Silberne Punkte vor seinem Gesichtsfeld hüpften quickfidel umher, zu seiner sich hebenden und senkenden Schädeldecke gesellte sich ein ausgeprägter Schwindel.
Klasse!
Dies hätte ihm eben noch gefehlt – zusammenzubrechen aufgrund eines verschissenen unangemeldeten Besuchs!
Unkoordiniert taumelte er quer durch das winzige Schlafzimmer hinaus auf den ungleich winzigeren Flur.
In der gegenwärtigen Situation war er dankbar für dieses Rattenloch. Dadurch konnte er sich zumindest an Schränken und Wänden festhalten, um nicht elegant über seine eigenen Füße zu stolpern und mit der Hackfresse voraus auf den dunkelbraunen verschlissenen Parkettboden zu knallen …
Ja, der Boden benötigte seit Langem eine Intensivbehandlung durch Politur und Einscheibmaschine.
Nun, damit konnte sich sein Vermieter herumplagen! Schließlich hatte Lilian keine einzige der unzähligen Abnützungserscheinungen verursacht, unter anderem Risse, blasse Stellen und tiefe Einkerbungen.
Zittrig langte er nach dem sich im Mantel befindenden Schlüsselbund, steckte diesen in das Schlüsselloch, welches von einem abgegriffenen silbrigen Langschild aufgehübscht wurde, und öffnete die Eingangstür.
Wenn man vom Teufel spricht …
»Guten Tag Herr Gruber-Steiner«, wurde er von seinem kleinwüchsigen Vermieter mit Namen Gernot Truppe begrüßt. »Komme ich ungelegen?«
Nein, überhaupt nicht, dachte er entnervt. Ich konnte bloß einmal in drei Monaten halbwegs friedlich durchschlafen.
Wie lange hatte er eigentlich geschlummert? Zehn Minuten? Eine halbe Stunde?
»Nein, nein. Kommen Sie herein.«
Der um die fünfzig angesiedelte deformierte Mann mit der Halbglatze, dem übermäßig groß geschnittenen dunkelbraunen Hosen und dem Trachtenhemd watschelte an ihm vorbei in die – hatte irgendjemand etwas Gegenteiliges erwartet? – winzige Küche.
»Ursprünglich wollte ich Ihren Mietvertrag verlängern«, sprach dieser nüchtern. Ein Beschwichtigung andeutender Unterton sowie die ausgesprochenen Worte an sich ließen Lilian Fürchterliches bis Katastrophales erahnen.
»Eine Nichte meinerseits benötigt dringend eine kurzfristige oder auch längerfristige Unterkunft. Sie ist im siebten Monat schwanger, ihr Freund hat die Beziehung beendet und sie aus der gemeinsamen Wohnung geworfen. Kurz und knapp: Ich bin gezwungen, unseren Vertrag vorzeitig aufzukündigen.«
Lilian rang um Nervenstärke, Begriffe und Sauerstoff.
Um in den Genuss dieser Wohnung zu kommen, hatte er geschlagene drei Monate gesucht, gebettelt, gebetet und während dieser Zeit teilweise in seinem rostigen Ford oder bei seinem Kumpel Mike übernachtet.
Die Eskapaden seines damaligen Arbeitgebers – Sabrinas Vater –, Kollegen und Freunde seiner verschissenen zukünftigen Ex-und der nächtliche Telefonterror hervorgerufen durch Letztgenannte hatten diese drei Monate zu den bislang schlimmsten seines abgewrackten Lebens gemacht.
Tagsüber das Mobbing und fürchterliche Gerede von Kollegen und Chef, dazu die Anspielungen, Anklagen, mahnenden und angeekelten Blicke der gesamten Belegschaft sowie das eiskalte Ignorieren vonseiten Sabrina, alsbald Lilian ihr ein Schriftstück brachte oder eine Unterschrift benötigte … abends folgten die Vorwürfe und Drohungen, dazu gesellte sich das unerträgliche Suchen und sich Vorstellen bei unzähligen Vermietern sowie Firmen – immerhin hatte er eine neue Arbeit ebenso benötigt wie eine eigene Wohnung, wenn er Abstand zu Sabrina halten wollte …
O Gott … es war eine einzige Tortur gewesen.
Diese Zeit wollte er nicht noch einmal durchleben müssen. Doch wenn Herr Truppe ihn hinauswarf, würde der Weg höchstwahrscheinlich in eine ähnliche Richtung führen.
Lilian wurde es außerordentlich blümerant.
Freilich, es gab dutzende leerstehende Wohnungen von Privatvermietern. In kaum fünf Sekunden war es möglich, eine halbwegs passende Behausung im Umkreis von fünfzig Kilometern zu finden. Mieter zu werden, einen Vertrag aufsetzen zu dürfen dagegen stellte eine schier unlösbare Aufgabe dar.
Insbesondere in Lilians Fall.
Sabrinas Bekanntheitsgrad und ihre Verbindungen reichten bis weit über die österreichischen Grenzen. All diese erfolgreichen, selbstständigen oder in gehobenen Positionen arbeitenden Personen, welche Sabrinas verlogenem Charme verfallen waren, würden es selbstverständlich niemals zulassen, einen sie respektlos behandelnden, sie hintergehenden, sie für seine Zwecke benützenden Mann Obdach zur Verfügung zu stellen – ganz zu schweigen, dass Lilian nicht ausreichend finanzielle Mittel besaß, um die typischen drei Monatsmieten im Vorhinein zu bezahlen.
Sein jetziger Vermieter hatte sämtliche Hühneraugen zugedrückt und ihm diese kleine Unterkunft ohne Mehrkosten angeboten, welche Lilian unaussprechlich dankbar angenommen hatte.
Und nun sollte dieser Spießrutenlauf von vorn beginnen?
Das ertrug er nicht mehr – selbst ohne Sabrinas Gekeife und den missfallenden Blicken verschissener Kollegen.
Verflucht …
Nun … zumindest blieb ihm die Arbeitssuche erspart.
Kurz nach Erhalt dieser Wohnung war es ihm nämlich möglich gewesen, eine Stelle in einem nahe gelegenen Baumarkt anzunehmen und dieser zusammengeschweißten, dekadenten, überheblichen, grausamen Bagage endgültig zu entfliehen. Zwar arbeitete er bloß in der Gartenabteilung – nichtsdestotrotz gefiel es ihm. Er mochte Pflanzen, hatte seit jeher ein Händchen dafür gehabt. In seinen Kindheitstagen hatte er oft im Garten seiner Eltern gespielt. Im Gegensatz zu seiner Mutter hatte sein Vater ihm einiges Wissenswertes über Kräuter, Blumen, Obst und Gemüse nähergebracht. Seine Mutter hasste den Garten, den wild wuchernden Efeu, die üppigen Obstbäume, die hochgewachsenen Gräser, die unzähligen Gemüsesorten. Für sie bildete eine jede Pflanze eine Belastung und unmöglich zu zähmendes Chaos. Lilian hatte die Farbenpracht geliebt, insbesondere die blühenden Bäume im Frühling. Wie eine verborgene Märchenwelt hatte der zweitausend Quadratmeter große Garten angemutet. Die durch die Lüfte tänzelnden Schmetterlinge, die summenden Bienen, die zwitschernden Vögel – ein Paradies auf Erden.
Alsbald er nun in die Arbeit kam, die unzähligen exotischen Pflanzen sah, fühlte er sich zurückversetzt in diese zu kurz geratene Zeit der Unbeschwertheit.
Da er zudem jahrelange Erfahrung im Office-Management besaß, war er für den Papierkram in seiner Abteilung verantwortlich. Dadurch durfte er überdurchschnittlich oft und viel im Büro sitzen und Dokumente, Abschriften und Bestellungen abarbeiten. Ein weiteres Tätigkeitsfeld stellte das Zuliefern übergroßer Gewächse wie Bäume oder Palmen dar. Manchmal spielte er den Pflanzenchauffeur, manchmal erledigte dies ein Kollege.
Alles in allem gefiel ihm sein neuer Job. Sein Leben hatte dadurch – von all den anderen Schwierigkeiten einmal abgesehen – halbwegs erträgliche Züge angenommen.
Bis zu diesem Augenblick.
Jetzt sollte er neuerlich auf der Straße landen … womöglich verlöre er dadurch überdies seine Anstellung!
Irgendwann und nach Verdrängung einer auffachenden frischen Übelkeitsattacke fielen ihm endlich Worte ein.
»Wann genau muss ich aus der Wohnung draußen sein?«
»Es wäre der Dame sehr geholfen, wenn Sie innerhalb eines Monats ausziehen.«
»Ein Monat?!«
Lilian wurde es abermalig schwindlig.
Um ein Zu-Boden-Gehen zu verhindern, lehnte er sich an die minimalistische dunkelgraue Küchenarbeitsplatte.
»Wie soll ich in solch kurzer Zeit eine neue Wohnung finden?«
Herr Truppe wrang entschuldigend die Hände. »Eine Möglichkeit wäre das Ansuchen bei einer Genossenschaft. Dringliche Fälle erhalten üblicherweise kurzfristig eine Unterbringung.«
Ja, eine Unterbringung in einer vom Schimmel verseuchten Einzimmerwohnung, die Blick auf eine Müllverbrennungsanlage bot oder sich in einem Gettoviertel befand. Und von dem einzuzahlenden Bau- und Grundkostenbeitrag sprach er noch gar nicht!
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