nur ein unglücklicher Zufall gewesen. Aufgrund des Ereignisses wurde für alle weiteren Drohnenflüge ein Sicherheitsabstand von hundert Metern über Grund festgelegt und entsprechend fernprogrammiert.
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Der Kommandant besprach mit seinen engsten Mitarbeitern und dem wissenschaftlichen Leiter das weitere Vorgehen.
»Wir wissen, dass die Atmosphäre dieses Planeten ideale Bedingungen für höheres Leben bietet. Ob darunter auch Kandidaten für eine intelligente Entwicklung zu finden sind, werden wir auf den nächsten Expeditionen herausfinden. Die bisher bewährte Zusammensetzung von Zweierteams mit Roboterunterstützung scheint auch hier angebracht zu sein. Die Zusammensetzung und der Druck der Atemluft auf dem Planeten stellt für uns kein Problem dar. Wir können auf Schutzanzüge verzichten. Aber aufgrund der Artenvielfalt an Lebewesen möchte ich, dass jeder Expeditionsteilnehmer trotz der Roboter seine persönliche Selbstschutzwaffe mit sich führt.«
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