„Ja. Ja. Wie Kishou entscheidet, so verdrängt es das Allsein!“
„Echt?!“, lachte Kishou. Sie stellte sich Wesen vor, die mit einem Spaten herumliefen und immer nur damit beschäftigt waren Löcher zu buddeln ... „Und was soll das – ich meine, wieso machen die das?“, wollte sie nun auch wissen.
„Nun ...,!“, bemühte sich das Untere Squatsch zu erklären, „Als die großen Wasser noch flossen in der Zweiten Ebene des Zweiten Tals des Zweiten Droms, mussten viele Gräben und Tunnel vom Allsein verdrängt werden. Viele Gräben und Stollen ... mussten sie. ... damit die Wasser überall diesen Ort bemessen konnten. ... ja, sehr viele Stollen und Gräben waren nötig in jener Zeit. Sehr viele!“ Er wiegte, sich erinnernd, seinen rundlichen Kopf. „Und sie waren auch sehr hilfreich gegen die Rjuchhus ... durchaus sehr hilfreich!“
„Wie – Rjuchhus ...?“
„Nun ja – also ... Die Tunnel und Gräben verdrängten durchaus einen Schutz vom Allsein …gegen die Rjuchhus ... und in diesen Zeiten selbstverständlich auch gegen die Korks!“
Kishou kratzte sich nachdenklich den schwarzen Schopf. Sie meinte, den Namen schon einmal gehört zu haben. ... Boorh hatte ihn erwähnt, als sie Schutz vor dem rollenden Berg in einem Krater gesucht hatten, erinnerte sie sich nun. Aber was das war ...?. „Was ist ein Rjuchhu?“
~*~
Durch die Tücher vor den Augen der Grabenmacher war die weitere Szene kaum mehr zu verfolgen. Zu schnell ging alles. Tek wirbelte um seine Achse, dass ihn die erste Salve knapp verfehlte, um die zweite mit seinem Spinschuh abzufangen. Und im Ausweichen vor der Dritten lag bereits die Körperdrehung, mit der er die gefangenen Pfeile in den Kopffortsatz des Ungeheuers lenkte. Fast geräuschlos drangen die spitzen Stäbe in das hypnotische Auge des Untiers ein. Die Kugel erhob sich, um dann mehrmals hart auf den Boden aufzuschlagen. Sie wirbelte herum, und hatte offenbar keine Orientierung mehr.
Tek war bereits auf dem Weg. Mit schnellen Schritten war er bei dem Rjuchhu, sprang zwischen dessen Nüstern auf den Panzer – und bevor der seinen Kopffortsatz wieder einbringen konnte, hatte Tek bereits den dünnen Tentakel kurz über seiner Wurzel mit dem Messer abgetrennt.
Er setzte sich in die Vertiefung des Panzers anstelle seines eigentlichen Kopfes und ergriff den übriggebliebenen Fortsatz des Tentakels. Wie mit einem Steuer ließ sich nun das Untier von Teks Hand lenken, und ein großer Triumph lag in seinem Gesicht. Es war der erste Rjuchhu, der ihm unterlegen war – und es würde nicht der Letzte sein.
Fast ehrfürchtig erhoben sich die Grabenmacher aus ihren Deckungen, und streiften sich die Tücher von den Gesichtern. Der junge Tek war ein Dompteur, und niemand konnte mehr einen Zweifel daran haben.
Rahon ließ es sich nicht nehmen, dem von Tek domestizierten nahenden Rjuchhu entgegenzulaufen, und auf ihn aufzuspringen. Gemeinsam ritten sie bald durch die schweren Tore Zargos – der Oase, die ihren Stamm beheimatete.
~*~
Das Untere Squatsch wiegte nachdenklich seinen zu großen Kopf ...
„Was ist ein Rjuchhu?!“, wiederholte Kishou noch einmal ihre Frage.
„Nun – also ... das Rjuchhu ist eine unangenehme Verdrängung vom Allsein. Sehr unangenehm!“
„ja und? – wieso?
„Nun – das Rjuchhu verdrängt ein großes Revier vom Allsein. Viel Raum. Sehr viel Raum! Es duldet niemals andere Verdrängungen vom Allsein in seinem Revier – auf keinen Fall. Nein – niemals. Sehr gefährlich für all die anderen Wesen, die in diesem Drom das Allsein verdrängen! Sehr gefährlich!“
„Aha ...!“
„Nein! ... nicht einmal ein anderes Rjuchhu wird von ihm geduldet. Darum sind nicht viele Rjuchhus bemessen in der Zweiten Ebene des Zweiten Tals des Zweiten Droms. Nein – nein. Nicht sehr viele. Das Rjuchhu bemisst die Verdrängungen aller Zeiten vom Allsein, als sein Revier! Sein Revier!“
„Aha – und was hat das mit den Gräben von den Grabenmachern zu tun?!“, bohrte Kishou weiter.
„Nun ja ... Ich bemaß es bereits in euch ... bemaß ich bereits. Die Stämme der Grabenmacher verdrängen viele Gräben, Tunnel und Stollen um ihre Oasen herum vom Allsein – verdrängen sie. Wie einst für den Lauf der Wasser. Gräben und Stollen verdrängen nun auch einen Schutz vom Allsein gegen das Rjuchhu vom Allsein! ... einen Schutz – ja!“
Kishou gab sich erst einmal zufrieden. Nicht zuletzt, weil sie feststellte, dass die Sonne in diesem Drom offenbar eine spürbare Wirkung zeigte. „Es wäre schön, wenn wir einen etwas schattigeren Weg finden könnten. Es ist ganz schön warm hier!“ Sie bedauerte es ein weiteres Mal, keinen Hut von zu Hause mitgenommen zu haben.
Zu Hause ... Sie sah in ihrem Geist ihren großen, bunten und wilden Garten vor sich, in dem immer etwas zu beobachten war – und sie hörte den Ruf Trautel Melanchfuls, wenn sie gekocht hatte ... Sie schaute um sich. Zuweilen war auch hier etwas zu hören. Aber es war gerade einmal das Knacken kleiner Zweige in den traurigen Buschresten, die sie zuweilen mit ihren Körpern striffen. „Übrigens – als wir noch da waren, wo wir aus dem Allsein gekommen sind – also bevor wir losgingen – hast du so komisch reagiert, als ich meinte: wer weiß, was uns auf dem Weg ins Dritte Drom noch alles bevorsteht! Wieso hast du da so komisch geguckt? – Weißt du was ich meine? – grad' als Boorh nach diesem Kurluk rief!“
„Oh – oh ja. Oh ja!“, erinnerte sich das Unteren Squatsch.
„Und? – wieso hast du so komisch reagiert?!“
„Nun ja ... es verdrängen gewissermaßen ... durchaus ... Schwierigkeiten das Allsein. Durchaus!“
„Schwierigkeiten? ... wie meinst du das?!“, horchte Kishou auf.
„Nun, also – bedenkt ... bevor ihr das Dritte Drom vom Allsein verdrängt, ... also ...!“ Er machte ein paar fahrige Bewegungen mit seinen kurzen Ärmchen. „... müsst ihr zunächst einmal das Zweite Tal der Zweiten Ebene des Zweiten Droms vom Allsein verdrängen ...!“
„Ja klar – und?!“ So zögerlich, wie das Untere Squatsch auf die Frage reagierte, konnte das sicherlich noch nicht alles gewesen sein, was es dazu sagen konnte.
„Ja – nein. ... es sind die Grenzen!“
„Die Grenzen?!“
„Ja – ja ... es sind immer die Grenzen. Sehr schwierig – sehr schwierig!“ Sein Kopf wackelte nur so hin und her.
„Was ist mit der Grenze zum Zweiten Tal der Zweiten Ebene des Zweiten Droms?!“
„Oh – nun ... es verdrängt sich dort ein Labyrinth vom Allsein!“
„Ein Labyrinth?“
„Ja. Nein ... nicht einfach ein Labyrinth ...!“
„Sondern ...?“
„,Das Labyrinth des Unbegreiflichen’!“
„Was ist das denn nun wieder?!“ Kishous Stirn verzog sich in Falten.
„Keine Ahnung. Keine Ahnung. Ich kann es nicht bemessen, ... und schon gar nicht vom Allsein verdrängen!“ Er zuckte entschuldigend mit den Schultern. „Eine kleine Verdrängung Suäl Graals. ... damit die Afetiten sich nicht in Vollkommenheit bemessen können ... also ... sich vollkommen vom Allsein verdrängen können, in den Afetonen!“
„Du meinst, sowas wie die ,Falle der Zeit’ im ersten Drom! Seh’ ich das richtig?“
„Äh ... Eine Falle der Zeit?“, Wunderte sich das Untere Squatsch, und seine Augenbrauen zogen sich nach oben. "Aber natürlich. Zweifellos. Ihr musstet ja schon einmal eine Grenze Suäl Graals überschreiten! ... musstet ihr ja. Und ohne meine Wenigkeit. Sehr beachtlich! Sehr beachtlich. Eine Falle der Zeit war darin bemessen, so sagt ihr? ... Falle der Zeit?"
„Ja!“, Klärte Kishou ihn auf. „Die Grenze zum Ersten Tal der Ersten Ebene des Ersten Droms war sowas. Boorh meinte, Suäl Graal wollte ursprünglich damit die Kyiten daran hindern, zu den Kyaten zu kommen ...”
Читать дальше