„Was?“, blaffte er in den Hörer.
„Hier ist Sina. Ist Maja da?“
„Nein, ist sie nicht. Und wenn sie da wäre, würde ich sie dir auch nicht geben.“
„Oh Mann, Clemens, was ist denn dein Problem? Maja wollte mich vor einer Stunde anrufen, um mir zu sagen, ob wir morgen gemeinsam zur Arbeit fahren. Das sprechen wir immer ab, also gib sie mir.“
„Was hast du nicht verstanden an: Sie ist nicht da?“
„Das ist merkwürdig. Kommt sie nicht immer abends zu euch auf das Weingut und fährt dann mit dir heim?“
„Ja, aber da ist sie auch nicht. Und jetzt lege ich auf. Lass mich in Ruhe Fußball gucken und fahre morgen mal selbst auf die Arbeit. Tschüss.“
Er legte auf.
Sina Dunkelsberger hatte nur den Kopf geschüttelt. So ein Arsch, dachte sie. Warum hatte Maja diesen Kerl geheiratet? Sie konnte doch viel aufregendere Männer bekommen. Maja hatte Clemens geheiratet, als sie schwanger war, aber Sina konnte ihn von Anfang an nicht leiden.
Hatte er Maja geschlagen?
Sina war zusammengezuckt. Ihre Freundin hatte mal so etwas angedeutet. Vielleicht hatte der Kerl ihr wehgetan und sie lag irgendwo verletzt und brauchte Hilfe? Entschlossen griff sie nach ihrer Jacke, um zu Majas Haus zu gehen, welches sich zwei Straßenecken weiter im selben Ort befand.
Sie klingelte und Clemens öffnete genervt die Tür. Als er Sina erkannte, stöhnte er.
„Sie ist nicht hier! Willst du nachsehen?“
Ohne ein Wort lief Sina an ihm vorbei ins Haus und durchsuchte alle Zimmer, während sie nach Maja rief. Enttäuscht kam sie nach fünf Minuten ins Wohnzimmer.
„Was hast du mit ihr gemacht?“, fragte sie und baute sich vor dem Fernseher auf.
„Geh weg!“, fauchte Clemens sie an. „Ich habe nichts mit ihr gemacht. Maja wollte einkaufen und dann ins Weingut kommen. Das ist schon eine Weile her. Sie ist abgehauen. Basta!“
„So ein Quatsch, ich gehe jetzt und komme mit der Polizei wieder.“
Eilig verließ sie das Haus, in dem sie sich unwohl fühlte und rief vor der Tür die Polizeistation in Eltville an, um ihre Sorge zu schildern. Der Mann am Telefon hörte zu und erklärte ihr, dass Maja eine erwachsene Person sei, die sich aufhalten könne, wo sie wolle.
„Ich weiß, dass Sie sowas sagen müssen, aber Maja hat eine kleine Tochter, sie würde niemals abhauen.“
„Haben Sie das Kind gesehen?“
„Nein, ich weiß, dass es immer bei der Oma ist, bis Maja es abends abholt.“
„Dann ist es bestimmt noch dort. Machen Sie sich keine Sorgen, Ihre Freundin kommt sicher morgen wieder.“
„Na toll, und wenn nicht?“
„Dann melden Sie sich noch einmal.“
Enttäuscht legte Sina auf und lief heim.
Michael und Benedikt saßen mit Bianca im Büro und besprachen die Möglichkeiten, wie man hinter das Geheimnis der schwarzen Textilfaser kommen könne. Nach einer Stunde voller Spekulationen mussten sie sich eingestehen, dass es keinerlei Ergebnisse gab.
Es klopfte und der Staatsanwalt steckte den Kopf durch die Tür. Michael stöhnte, als sich der kleine drahtige Mann mit der Halbglatze und den grauen Augen ins Zimmer schob.
„Was haben wir?“
„Eine schwarze Faser“, sagte Benedikt. „Dazu kommt ein alter Herr, der bei Sophia vor längerer Zeit mal einen gutaussehenden Mann gesehen hat. Er erinnert sich deshalb so genau, weil er Sophia noch nie so glücklich gesehen hat. Der Typ sieht gut aus. Unser Unbekannter vom Phantombild.“
„Und den haben Sie schon gefunden und festgenommen?“
„Nein, wir wissen nicht, wer er ist.“
„Na super, was muss denn noch alles passieren, ehe Sie den Täter finden?“, schimpfte Dr. Rosenschuh.
Nun platzte Michael der Kragen und er polterte los: „Wir tun, was wir können und außer Frau Wieselburgers Tod ist nichts weiter passiert. Wir sind mit ganzer Kraft auf der Suche nach dem Mann. Bianca hat ihn schon zweimal gesehen, aber sie kennt weder seinen Namen noch seinen Aufenthaltsort.“
„Sie sitzen hier im Büro, das sieht mir nicht nach Suchen aus. Also los, hopp. Auf die Straße.“
Der Staatsanwalt drehte sich abrupt um und verließ das Zimmer.
„Irgendwann bringe ich den Kerl um.“
„Ach, Schatz, lass das lieber sein. Komm, ich fahre mit euch herum und halte die Augen offen. Vielleicht hilft uns der Zufall.“
Benedikt fragte grinsend: „Wollt ihr alleine sein? Dann fahre ich mit meinem eigenen Auto.“
„Idiot!“, brummte Michael und nahm seine Jacke.
Bianca folgte den Männern und so machten sie sich auf eine Tour durch den Rheingau, immer in der Hoffnung, den Unbekannten zu entdecken. Ihre Suche blieb erfolglos, also gaben sie nach drei Stunden auf und kehrten ins Präsidium zurück. Enttäuscht stellte Bianca die Kaffeemaschine an.
Es klopfte wieder und Michael dachte, dass es erneut der Staatsanwalt war.
Missmutig rief er: „Ja?“
Die Tür öffnete sich zaghaft und eine junge Kollegin steckte den Kopf herein. Benedikt strahlte und schob ihr sofort seinen Stuhl herüber.
„Ich muss mit euch reden“, sagte die Frau und ignorierte das Angebot. „Vorgestern rief eine Frau an und wollte ihre Freundin vermisst melden. Kurt hat sie aufgeklärt, dass eine Erwachsene wegbleiben kann, solange sie will. Aber … ich weiß, es steht mir nicht zu, da eine Meinung zu haben … es muss etwas passiert sein. Die Freundin rief gestern abermals an. Die Vermisste ist eine junge Mutter. Niemand lässt sein Kind einfach allein. Die Kleine ist zwar bei der Oma, aber ich kann nicht glauben, dass die Mutter abgehauen ist, ohne jemanden einzuweihen.“
„Was heißt, eine Meinung steht dir nicht zu?“, fragte Bianca sanft. „Es ist richtig, dass du mit uns gesprochen hast. Erst vor kurzem ist eine junge Frau getötet worden, also ist es gut möglich, dass der Mutter etwas zugestoßen ist. Habt ihr etwas unternommen?“
„Nein, die Freundin, sie heißt Sina Dunkelsberger, hat eben wieder angerufen und sie war sehr verstört. Die Vermisste ist nicht zur Arbeit erschienen und niemand weiß, wo sie ist, auch die Schwiegereltern nicht.“
„Gib mir die Adresse, wir fahren hin und sehen mal nach dem Rechten. Ist sie verheiratet?“
„Ja, aber der Ehemann vermisst sie anscheinend gar nicht.“
Die junge Kollegin verließ mit einem sehnsüchtigen Blick von Benedikt im Nacken das Büro. Michael nahm seine Jacke und warf Bianca ihre zu. Er beauftragte seinen jungen Kollegen, weiter nach dem Unbekannten zu suchen und machte sich mit Bianca auf den Weg nach Kiedrich. Es war trüb, Nebel hing über den Weinbergen, die sich um die Siedlung herum erstreckten. Nicht einmal die Umrisse der Ruine von Burg Scharfenstein waren zu sehen. Bianca schüttelte sich und schlang die Jacke fest um sich.
Auf ihr Klingeln reagierte niemand. Sie legte die Hände an die Scheibe der Haustür, aber innen war es dunkel. Der wird im Weingut sein, wenn er dort arbeitet, dachte sie.
„Komm, wir fahren zu den Eltern, hier ist keiner.“
Bianca wollte eben Michael zum Auto folgen, da sah sie aus dem Augenwinkel die angelehnte Tür der Garage.
„Michael, schau mal. Was für ein Zufall. Hast du nicht auch eben ein Geräusch gehört?“
Der Kommissar grinste und nickte. Bianca zog die Tür auf und schaute neugierig ins Halbdunkel. Die Umrisse eines Kombis waren zu erkennen. Als Michael hinter ihr auf den Lichtschalter drückte, flammte mit einem leisen Knattern die Neonbeleuchtung auf und verbreitete ein weißes Licht. Das rote Fahrzeug schien nicht bewegt worden zu sein, denn die Motorhaube war kalt.
Bianca schaute ins Innere. Nichts. Sie versuchte die Fahrertür zu öffnen, aber die war verschlossen. Eine innere Stimme ließ sie zusammenzucken, sie witterte Gefahr. Michael sah die Veränderung an Bianca sofort und trat zu ihr an den Kofferraum.
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