An diesem Tag wollte er auch mit Alexandru sprechen, plaudern über dies und jenes, nichts Wichtiges, nur plaudern. Am Ende seines Besuches, als Alexandru ihn zur Tür begleitete, sagte er kurz und sehr deutlich, obgleich er fast flüsterte:
»Ich erwarte Sie um 16 Uhr im Hotel Continental , Zimmer 101.«
»Wieso?«
»Ich möchte ein Gespräch mit Ihnen führen, über wichtige Sachen.«
»Aber …« Er hatte Alexandru schon den Rücken zugekehrt und ging schnell die paar Meter bis zum Tor. Vor dem Haus wartete ein schwarzer Wagen mit Chauffeur in Uniform, versteht sich.
Ein Kloß in Alexandrus Hals. Was sollte er tun, sollte er Anna und den anderen etwas davon erzählen? Er sagte nichts. Sie sollten es besser nicht wissen. Sollte er die Einladung annehmen? Sie hatte wie ein Befehl geklungen, gezischt zwischen den gelblichen Zähnen des Oberst Pascu, wie eine drohende Geste, Zeigefinger und Mittelfinger von links nach rechts in einer kurzen, raschen Bewegung in Höhe des Adamsapfels. An wen gerichtet? Waren auch Mia und Victor in Gefahr? Alexandru wollte die beiden nicht in eine bedrohliche Lage bringen. Seine Entschlossenheit, die er bis dahin gezeigt hatte, war gebrochen. Er entschied sich, dorthin zu gehen.
Um Viertel vor vier wolle er ein wenig spazieren gehen, sagte er, ein paar Fotos in der Altstadt schießen, nichts anderes, nicht länger als eine Stunde.
Die Tür des Zimmers 101 ging sofort auf, als er kurz anklopfte. Oberst Pascu war nicht allein da. In einem der drei bequemen Sessel um einen kleinen runden Tisch saß eine blonde Frau, gutaussehend, diskret geschminkt, kurzer schwarzer Rock, ein Chemisier, gelb, nicht zu tief aufgeknöpft, Stöckelschuhe, schwarz. Lächeln, kalt. Wie gefroren, in Eis gemeißelt.
»Genossin Oprea, unsere Mitarbeiterin.« Cognac wurde ihm angeboten, nein danke, ich trinke keinen Cognac. Dann aber Kaffee, ja, danke, und Oberst Pascu verschwand, um den Kaffee zu holen.
Wie geht es Ihnen, wie ist das Leben so im Westen, haben Sie sich schon eingelebt? Sie stand auf, kam etwas näher, blieb hinter Alexandrus Sessel stehen, stützte sich auf Alexandrus Sessellehne und bot ihm mit der rechten Hand eine Kent Zigarette an, in einer Geste, als würde sie Alexandru von hinten umarmen. Keine Berührung. Das Feuer kam aus einem schweren silbernen Feuerzeug von der Seite. Sie setzte sich dabei auf die breite Armlehne seines Sessels und bückte sich ein wenig zu ihm hinunter. Er konnte sehen, dass das Chemisier ein Loch tiefer aufgeknöpft wurde. Er konnte jetzt deutlich ihr Parfüm riechen, es kam direkt aus ihrem Dekolleté. Wie gedrängt in die Ecke eines Boxringes in einem Kampf, den er unmöglich gewinnen konnte, versuchte er sich heraus zu winden.
»Wissen Sie, ich mag diese Art nicht, ich bin verheiratet.« Mit der Antwort kam auch eine weiche Hand um Alexandrus Hals.
»Ach, komm, wir wollen doch nur ein paar schöne Momente miteinander verbringen, es wäre bei dir nicht das erste Mal, das weiß ich.«
Die einzige Möglichkeit, aus ihrer Umklammerung zu fliehen, war aufzustehen und durch das Zimmer zu gehen wie der Löwe im Käfig des Zoos im Jungen Wald, machtlos und schwach, so schwach, dass er nicht einmal brüllen konnte.
»Was wollen Sie von mir wissen?«
Bei dieser Frage setzte sich die Frau und griff unter den kleinen Tisch, als würde sie dort etwas suchen. Es dauerte nicht lange, bis Oberst Pascu erschien, drei Tassen Kaffee auf einem Tablett, das er auf den Tisch stellte. Die Mienen der beiden waren nicht mehr weich und schmeichelnd, sie wurden ernst, und das drohende Zischen, das Alexandru kannte, begleitete die Fragen, die jetzt eine nach der anderen kamen, herausgeschossen wie aus einer Schnellschusswaffe.
»Was wissen Sie über Theo, wo lebt er, was tut er, was wissen Sie über Andrei, wo lebt er, was tut er, was wissen Sie über Mile? Alles gute Freunde von Ihnen, denen Sie geholfen haben zu fliehen. Sie können uns doch nicht sagen, dass Sie nichts über sie wissen. Es ist zu wenig, was Sie uns da erzählen, Sie müssen doch wissen, dass Mile inzwischen beim Radio Freies Europa arbeitet und dass Theo …«
Alexandru wurde es schwindelig von den vielen in seine Ohren geratterten Fragen, er wusste tatsächlich nicht mehr, und die beiden hörten nicht auf, ihm Einzelheiten über seine Freunde zu erzählen. Sie wussten viel mehr als er, was konnte er noch ergänzen?
Wie aus heiterem Himmel hörten die Fragen nach anderthalb Stunden auf, als hätte es wie in der Schule am Ende des Unterrichts geklingelt.
»Auf Wiedersehen, wir hören noch voneinander.« Und wieder das freundliche Lächeln der beiden.
Er hatte sich den ganzen Tag und fast die ganze Nacht über um nichts anderes gekümmert als um das Lenkrad und die Pedale des neuen Autos, das er fuhr, so schnell er konnte, so weit er konnte. Sie waren zeitig von Thessaloniki aufgebrochen zu einer Route, die sie noch nicht gefahren waren – quer über Bulgarien, staubig und grau, nichts in Erinnerung geblieben –, um so früh wie möglich an die Grenze zu kommen, um die Donau zu überqueren und dann auf eine andere Luft zu hoffen.
Der Grenzposten. Für einen Moment hatten sie den Eindruck mitten in einem Western zu sein, fast hörten sie Spiel mir das Lied vom Tod . Die Luft schwer und klebrig. Wie gefilmt durch einen milchigen Filter. Hitze, die dadurch sichtbar wird. Die paar Grenzsoldaten, verschwitzt, rauchend und um sich spuckend, bewegten sich langsam wie die Pistoleros vor einer Schießerei in einem Western, wo dann sehr schnell der eine oder der andere tot umfiel.
Keiner schien sie und ihr Auto zu bemerken, obwohl es keinen anderen Wagen da gab. Sollten sie es wagen, aus dem Auto auszusteigen und sich erkundigen, warum sie nicht ihre Pässe kontrollierten? Nein, du darfst sie nicht provozieren, sie könnten ja heftig reagieren, sie könnten uns vielleicht daran hindern, die Grenze zu passieren. Einen Grund würden sie schon finden.
Fast eine Stunde, sie wurden aber nicht ungeduldig, im Gegenteil, sie übten sich im Warten, höflich grinsend, als wäre das ihre eigentliche Aufgabe, dort an einem gottverlassenen Grenzübergang zu warten, bis einer der Grenzsoldaten, die ersten drei oder vier Knöpfe der Uniform offen, eine kleine gelbe Birne mit rosarotem Fruchtfleisch im Mund, zu ihnen schlendern würde.
»Ihre Dokumente!« Die Stimme klang wie ein eiskalter Wasserstrahl. Sie wussten, was folgen würde.
»Alles raus, das Kind auch!« Keine Widerrede. Ob sie das Olivenöl, die Kühltasche mit dem vielen Schweinefleisch, es waren acht Kilo, die zehn Kilo Mehl und die zehn Kilo Zucker wieder mitnehmen würden? Oder waren auch diese der Zoll zum Überqueren des legendären Flusses?
»Ja, wissen Sie, das alles ist für unsere Eltern, sie sind Rentner, denen geht es nicht so ...«
»Ja, ja, gut, gut«, der eiskalte Wasserstrahl im Nacken, wie eine scharfe Axt.
»Packen Sie nur alles aus, der Wagen muss leer werden.« Interessierte sie eigentlich nicht, was wir alles aus dem Wagen ausgepackten? Sie warfen kaum einen Blick darauf. Inzwischen waren es drei Grenzsoldaten, die den Wagen mit Unterbodenspiegeln inspizierten, die Polster der Sitze wurden fast rausgerissen.
»Motorhaube auf! Öffnen Sie den Luftfilter!«
Er hatte keine Ahnung, wo der Luftfilter war, er wusste aber, dass er keine Schraubenzieher dabeihatte, sie hätten ihm bei einer Panne sowieso nicht geholfen.
»Wie, keine Schraubenzieher?« Das Gesicht des Grenzsoldaten nahm menschliche Züge an, er stand da wie ein Schüler, der an der Tafel eine Übung lösen sollte, die er überhaupt nicht verstand. Er versuchte schnell wieder den eiskalten Ton zu finden.
»Wissen Sie, ich könnte die Produktion dieses Wagens sofort stoppen.« Da war Alexandru derjenige, der an der Tafel stand, verblüfft, nicht wissend, was er sagen sollte, ob er überhaupt etwas bemerken sollte.
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