„Kommt!“, sagte Mo nur, und wendete sich bereits mit Kishou in ihrem Arm um.
„Boorh entscheidet, Boorhs Axt wird einige Entscheidungen bemessen, und vom Allsein verdrängen!“, rief er ihr fast trotzig nach.
„Kommt!“, wiederholte Mo nur. „Es ist entschieden!“
Auch das Untere Squatsch setzte sich nun in Bewegung, und folgte Mo, die geradewegs auf Kurluk zusteuerte. Boorh, fest seine Axt umfassend, blickte unschlüssig zwischen Kurluk, und dem sich langsam und stolpernd entfernenden Gesteinsbrocken hin und her.
„Komm endlich, du plattfüßiger Beulenmacher, du plattfüßiger! Du hast doch vom Allsein getrennt was entschieden ist!", schimpfte das Untere Squatsch. „Oh – oh verzeiht meine kleine unbemessene Verdrängung!“, beeilte er sich schnell in das Gewand Mos hinein zu sagen. Er lief neben ihr einher, und hatte wohl für einen Moment übersehen, das Kishou unter ihrem Gewand verborgen war.
Boorh gab endlich auf. Missmutig wollte er sich gerade den anderen anschließen, als sein Blick auf den kleinen Afetiten fiel. Der stand einfach nur da, und blickte hinter Mo her – oder besser hinter dem, was sich unter ihrem Gewand abzeichnete.
„Was ist es, das du dort vom Allsein verdrängst?!“, fragte Boorh.
„Ich?“, schreckte der Angesprochen auf „... ich ... ich kann es ... nicht bemessen ...!“
„Boorh entscheidet: Du wirst aber bemessen haben, was entschieden ist!“
„Du entscheidest ... Du entscheidest ...!“, schluckte der Kleine. „... ich darf mit euch kommen?!“
Boorh schaute noch einmal Bedauernd in die Richtung seiner stolpernden Kugel. Die hatte inzwischen schon etwas Fahrt aufgenommen, und auf ihrer unregelmäßigen Bahn eine Weitere angestoßen, die es nun der Ersteren gleichtat. Dann wendete er sich wieder zu dem Afetiten. „Boorh entscheidet: Du bist ein Dompteur! Und Boorh entscheidet. Du bist der Dompteur, der Kishou, die Bezwingerin Suäl Graals und Befreierin der Großen Wasser, vor dem Allsein bewahrte! Boorh entscheidet: Du verdrängst nun das Allsein in dem Revier Kishous!“ Seine Axt in den Schulterhalfter schiebend wendete er sich um, und stapfte los.
„Kishou – Hast du bemessen? ... die Bezwingerin Suäl Graals und Befreierin der Großen Wasser, hast du bemessen? Der kleine Afetit hatte Mühe mit Boorh Schritt zu halten und war über alle Maßen aufgeregt,
„... Und Boorh entscheidet: du bist vor allem der Dompteur, der der Axt Boorhs in der Vollkommenheit seiner Bemessung zu widerstehen vermochte!“, proklamierte er anerkennend ...
~*~
Rahon entdeckte es im selben Moment, als es sich unweit vor ihnen an dem Ausläufer des Feuerbergs, der direkt vor ihnen lag, auf einem Felsbrocken stehend, zeigte. Er gab sofort das Zeichen zum Halt.
Die Stämme liefen, seit sie den Wald passiert hatten, auf breiter Front nebeneinander, denn Rahon erwartete auf Grund der Spuren in jeden Augenblick, dass sie auf die Fremden stoßen würden – und er wollte in diesem Moment auf keinen Fall in den hinteren Reihen stehen. Auch den Korks hatte er sicherheitshalber befohlen, dichter aufzuschließen.
Diese Maßnahme hatte sich bereits bewährt, wenn auch gänzlich anders, als erwartet. Sie liefen blind in die Falle des Rjuchhu hinein – was acht Afetiten das Leben kostete. Drei davon waren seine Stammesangehörigen. Allein ihre große Übermacht, und vor allem das schnelle Eingreifen der Korks, die bereits dicht zu ihnen aufgeschlossen waren, hatten schlimmeres verhindert.
Rahon brauchte nur wenige Augenblicke für seine Entscheidungen. Die Gestalt dort auf dem Felsen war aus diese Entfernung noch nicht klar zu erkennen. Es war keines der Unzähligen Wesen, die dieses Drom belebten, dessen war er sich sicher – und es war den Spuren nach die Zeit, da er mit einem Aufeinandertreffen rechnen durfte. Es konnte Tek sein, der sich dort oben einen Überblick verschaffte – allein die Unvorsicht, mit dem sich die Gestalt präsentierte, stand dieser Spekulation entgegen. Vielleicht war es ja bereits jenes Wesen, das es zu vernichten galt.
Rahon befahl sofort, dass die Stämme weiter auseinanderrücken, um den Korks einen Weg nach vorn freizumachen. Augenblicke später schon ergossen sie sich durch die gebildete breite Schneise der beiden Stämme.
Rahon reagierte keineswegs spontan. Er hatte sich auf diesen Augenblick vorbereitet, und jede Einzelheit war bereits Teil seines Plans – deren Details auch den Grabenmachern bekannt war. Von Mund zu Mund wurde er während des Marsches durch die Reihen seiner Stämme weitergegeben, und so wusste jeder von ihnen, was als nächstes geschehen würde. Er war nicht zufällig der Führer eines der größten Stämme der Grabenmacher – und Suäl Graal hatte sicherlich nicht zufällig ihn erwählt, das Heer zu führen. Er war scharfsinnig und schreckte vor nichts zurück, um seine Pläne in die Wirklichkeit umzusetzen.
Als die ersten Reihen der Korks die Schneise durchquert hatten, rannte er los. Er lief mitten in die Formierung der metallischen Gestalten hinein, und sprang einem der Korks auf den Rücken. Geschickt hangelte er sich an ihm hoch und klammerte sich an seinen Hals. Seine Beine ruhten auf den Ausbuchtungen des Kork, aus denen die dünnen, stangenartigen Laufglieder hervortraten. Er musste in jedem Fall an Vorderster Front sein, um ohne Verzögerung zu erfahren, wann ihre Aufgabe erfüllt, und damit der unselige Packt mit den Langen Schatten aufgehoben war. Niemand wusste, wann die Korks nach Erfüllung des Auftrags von Suäl Graal wieder freigegeben werden. Vielleicht schon in dem selben Augenblick der Vernichtung des Fremden, vielleicht auch erst etwas später – wenn die Korks wieder zurückgekehrt waren, und sich direkt unter ihnen befanden. Die Korks konnten ja schließlich nicht sagen, ob ihr Angriff erfolgreich war. Die Stämme der Afetiten hätten sich erst selbst überzeugen müssen – und dann wäre es für eine angemessene Reaktion möglicherweise bereits zu spät. So war es sein Plan, bei erfolgreicher Vernichtung des fremden Wesens, das sich bei dem Unteren Squatsch aufhielt, drei Pfeile gleichzeitig senkrecht in den Himmel zu schießen.
Für die Langen Schatten – so war die offizielle Verabredung – hätte es die Bedeutung, dass sie und die Grabenmacher zur Unterstützung des Kampfes aufrücken sollten. Die Stämme der Langen Schatten und die der Grabenmacher sollten sich zu diesem Zwecke trennen, um von zwei Seiten gleichzeitig in den Kampf eingreifen zu können. Auf diese Weise wäre für die Grabenmacher die benötigte Distanz gewährleistet, und sie könnten sich im entscheidenden Moment zurückziehen, während die Langen Schatten in die Falle der Korks geraten würden – die entweder noch den Befehlen Rahons gehorchten, oder aber inzwischen frei waren. Das Eine bedeutete wie das Andere das Ende der Langen Schatten.
Rahon verlor keinen Gedanken daran, dass sein Entkommen aus dieser Situation mehr als fraglich war. Aber eben genau das war seine Stärke – und es lag außerhalb der Vorstellungskraft der Langen Schatten, dass Rahon sich bedenkenlos selbst opfern würde – auch das war im Kalkül Rahons eingegangen.
Das Aufsitzen Rahons auf den Kork war das Zeichen für die Afetiten, eine gemeinsame Salve von ihren Bögen auf den Ort abzuschießen, wo sich die Gestalt zeigte. Es war aus dieser Entfernung sicherlich noch nicht sehr effektiv, aber mit etwas Glück konnte der Vorteil dieses Überraschungsmoments sogar bereits die Entscheidung bringen – immerhin sollte dem Fremden jetzt noch die Deckung fehlen. Rahons Augen folgten der Wolke aus Pfeilen, die bereits ihren höchsten Punkt erreicht hatten, und sich nun langsam gegen das Ziel neigte. Die Gestalt auf dem Felsen war inzwischen wieder verschwunden.
Die Korks kamen schnell voran. Im Laufschritt sprangen sie mehr, als das sie liefen, und auch den leichten Anstieg schienen sie nicht einmal zu bemerken. Allein ihr Krächzen war in solch unmittelbarer Nähe, mitten unter ihnen, schier unerträglich.
Читать дальше